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Kompaktlexikon der Biologie: carnivore Pflanzen

carnivore Pflanzen, Carnivora, Fleisch fressende Pflanzen, Tier fangende Pflanzen, Pflanzen, die spezielle Einrichtungen zum Fangen und Festhalten kleiner Tiere besitzen, die verdaut und als zusätzliche Nahrungsquelle genutzt werden. Zu den carnivoren Pflanzen gehören weltweit ca. 450 Arten. Da die Beutetiere meist Insekten sind, nennt man diese Gruppe der carnivoren Pflanzen auch Insektivoren.

Die aus den Drüsen der Fangeinrichtungen ausgeschiedenen Exoenzyme (Proteasen, Esterasen, Phosphatasen) bewirken einen Abbau der organischen Substanz der Beutetiere. Die Enzyme werden entweder nach Reizung durch das Beutetier oder unabhängig davon abgeschieden. Die Verdauungsprodukte werden von der Pflanze – oft mit Hilfe besonderer Absorptionshaare – resorbiert und dem Stoffwechsel zugeführt. Lediglich Chitin wird nicht abgebaut und bleibt in Form der leeren Außenskelette zurück.

Die Standorte der C. sind stickstoff- und phosphorarm wie z.B. Hochmoore, anmoorige Wiesen und nährstoffarme Sandböden. Weitere Lebensräume sind Feuchtsavannen, Regenwälder und Binnengewässer.

Die Blätter der C. sind für den Fang von Tieren umgestaltet. Bei den heimischen Arten, z.B. den in Mooren vorkommenden Sonnentau-Arten, Drosera (Droseraceae), und der Gatt. Fettkraut, Pinguicula (Lentibulariaceae), sind die Blattspreiten mit Tentakeln besetzt, die an ihrem köpfchenartigen Ende ein Beutetiere anlockendes Sekret ausscheiden, an dem kleine Tiere festkleben (Klebfalle). Die Tentakel der Klebfallen können sich bei einer Reizung einkrümmen ( vgl. Abb. ). Die Krümmungsbewegungen werden hauptsächlich durch chemische Reize ausgelöst (Chemonastie), die vom Beutetier ausgehen. Bei der in nordamerikanischen Mooren vorkommenden Venusfliegenfalle, Dionaea muscipula (Droseraceae), können die beiden Hälften der Blattspreite sekundenschnell zusammenklappen (Klappenfalle), wenn ein kleines Tier die Fühlborsten auf der Blattoberseite berührt (Seismonastie). Da sich an den Blatträndern ein Kranz von Zähnen befindet, die beim Zuklappen ineinander greifen, kann das Tier nicht entkommen. Es wird durch Drüsen auf der Blattoberseite verdaut. Klappenfallen besitzt auch die einheimische Wasserfalle, Aldrovanda vesiculosa (Droseraceae), eine seltene, untergetaucht lebende Wasserpflanze.

Bei der aquatisch lebenden Gatt. Wasserschlauch, Utricularia (Lentibulariaceae), sind die Blattzipfel oft in kleine Blasen (Fangblasen) umgebildet, die eine sich nach innen öffnende Klappe besitzen. Stoßen kleine Wassertiere an Borstenhaare in der Umgebung der Klappe, öffnet sich die Klappe und die Tiere werden mit dem Wasserstrom nach innen gesogen.

Bei der Kannenpflanze, Nepenthes (Nepenthaceae), ist die Spitze der Blattspreite in ein kannenförmiges Gebilde umgewandelt, in dessen innerem, unteren Teil Wasser ausgeschieden wird, das die Verdauungsenzyme enthält. Die Insekten werden durch Nektarien (Nektarium) angelockt, die sich am oberen Rand der Kanne befinden. Der innere, obere Teil der Kanne ist mit Wachs überzogen, sodass die Tiere leicht ins Innere abrutschen können (Gleitfallen). Über der Kanne befindet sich ein Deckel, der eine zu starke Verdünnung des Verdauungssekretes durch Regenwasser verhindert.

Die carnivoren Pflanzen besitzen stets auch Chlorophyll, sind zur Fotosynthese befähigt und lassen sich bei ausreichendem Nährstoffangebot auch ohne tierische Nahrung kultivieren. Neben carnivoren Pflanzen gibt es auch carnivore Pilze, z.B. die Gatt. Zoophagus, deren Arten Klebhyphen besitzen.



carnivore Pflanzen: 1 Kannenfalle der Kannenpflanze (Nepenthes). 2 Klappfallenblätter der Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula): a fangbereit, b nach dem Fang. 3 Klebfalle des Sonnentaus (Drosera) mit gefangenem Insekt

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Redaktion:
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Dr. Daniel Dreesmann

Wissenschaftliche Fachberater:
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Professor Dr. Siegbert Melzer, Institut für Pflanzenwissenschaften, ETH Zürich
Professor Dr. Walter Sudhaus, Institut für Zoologie, Freie Universität Berlin
Professor Dr. Wilfried Wichard, Institut für Biologie und ihre Didaktik, Universität zu Köln

Essayautoren:
Thomas Birus, Kulmbach (Der globale Mensch und seine Ernährung)
Dr. Daniel Dreesmann, Köln (Grün ist die Hoffnung - durch oder für Gentechpflanzen?)
Inke Drossé, Neubiberg (Tierquälerei in der Landwirtschaft)
Professor Manfred Dzieyk, Karlsruhe (Reproduktionsmedizin - Glück bringende Fortschritte oder unzulässige Eingriffe?)
Professor Dr. Gerhard Eisenbeis, Mainz (Lichtverschmutzung und ihre fatalen Folgen für Tiere)
Dr. Oliver Larbolette, Freiburg (Allergien auf dem Vormarsch)
Dr. Theres Lüthi, Zürich (Die Forschung an embryonalen Stammzellen)
Professor Dr. Wilfried Wichard, Köln (Bernsteinforschung)

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