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Goldschmiedekunst der altperuanischen Sicán-Kultur

An Grabbeigaben erhielt ein Sicán-Würdenträger allein etwa 18 Zentner Gold, Silber, Kupfer und deren Legierungen – außer kunstvollen Statuszeichen auch Unmengen von Schrott. Sein Volk betrieb mithin vor rund 1000 Jahren nicht nur eine hochentwickelte Metalltechnik, sondern muß den einzelnen Metallen subtile Bedeutungen beigemessen haben.

Zu den meistbewunderten kunst- und wertvollen Objekten des alten Peru gehören goldene Masken, Schmuckstücke, Gefäße und Zeremonialmesser. Photos davon prangen auf Büchern über vorspanische Kulturen, und manch eine Institution des Landes schuf ihr Emblem danach. Nicht nur Laien halten diese Kostbarkeiten oft für Werke der Inkas oder der Chimú (deren Goldschmiedefertigkeiten hatten die Inkas übernommen, als sie ihr großes Reich, das etwa seit Mitte des 12. Jahrhunderts bestand, um 1467 eroberten, also kurz bevor sie selbst 1532/33 der spanischen Eroberung zum Opfer fielen).

Viele dieser Schätze sind aber deutlich älter. Ihre Schöpfer gehörten der Sicán-Kultur an, die im nördlichen Peru bei Batán Grande, etwa 800 Kilometer nördlich von Lima, ihr Zentrum hatte und zwischen dem 8. und dem 14. Jahrhundert blühte. Besonders in der Periode des mittleren Sicán, zwischen 900 und 1100, florierte auch die Schmuckmanufaktur. In jener Zeit entstanden massenhaft Pretiosen aus Gold, Silber, Kupfer und deren verschiedenen Legierungen. Viele der Stücke bezeugen ein hochentwickeltes Handwerk.

Dies gilt insbesondere auch für die Beigaben des ersten Fürstengrabes dieser Kultur, das Wissenschaftler unversehrt entdeckten. Gemeinsam mit einem interdisziplinären Stab konnten wir den gesamten Fundus bergen, viele der wertvollsten Objekte restaurieren und erste Mutmaßungen darüber anstellen, wie die Sicán wohl Metalle gewannen, verarbeiteten und verwendeten. Sie müssen ihnen einen Rang beigemessen haben wie vordem keine Völkerschaft auf dem Subkontinent.

Kleine, teils vergoldete Kupfergegenstände sind in Gräbern der Region gefunden worden, die Mitte des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung angelegt worden waren. Später kamen Kupfer-Arsen-Legierungen hinzu. Aber erst die Sicán scheinen um 900 mit einer umfangreichen Produktion solcher Bronzen die Metallurgie voll entwickelt zu haben (Spektrum der Wissenschaft, September 1991, Seite 126); zugleich wurden Gold und seine Legierungen das prestigeträchtigste Medium ihres politischen, sozialen und religiösen Lebens. Eine Gesellschaft kann sich kaum derart auf eine neue Technologie konzentrieren, ohne entsprechende Strukturen und Organisationsformen auszubilden.


Organisierte Schatzgräberei

Vielfach liegt die Herkunft von Relikten dieser Periode im dunkeln, oder zumindest sind die Angaben dazu zweifelhaft, denn fast alle Objekte in privaten und öffentlichen Sammlungen stammen vom grauen oder schwarzen Markt. Zu spät hatte die peruanische Regierung in der Region Batán Grande das Nationale Archäologische und Ökologische Reservat Poma eingerichtet: Seit langem sind dort ganze Gräberfelder des mittleren Sicán von habgierigen Ignoranten ausgeraubt worden.

