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Grams' Sprechstunde: Gesundheitskompetenz – mehr ist mehr

Sich »Gesundheitskompetenz« zu erwerben, sollte keine Privatsache bleiben: Hier anzusetzen wäre politisch überfällig, sagt »Spektrum«-Kolumnistin Natalie Grams.
Eine Ärztin steht mit einem Tablet vor einem Medikamentenregal.Laden...

Sie ist wichtig, und in der Corona-Pandemie wichtiger denn je: Die viel beschworene »Gesundheitskompetenz«. Aber … was ist das eigentlich? Schauen wir nach: Formal versteht man darunter »… die Fähigkeit des Einzelnen, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden«. So weit klar, zumindest theoretisch. Aber praktisch, so im Alltag? Puh, keine Kleinigkeit.

Ursprünglich bezog sich der englische Begriff der »health literacy« eigentlich nur darauf, ob die Menschen über die ausreichende grundlegende Fähigkeit verfügen, (medizinische) Texte überhaupt zu verstehen. Unsere »Gesundheitskompetenz« geht über dies inzwischen längst weit hinaus: Gemeint ist nun auch die Fähigkeit, verstandene Informationen tatsächlich auch zu nutzen – also zum Beispiel zu entscheiden, wann ein Arztbesuch angebracht ist, was man selbst für sich tun kann, welche Verfahren plausibel und wirksam sind und wo man auch einfach einmal gelassen abwarten kann.

Seit 2018 gibt es einen »Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz«, eine interdisziplinäre Initiative, an der auch das Gesundheitsministerium beteiligt ist. Die Initiative nahm Fahrt auf, nachdem sich deutlich gezeigt hatte, dass durchweg mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht über ausreichende Gesundheitskompetenz im Sinne der Definition verfügt, ganz besonders auch die jüngere Generation. Den Menschen fällt es insgesamt schwer, relevante Gesundheitsinformationen erst einmal zu finden, dann zu bewerten und schließlich vor allem zu nutzen. Verschiedene Studien, speziell auch zur immer wichtigeren medialen Gesundheitskompetenz, haben gezeigt, dass es dabei keine wirklich durchgreifenden Fortschritte gab.

Der Gesetzgeber überträgt den Krankenkassen unter anderem die Aufgabe, gesundheitsbezogene Fähigkeiten und Kompetenzen ihrer Mitglieder zu fördern; Interessierte finden die genaue Anforderung in Paragraf 20 und seinen Unterparagrafen des Sozialgesetzbuches V. Tatsächlich hat der Gesetzgeber dort ganz aktuell auf das Problem der digitalen Gesundheitskompetenz reagiert: Er fordert unter »20k« nun von den Kassen, in ihren Satzungen »Leistungen zur Förderung des selbstbestimmten gesundheitsorientierten Einsatzes digitaler oder telemedizinischer Anwendungen und Verfahren durch die Versicherten« vorzusehen. Die Leistungen »sollen dazu dienen, die für die Nutzung digitaler oder telemedizinischer Anwendungen und Verfahren erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln«.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Löblich, dass der Spitzenverband der Krankenkassen sich der Sache angenommen hat. Aber wenn man bedenkt, dass das Sozialgesetzbuch V den Kassen im Grunde seit jeher auferlegt hat, die Gesundheitskompetenz zu fördern; und wenn die durchaus nicht untätig waren, so stellt sich die Frage: Kommt vielleicht zu wenig dieser Mühe am Ende bei den Menschen an? Wohl ja. Aber warum? Was könnte man ändern?

