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Warkus’ Welt: Was ist Schönheit?

Große Bauprojekte werden oft schon als »hässlich« kritisiert, bevor der erste Stein überhaupt gesetzt ist. Doch wer sagt eigentlich, was schön ist?
Kölner Dom bei AbenddämmerungLaden...

Es wird viel gebaut in deutschen Städten. Fast überall gibt es große Projekte, um Brachen und Lücken zu füllen oder verschlissene Altbauten zu ersetzen. Wenn Sie dies ein wenig verfolgen, dann kennen Sie sicher auch die folgende Situation: Ein Entwurf gewinnt einen Wettbewerb; die lokale Presse veröffentlicht ein paar Visualisierungen des geplanten Baus – und in den sozialen Medien wird er sofort als »hässlich« bezeichnet. Häufig folgt dann eine Bürgerinitiative oder ein Volksbegehren. Manche ringen in Kommentaren die Hände: »Warum können unsere Architekten nicht mehr schön bauen? Warum gibt es nur noch hässliche Entwürfe?«

Nur: Was heißt denn schön oder hässlich? Wir kennen alle die geflügelten Worte »Schönheit liegt im Auge des Betrachters« und »Über Geschmack lässt sich nicht streiten«. Sie besagen: Jeder Mensch empfindet rein subjektiv, was schön oder hässlich ist. Es ist sinnlos, über abweichende Schönheitsempfindungen zu diskutieren. Somit gäbe es aber keinen Grund, »Hässlich! Kann weg« unter einen Gebäudeentwurf zu kommentieren – denn damit beansprucht der Kommentierende ja, dass andere seine Einschätzung teilen und dass auf Grund dessen gehandelt werden sollte. Er setzt sein Urteil als objektiv.

Die Frage danach, was Schönheit ist (und damit, ob sie subjektiv oder objektiv ist), ist eine der beiden großen Fragen der philosophischen Ästhetik. (Die andere ist die Frage danach, was Kunst ist.) Die Diskussion darüber reicht zurück bis mindestens zu den alten Griechen. Eine bis heute wirkungsvolle antike Vorstellung ist, dass Schönheit eine Art Zusammenspiel von Proportionen sei: Schön sind Gegenstände (oder Lebewesen), die sich an bestimmte Verhältnisgesetze wie den Goldenen Schnitt halten. Heute gibt es sogar Versuche, dies mit Mitteln der empirischen Psychologie und der Neurowissenschaften nachzuweisen. Gelänge dies, könnte man tatsächlich mit naturwissenschaftlicher Sicherheit sagen, wie man bauen muss, um ein schönes Gebäude zu erhalten.

Schön ist, was alt ist

Ein grundsätzliches Argument gegen diese Idee ist, dass die Schönheitsvorstellungen verschiedener Gesellschaften und Epochen stark voneinander abweichen – zumindest wenn man danach geht, welche Produkte sie hervorbringen. Gotische Kirchen sind griechischen Tempeln so unähnlich, dass die Theoretiker der Renaissance, die sich wieder an der Antike orientierten, sie als hässlich ablehnten. Beides wiederum hat wenig gemeinsam mit buddhistischen Tempelanlagen auf Java oder Lehmmoscheen im Nigerdelta. In Deutschland im Jahr 2019 ist es aber kaum bemerkenswert, wenn jemand im Büro nebeneinander Fotos vom Kölner Dom, vom Parthenon, von Borobudur und von der Großen Moschee in Djenné aufhängt, weil er all diese Bauwerke schön findet. Wenn wir heute Diskussionen darüber betrachten, welche Gebäude als schön empfunden werden und welche nicht, fällt immer wieder auf: Schön finden viele vor allem, was alt ist – weitgehend unabhängig davon, wie es aussieht. Selbst vor wenigen Jahrzehnten noch allseits verhasste Gebäude gelten inzwischen vielen als ansehnlich.

Das große philosophische Problem der Schönheit besteht also darin: Wir können keine allgemein gültigen Kriterien für Schönheit in den Objekten selbst finden; aber viele Einschätzungen von etwas als schön oder hässlich beanspruchen irgendwie Allgemeingültigkeit. Wie geht das zusammen?

In Deutschland im Jahr 2019 ist es kaum bemerkenswert, wenn jemand im Büro nebeneinander Fotos vom Kölner Dom, vom Parthenon, von Borobudur und von der Großen Moschee in Djenné aufhängt, weil er all diese Bauwerke schön findet

Eine Möglichkeit, dieses Problem zu lösen, ist es, Geschmacksurteilen keine objektive, sondern nur eine »subjektive Allgemeinheit« zuzugestehen, wie es Immanuel Kant in dem wahrscheinlich einflussreichsten Text tut, der je zur philosophischen Ästhetik geschrieben wurde, der »Kritik der Urteilskraft« (1790): Wer sagt, dass ein Gebäude hässlich ist, der beansprucht, dass andere ihm unter optimalen Bedingungen zustimmen müssten. Beweisen kann er es jedoch nicht.

Daher können wir sagen: Wer einfordert, dass ein bestimmtes Gebäude so nicht gebaut werden soll, muss mehr zur Begründung liefern als nur »Hässlich!«. Er muss erklären können, was er mit »hässlich« meint, warum er diese Einschätzung verallgemeinerbar findet, und gleichzeitig damit leben können, dass nicht alle anderen es genauso sehen.

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