Die moderne Version der Schatzsuche begann in den dreißiger Jahren. Weil die Toten mit ihren Beigaben in tiefen Gruben beigesetzt worden waren, gingen die Plünderer geradezu bergmännisch vor. An Stellen, die ihnen solche Mühe zu lohnen schienen, legten sie einen Schacht an und trieben in der Tiefe waagrechte Suchstollen vor. Als auf diese Weise immer mehr reich ausgestattete Gräber aufgetan wurden, kam die Prospektion auf Sicán-Antiquitäten erst richtig in großem Stil in Gang. Auf dem Höhepunkt Ende der sechziger Jahre wurde zwölf Monate lang die obere Erdschicht mit einem Bulldozer abgetragen, so daß alle früheren Störungen der natürlichen Bodenstruktur erkennbar wurden. Als 1978 meine wissenschaftliche Feldarbeit begann, zählte ich (Shimada) auf Luftaufnahmen des Poma-Reservats mehr als 100000 Schatzgräber-Löcher und Hunderte von tiefen, langen Bulldozerfurchen.

Von Relikten einer Kultur, die auf diese Weise aus dem archäologisch ungemein wichtigen Zusammenhang gerissen und über den illegalen Handel verstreut werden, läßt sich kaum mehr ihre soziopolitische, religiöse und wirtschaftliche Bedeutung näher bestimmen. Hinzu kommt, daß die Objekte zumeist unsachgemäß behandelt werden, teils in der naiven Absicht, sie vor dem Verkauf zu verschönern. So gehen zum Beispiel Farbreste, Federkiele oder Werkzeugspuren beim Säubern eines goldenen Ornaments verloren; mitunter werden fehlende Einlegeteile oder Ringe willkürlich ersetzt. Darum sind Fundstücke aus dubiosen Quellen, selbst wenn sie in Museumsbestände gelangen oder seriöse Sammler sie für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung stellen, nicht unbedingt als authentisch anzusehen, und man kann sie nur sehr vorsichtig interpretieren.

Ein nicht geplündertes Grab

Glücklicherweise bot sich aber endlich doch die Gelegenheit, ein unberührtes Grab nach wissenschaftlichem Standard zu erforschen – dazu noch das eines Mitglieds der Sicán-Elite. Ich (Shimada) war 1978 bei einer Feldbegehung darauf aufmerksam geworden. Es lag im Poma-Reservat am Fuße des nördlichen Abhangs von Huaca Loro, einem 40 Meter hohen Lehmziegelplateau, und gehörte offensichtlich zu einer Reihe weiterer Gräber aus der mittleren Sicán-Epoche, die östlich und nördlich unterhalb des Plateaus angelegt worden waren, aber fast alle geplündert sind. ("Huaca" bedeutet in der alten Inka-Sprache wie auch im heutigen Quechua soviel wie Heiligkeit, Zustand nach dem Tode oder einfach heiliges Objekt.)

Allein die Planungsphase für die Ausgrabung dauerte zehn Jahre, weil sie Teil einer größeren Studie über die gesellschaftlichen Strukturen und die Geschichte dieser altperuanischen Kultur sein sollte. Fachleute für die verschiedensten speziellen Aufgaben mußten gefunden werden. Ein besonderes Problem schien der nach einer ausgiebigen Regenphase hohe örtliche Grundwasserspiegel zu sein, doch sank er nach mehreren Jahren unter das Niveau der Grabhöhle ab. Schließlich, nachdem auch die mißtrauischen Bewohner der Region mit einer Vortragskampagne von der Legalität und wissenschaftlichen Bedeutung des Archäologie-Projekts Sicán überzeugt worden waren, konnte die Grabung beginnen; sie dauerte von Oktober 1991 bis März 1992.


Gold und Menschen für das Jenseits

Die Gruft war als elf Meter tiefer, sich nach unten verjüngender Schacht angelegt worden, der am Grunde rund drei Meter im Geviert maß. Bestattet hatte man einen vielleicht 40- oder 50jährigen Mann, offenbar eine hochrangige Persönlichkeit, denn außer Unmengen an materiellen Gütern waren ihm zwei junge Frauen und zwei Kinder mitgegeben worden, deren Skelettreste ihm zu seiten lagen.

