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Lexikon der Neurowissenschaft: Akupunktur

Akupunktur w [von latein. acus = Nadel, punctura = Stich], E acupuncture, Verfahren aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ( siehe Zusatzinfo ), bei dem durch Einstechen von Nadeln an bestimmten Körperstellen organische Erkrankungen beeinflußt oder Schmerzlosigkeit herbeigeführt werden soll. Nach diesem Verständnis soll die Akupunktur ein ausgewogenes Zusammenspiel sämtlicher Organe des Körpers durch die Harmonisierung der Lebensenergie ermöglichen (Steuerung des Energieflusses in den Meridianen). In der westlichen Schulmedizin lange umstritten, gilt die Akupunktur heute als Bereicherung des Therapiespektrums, zumal sich ihre Wirkungen mit der Reizweiterleitung über das Nervensystem nachvollziehen lassen. Dabei spielen Nervenverbindungen von den durch Nadeleinstiche gereizten Hautstellen und Muskeln mit den inneren Organen sowie die Ausschüttung von Endorphinen bei der Schmerztherapie eine wesentliche Rolle ( siehe Abb. ). Durch die Akupunktur der Muskeln werden Nervenfasern aktiviert, die Impulse ans Rückenmark entsenden, wodurch verschiedene analgetisch wirksame Zentren aktiviert werden. Als gesichert gilt hier die Schmerzlinderung bzw. das Aufheben der Schmerzempfindung, auch als Akupunkturanalgesie bezeichnet, vor allem bei Schmerzen im Zusammenhang mit Verschleißkrankheiten, Spannungskopfschmerz, Trigeminusneuralgie, aber auch bei chronischen Schmerzen der Lenden- und Halswirbelsäule, Ischiasschmerzen oder Migräne. Es gibt jedoch Patienten, die nicht auf analgetische Akupunkturbehandlungen ansprechen. Da der Einfluß der Akupunktur auf Schmerzen in engem Zusammenhang zu Opiatrezeptoren steht, wird vermutet, daß solche sogenannten "Nonresponder" einen genetisch determinierten Mangel an Opiatrezeptoren haben. Auch ein Mangel an Endorphin-Produktion könnte für das Nicht-Ansprechen auf Akupunkturbehandlungen verantwortlich sein. Diese Vermutungen konnten an Mäusen experimentell bestätigt werden. Tiere mit derartigen Mängeln reagieren nicht oder nur sehr schlecht auf Analgesie durch Akupunktur, wohingegen normale Tiere sehr gut reagieren. – Weiterhin umstritten sind die sogenannten Akupunkturpunkte. Es handelt sich dabei um besondere Punkte der Haut und des unterliegenden Gewebes, in denen Bündel von Blutgefäßen und Nerven räumlich zusammentreffen. Es wird vielfach die Meinung vertreten, daß es nicht notwendig ist, die Punkte genau zu treffen, sondern daß das Einstechen in abgegrenzte Areale für viele Wirkungen vollkommen ausreicht. Dies widerspricht wiederum den traditionellen Regeln der Akupunktur, die besagen, daß das genaue Treffen der Akupunkturpunkte essentiell ist, da sonst die erwünschten Wirkungen ausbleiben. – Um die gewünschten analgetischen Effekte zu erreichen, wurden in der traditionellen Medizin die Akupunkturpunkte ständig durch Drehungen der Nadeln gereizt. Heute wird die manuelle Stimulation durch elektrischen Strom von einer vergleichbaren langsamen Frequenz ersetzt. Man spricht dann von Elektroakupunktur oder Elektrostimulationsakupunktur. Bei einer anderen Methode, der Akupressur, werden die Stellen, an denen bei der Akupunktur Nadeln eingestochen werden, für eine Fingerdruckmassage genutzt. Ein der Akupunktur entsprechendes Verfahren ist die Moxibustion, das Räuchern von getrocknetem Pulver des Beifuß auf den Akupunkturpunkten; sie wird hauptsächlich bei Kälteerkrankungen und Störungen der Blutzirkulation angewandt. absteigende Hemmung, Head-Zonen, Schmerz.

Anwendung in der Psychiatrie: Die richtige Behandlung mit den Nadeln kann neben organischen Erkrankungen auch verschiedene psychische Störungen mildern, wie etwa Depressionen und Angststörungen. Vermutlich gibt es für diese Behandlungen sogar übergeordnete Akupunkturpunkte, die bei allen oder doch den meisten Menschen wirken. Dadurch wird das Verfahren natürlich wesentlich vereinfacht, da es die Suche nach den von Patient zu Patient unterschiedlichen individuellen Punkten erspart.

Akupunktur

Bislang wurde angenommen, daß die Akupunktur vor etwa 3000 Jahren in China erfunden wurde. Der vor mehr als 5000 Jahren verstorbene und im Eis konservierte Steinzeitjäger "Ötzi" weist jedoch Tätowierungen an Akupunkturpunkten auf, die auf eine entsprechende Behandlungsart hinweisen. Daher müssen die Vorstellungen über Alter und Entstehungsort der Akupunktur eventuell revidiert werden.



Akupunktur

Der obere Teil der Abbildung zeigt die Leitung eines Schmerzreizes von der Haut bis in den sensorischen Cortex. Dabei wird der Reiz von Schmerzrezeptoren in der Haut (1) aufgenommen und zum Rückenmark geleitet, von dort weiter über Zellen des Tractus spinothalamicus (2, TST) zum Thalamus (3) und von dort in den Cortex (4).
Durch Akupunkturnadeln werden sensorische Rezeptoren in den punktierten Muskeln aktiviert, die diese Signale über afferente Bahnen (5) ins Rückenmark leiten und dort Zellen des Tractus anteriolateralis (TAL) stimulieren (6). Diese haben mehrere Wirkungen. Zum einen erregen sie endorphinerge Zellen im Rückenmark (7), die ihrerseits die schmerzleitenden Fasern (2) präsynaptisch hemmen. Zum anderen ziehen Bahnen der TAL-Zellen ins Mittelhirn (Mesencephalon) sowie zum Hypothalamus-Hypophysen-System. Im Mittelhirn erregen sie Zellen des periaquäduktalen Graus (8), die ihrerseits Zellen im Raphekern (9) erregen. Diese aktivieren über absteigende Bahnen (Tractus dorsolateralis, TDL) wiederum die endorphinergen Rückenmarkszellen (7), und die Schmerzbahnen werden gehemmt. Die Wirkung der TAL-Zellen auf das Hypothalamus-Hypophysen-System (10, 11) führt schließlich zu einer Ausschüttung von ACTH (adrenocorticotropes Hormon) und β-Endorphin aus der Hypophyse (11) ins Blut, was wiederum schmerzlindernde Wirkungen hat. Die genauen Mechanismen hierbei sind jedoch noch nicht geklärt. Zur Diskussion steht u.a. ein retrograder Transport von Hypophysenhormonen direkt ins Gehirn (Raphekerne, 9) über das Hypophysen-Pfortadersystem.

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