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Springers Einwürfe: Pandemie der Einsamkeit

Gegen die Ansteckung mit dem Covid-19-Virus ist soziale Distanzierung angesagt. Deren psychische Nebenwirkungen verdienen mehr Aufmerksamkeit.
Ein Mann geht allein über eine Straße durch den Wald.

Meine Wohnungsnachbarin engagiert sich in der Telefonseelsorge. Aus unseren Gesprächen weiß ich, dass diese karitative Ein­richtung der beiden größten christlichen Kirchen den Beladenen jedes Glaubens oder Unglaubens Tag und Nacht Hilfe anbietet – durch geschultes, verständnisvolles Zuhören per Telefon oder neuerdings auch per Chat im Internet. Hin und wieder frage ich meine Nachbarin, wie sich die andauernde Pandemie in der Befindlichkeit der Anrufer widerspiegelt. Demnach zeichnet sich ein gewandeltes Bild ab: Anfangs häuften sich besorgte Fragen zu der neuen Seuche, doch nun dominieren Klagen über die grassierende Einsamkeit.

Diese anekdotische Einsicht wird durch eine Untersuchung erhärtet, die der Ökonom Marius Brülhart von der Universität Lausanne und dem Centre for Economic Policy Research in London zusammen mit seinem Institutskollegen Rafael Lalive sowie mit Valentin Klotzbücher und Stephanie K. Reich von der Universität Freiburg durchgeführt hat. Das Team sammelte Daten von acht Millionen telefonischen Hilferufen aus Europa, den USA, China, Israel und dem Libanon, die zwischen 2019 und Anfang 2021 getätigt wurden.

Gerade in Zeiten verschärfter sozialer Isolation ist die Analyse fernmündlicher Krisenberatungen der Königsweg, um zu einer zeitnahen Diagnose des seelischen Gesundheitszustands einer ganzen Gesellschaft zu gelangen. Dabei darf freilich nicht vergessen werden, dass sich im Datendunkel eine schweigende Mehrheit versteckt, die entweder stumm leidet oder halbwegs gut zurechtkommt – über deren Befinden man also nur spekulieren kann.

Jedenfalls zeigt die Studie einen deutlichen Zusammenhang zwischen Krankheitsausbrüchen und telefonischem Hilfsbedürfnis. Innerhalb von sechs Wochen nach dem Beginn einer landesweiten Infektionswelle erreichte die Anzahl der Anrufe ein Maximum, das 35 Prozent über dem vor der Pandemie üblichen Niveau lag. Dabei artikulierten die meisten Hilfe­ Suchenden ihre Furcht vor Ansteckung; zugleich wuchsen die Klagen über Vereinsamung durch soziale Distanzierung, gewissermaßen als Nebenwirkung der wichtigsten Maßnahme gegen drohende Infizierung.

Mit der Zeit gewöhnte man sich anscheinend einigermaßen an das Ansteckungsrisiko. Was blieb, war der Jammer des Alleinseins. Er übertönte viele der sonst üblichen Sorgen wie Partnerschaftsprobleme, psychische Beschwerden und Geldnöte.

A propos Finanzen. Im Gefolge der Pandemiewellen nahmen Anrufe, die mit Suizidgedanken einhergingen, merklich zu. Doch gerade die Häufigkeit solch ausnehmend dringender Hilfeschreie sank, sobald die Politik Maßnahmen zur Einkommenssicherung einleitete. Somit können das in Deutschland zügig bereitgestellte Kurzarbeitergeld sowie die – wenngleich oft allzu schleppend – gewährten Hilfsgelder an Klein­gewerbetreibende und Künstler in ihrer segensreichen Wirkung kaum überschätzt werden.

Geld sichert ja nicht nur die materielle Existenz, es ist außerdem ein Signal sozialer Wertschätzung. In der Hinsicht ist die Lage der Pflegenden besonders prekär. Sie sind privat genauso isoliert wie der Rest der Bevölkerung, werden aber obendrein beruflich fortwährend mit vulnerablen und mit mehr oder weniger schwer an Covid-19 erkrankten Mitmenschen konfrontiert. Wenn diese psychisch außerordentlich belas­teten Berufszweige personell unterbesetzt und schlecht bezahlt bleiben, droht sich der Pflegenotstand zu perpetuieren.

Noch weiß niemand, wie lange die Pandemie andauern wird, und mit ihr die soziale Isolation. Wenigstens die materielle und damit auch ideelle Anerkennung der Menschen, die den Zustand mildern und auf sein Ende hinarbeiten, tut dringend not.

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