Nach und nach kamen annähernd 1,2 Tonnen Beigaben zutage, die ursprünglich eine insgesamt gut eineinhalb Meter dicke Schicht bildeten – vom Gewicht her machte Metall etwa drei Viertel davon aus. Es sind erlesene Schmuckstücke und diverse Gegenstände für zeremonielle Anlässe, aber auch große Mengen Edelmetallschrott. Die meisten der größeren Objekte bestehen anscheinend aus 14- bis 18-karätigem Gold, manche – wie auch nahezu alle der kleineren Abfallteile – aus Tumbaga, der im vorspanischen Peru viel hergestellten Gold-Kupfer- oder Gold-Silber-Kupfer-Legierung, die etwa 10- bis 14-karätigem Gold entspricht und nach einer damals gebräuchlichen Oberflächenbehandlung fast wie pures Gold wirkt (reines Gold hat 24, eine Legierung mit hälftigem Goldanteil 12 und eine mit einem Drittel Gold 8 Karat).

Diese Beigaben waren in konzentrischen Kreisen um den Mann herum arrangiert, dessen Körper man gänzlich mit Zinnober (einer intensiv roten Farbe aus Quecksilbersulfit und einem Bindemittel) bestrichen hatte. Eigenartig war die Position des Toten: kopfunter in Hockstellung mit gekreuzten Beinen, wobei das Gesicht noch um 180 Grad nach hinten gedreht und so auf den Rücken gebeugt war, daß es nach oben schaute.

Am Schädel fanden sich drei Sets Ohrschmuck und eine große Goldmaske (Bilder 1 und 2). Der Körper war mit einem Umhang bedeckt, dessen Stoff zerfallen ist; aufgenäht waren 200 Quadrate aus Goldfolie. Auf, neben und unter dem Leichnam befanden sich ein Stab mit Gold- und Tumbaga-Ornamenten auf einem hölzernen Schaft, ein goldener Kopfschmuck mit einer plastischen Tierkopf-Darstellung, ein Paar Schienbeinschienen aus Gold, ein Paar einen Meter lange handschuhartige Gebilde aus Tumbaga, von denen eines einen goldenen Rasselbecher mit angesetztem hohlem Silberboden hielt (Kasten auf den Seiten 92 und 93), ein silbernes halbmondförmiges Zeremonialmesser (ein sogenanntes Tumi) sowie auf einem Haufen sechs Paar goldene Ohrpflöcke (Bild 3). Die Brust des Toten war mit einer fast zehn Zentimeter dicken Schicht Perlen bedeckt, unter anderem aus Sodalith (einem Feldspat), Amethyst, Bergkristall, Türkis, Flußspat, Kalkspat und Muschelschalen gefertigt. Weiter entfernt, mehr in den Ecken der Gruft, lagen etwa 500 Kilogramm loser Tumbagaschrott sowie Gerätschaften von mehr als 250 Kilogramm Gewicht aus einer damals gebräuchlichen Arsen-Bronze.

Bei weitem am beeindruckendsten aber war das sogenannte Gold-Depot 1, eine rechteckige, mit gewebten Matten ausgekleidete Truhe in der nordwestlichen Ecke der Grabkammer. Sie barg mehr als 60 größere Gegenstände, die meisten aus Goldblech, der Rest aus Silber oder Tumbaga, und zwar ein seltsames Sammelsurium rituellen Zubehörs und persönlichen Schmuckes: fünf Kronen, vier Stirnreifen, Teile von einem Dutzend Kopfverzierungen in Tumi-Form und einem halben Dutzend goldener Federkopfschmuck-Ausstattungen, außerdem drei Fächer aus Tumbaga sowie 14 große, diskusförmige, radial eingekerbte Scheiben, die entweder auf Zeremonialstäben staken oder die Kopfschmuck-Rückteile verziert haben. Die größten Stücke lagen auf dem Boden der Truhe: vier Garnituren eines parabolförmigen Kopfzierats, den man auf und vorne vor eine Krone setzte.