Kompetenz in Gesundheit wird gefördert, aber nicht wirksam

Für eine Erkenntnis hätte es keiner neuen empirischen Untersuchung bedurft: In der Pandemie ist wieder deutlich geworden, welche teils bestürzenden, elementaren Lücken im Gesundheitswissen klaffen. Ich – und ganz sicher nicht nur ich – bin im Rahmen von Aufklärungsarbeit mit Fragen und Ansichten konfrontiert worden, die ich eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Der Anti-Hype um »genetische Impfstoffe« war nur einer der Abgründe. Die Stunde von Impfgegnern und Wissenschaftsleugnerinnen hatte geschlagen; sie wurden gehört wie vielleicht nie zuvor. Nach anfänglicher Zurückhaltung meldeten auch die Homöopathen den selbst erhobenen Anspruch an, zur Bekämpfung der Pandemie beitragen zu können, mit teils absurden Auswüchsen. Das hätte ja gerne auch alles verhallen können, aber nein, es wurde gehört.

Und nun? Alle nötigen Informationen für eine solide Gesundheitskompetenz stehen ja im Prinzip bereit. Warum kommen sie nicht dort an, wo sie hinsollen? Es scheint nicht zu helfen, dass die Bildung von Gesundheitskompetenz sowohl Hol- wie auch Bringschuld ist: Bringen müssen Krankenkassen (siehe die Paragrafen im Sozialgesetzbuches), aber holen muss auch jeder Einzelne.

Um das zu erleichtern, gilt die Grundregel jeder Kommunikation: Hol die Leute dort ab, wo sie stehen. Das hat der Nationale Aktionsplan durchaus auch erkannt. Längst ist bekannt, dass es heute nicht ausreicht, Informationen nur schriftlich zu geben; Youtube-Videos von Wissenschaftskommunikatorinnen haben beispielsweise längst ihren Platz in der gesundheitlichen Aufklärung gefunden. Wir brauchen ein »Anders« bei der Kommunikation. Womöglich auch ein »Mehr« gegenüber den bisherigen Anstrengungen; und auch mehr Bewusstsein dafür, wie wichtig gesundheitliche Aufklärung ist, für alle Seiten. Dazu brauchen wir vielleicht so etwas wie ein Partnernetzwerk, in das alle Beteiligten eingebunden sind, bis hinunter auf die Ebene der Hausärztin des Vertrauens. Der muss, ich wiederhole mich hier gerne, dafür aber mehr Zeit zur Verfügung stehen. Immerhin, der damalige Vorsitzende der Bundesärztekammer 2018 hat das im »Aktionsplan« auch angemerkt.

In Frankreich wird derzeit übrigens darüber nachgedacht, freie Organisationen, die sich der Aufklärung über Pseudomedizin verschrieben haben, als Kompetenzzentren anzuerkennen und sie staatlich zu fördern. Das brauchen wir auch hier – für eine bessere Aufklärung über Pseudomedizin aller Couleur und ihre Abgrenzung gegenüber wirklicher Medizin. Da gäbe es ja naheliegende Ansätze. Es untergräbt Gesundheitskompetenz beispielsweise doch eher, als sie zu fördern, wenn Mittel ohne jeden Wirkungsnachweis per gesetzlicher Privilegierung zu Arzneimitteln erklärt werden, wie bei der Homöopathie.

Aber hier gibt es sicher keinen Zielkonflikt, oder? Also, liebe Entscheidende im Gesundheitswesen, vielleicht setzt ihr einfach mal hier den Hebel zuerst an, schließlich ist ja jetzt bald Bundestagswahl. Lasst die Kassen mit ihren Satzungsleistungen zumindest lieber für Maßnahmen der digitalen Gesundheitskompetenz werben als für Kontraproduktives wie Homöopathie; oder für allerlei anderes aus dem Bauchladen des eher Zweifelhaften. Das öffnet dann doch sicher auch Spielraum für einen sinnvollen Wettbewerb! Von allen Akteuren des Gesundheitswesens würde ich mir unterdessen wünschen, dass sie aktiver als bisher Fake News und Fehlinformationen zu Gesundheitsfragen direkt und offensiv entgegentreten. Ein »anything goes« ist keine Kompetenz, es ist das Verweigern von gesundheitlicher Aufklärung.

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