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Storks Spezialfutter: Energiewende im Grünwaschgang

Die Europäische Union will Investitionen in Atomkraft und Erdgas als »klimafreundlich« einstufen. So diskreditiert sich die EU selbst, findet unser Kolumnist Ralf Stork.
Das Kernkraftwerk Tihange in Belgien

»Greenwashing, das – Wortart: Substantiv, Neutrum. Gebrauch: abwertend. Bedeutung: Versuch (von Firmen, Institutionen), sich durch Geldspenden für ökologische Projekte, PR-Maßnahmen o. Ä. als besonders umweltbewusst und umweltfreundlich darzustellen.«

Aus gegebenem Anlass beginnt der Text mit einer Wortdefinition aus dem Duden. Die EU-Kommission hat nämlich dieser Tage vorgeschlagen, im Rahmen ihrer so genannten Taxonomie Investitionen sowohl in Kernenergie als auch in Erdgas – zumindest für eine Übergangszeit und unter bestimmten Bedingungen – als nachhaltig einzustufen.

Die Taxonomie ist ein ganz neues Instrument, das im Jahr 2020 eigens geschaffen wurde, um festzulegen, welche Investitionen als beispielsweise klimafreundlich gelten sollen und welche nicht. Im Idealfall hätte die Union damit einen ambitionierten Standard setzen können, ein angesehenes und ehrliches Gütesiegel für nachhaltige Investments. Die Entscheidung, Atomkraft und Erdgas (vorübergehend) auch dazu zählen zu wollen, hat zu einem Aufschrei unter Naturschutzorganisationen und in den Mitgliedsländern geführt. Wobei es recht aufschlussreiche Unterschiede darin gibt, woran nun genau Kritik geäußert wird.

Der Welt steht ein Umbruch bevor – ob die Menschheit will oder nicht: Die Landwirtschaft muss nachhaltig und fit für den Klimawandel werden, gleichzeitig gilt es, eine wachsende Weltbevölkerung mit wachsenden Ansprüchen zu versorgen. Was bedeutet das für unsere eigenen Ansprüche? Und was für Umwelt und die Lebewesen darin?
In »Storks Spezialfutter« geht der Umweltjournalist Ralf Stork diesen Fragen einmal im Monat auf den Grund.

Atomkraft – da ist sich in Deutschland die neue Regierung mit vielen Bürgern größtenteils einig – ist hochriskant, aber nicht nachhaltig: Reaktorkatastrophen können Landstriche über Jahrzehnte verwüsten. Und wo ist das sichere Endlager in Deutschland, in dem die strahlenden Abfälle jahrtausendelang aufbewahrt werden können?

In Sachen Erdgas fällt die Kritik aus Deutschland dagegen deutlich leiser aus – wenn sie denn überhaupt geäußert wird. Und es ist ja auch richtig: Ein modernes Gaskraftwerk produziert je Megawattstunde nur etwa 0,4 Tonnen CO2. Das ist deutlich weniger als ein Braunkohlekraftwerk, das gut eine Tonne Kohlendioxid je Megawattstunde ausstößt. Nur: Weniger schmutzig ist noch lange nicht sauber.

Aber Deutschland setzt für die kommenden Jahre nun mal auf Erdgas. Es macht immer noch knapp ein Viertel vom deutschen Energiemix aus. Dafür ist die Bundesrepublik offenbar bereit, sich den Zorn anderer EU-Mitgliedsländer zuzuziehen und sich über die Inbetriebnahme der Gaspipeline Nord Stream 2 in die Abhängigkeit von Russland zu begeben. Auch das Erdgasfeld bei Groningen in den Niederlanden soll in diesem Winter stärker angezapft werden als ursprünglich geplant. Für die Region ist das durchaus mit Risiken behaftet. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Erdgasförderung und den vielen lokalen Erdbeben, weshalb die Gasförderung eigentlich sukzessive zurückgefahren werden sollte.

Länderspezifische Vorlieben gestalten die Taxonomie

Doch der Bedarf ist besonders groß. Entsprechend verhalten fällt die Kritik am EU-Nachhaltigkeitssiegel für Erdgas hier zu Lande aus. Am kritischsten äußern sich, neben den Umweltverbänden, die grünen Ministerien für Wirtschaft und Umwelt.

Ganz anders verläuft die Debatte in Frankreich. Hier begrüßt die Politik die Entscheidung pro Atomkraft nahezu einhellig. Kein Wunder – das große Nachbarland im Westen deckt rund 70 Prozent seines Energiebedarfs aus Kernenergie und plant sogar den Bau mehrerer neuer Reaktoren. Insgesamt zehn Länder der EU – außer Frankreich noch Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Finnland, Ungarn, Polen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien – hatten sich im vergangenen Jahr für die Kernenergie starkgemacht.

Die Aufnahme in die EU-Taxonomie könnte die Suche nach Investoren in diesen Bereichen leichter machen. Sicher ist das aber nicht. Es könnte genauso gut passieren, dass potenzielle Geldgeber den Etikettenschwindel erkennen und lieber in wirklich nachhaltige Projekte investieren.

Ganz ohne Not – bloß weil es einer Reihe von Mitgliedsländern genehm ist – diskreditiert die EU-Kommission ihr neu geschaffenes Instrument, das eine wichtige Rolle bei der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit hätte spielen können. Für den notwendigen Kampf gegen den Klimawandel sind das ziemlich schlechte Nachrichten.

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