Auch zwei von sieben in die Wände der Gruft gegrabene Nischen enthielten Prunkstücke aus Edelmetall. In der größten lagen schätzungsweise 1500 Bündel von je 12 oder 13 sogenannten Naipes; diese in Form und Größe einheitlichen, kleinen, flachen Gebilde aus Arsen-Bronze dürften als Zahlungsmittel gedient haben. Die Grube enthielt außerdem zwei Tumi-Messer aus einer Silberlegierung, Tausende quadratischer Plättchen, ebenso aus Tumbaga wie gut zwei Dutzend Masken, die der goldenen in der Form gleichen, aber kleiner, schlechter gearbeitet und weniger verziert sind. In der anderen Nische fanden wir das Gold-Depot 2, eine weitere Sammlung von Schmuck und Kultobjekten. Ferner bargen wir aus dem Grab noch gut 50 Kilogramm Perlen aus verschiedensten Steinen und Muscheln, den geschnitzten Holzrahmen einer Sänfte, drei Kilogramm Zinnober und 21 Keramikgefäße.


Objekte aus Metallfolien

Die meisten bisher publizierten Arbeiten über die Metallurgie der Region in vorspanischer Zeit hatten lediglich einzelne Aspekte der Herstellung oder Verwendung darstellen können, und die Forscher mußten sich bei Laboruntersuchungen in der Regel mit der Beute von Grabplünderungen begnügen. Wir hatten den gesamten Fundus eines intakten Grabes zur Verfügung und in unserem Team Spezialisten für alle sich ergebenden Fragen, etwa über Bearbeitung des Goldes oder über Fügetechniken bei zusammengesetzten Objekten.

Soweit man heute den Gebrauch von Metall in der Andenregion überblicken kann, wurde es von Beginn an bevorzugt in Form dünner Bleche verwendet. Wo immer man Kronen und andere Ornamente gefunden hat, bestehen sie hauptsächlich aus Goldfolie, in die Verzierungen gepunzt und geschnitten wurden (Bild 4). Nach Größe der verarbeiteten Stücke, Politur und gleichmäßiger Dicke des Blechs steht der Grabfund von Huaca Loro gänzlich in dieser Tradition.

Aus dem erschmolzenen Barren wurden solche Folien und auch Drähte mit winzigen bis faustgroßen, in der Hand gehaltenen Hämmern aus Magnetit, Hämit oder feinkörnigem Basalt auf ebenfalls steinernen Ambossen getrieben. Weitere wichtige Werkzeuge waren Meißel und Punzen aus Arsen-Bronze und Tumbaga. Die Hämmer hatten normalerweise zwei Schlagflächen: eine gewölbte Finne zum Treiben des Metalls und eine ebene Bahn zum Glätten der Dellen (Bilder unten links im Kasten auf der nächsten Doppelseite). Damit keine Spannungsrisse entstehen, muß das Metall zwischendurch immer wieder vorsichtig ausgeglüht werden. Es erfordert einiges an Können und an Zeit, um so eine gleichmäßig dünne, glatte Folie herzustellen.

Viele der goldenen Objekte aus dem Grab von Huaca Loro sind meisterhaft gearbeitet. Die seitlich herabhängenden Borten von zwei parabolförmigen Kopfbedeckungen beispielsweise sind je zwei Meter lang und etwa 4,5 Zentimeter breit – durchgehend beträgt die Folienstärke nur ungefähr 0,15 Millimeter. Die 46 mal 29 Zentimeter große goldene Maske, die auf dem Schädel lag, wurde aus einem rund 0,6 Millimeter dünnen Blech geformt. Einerseits mußte solch eine Maske möglichst leicht sein (diese wiegt 677 Gramm), andererseits das Blech eben noch dick genug, daß es sich in die gewölbte Form mit weit vorragender Nase treiben ließ.

Handwerklich bemerkenswert sind auch die Sporne, mit denen die tumi-förmigen Kopfputze in einen Turban oder die Fassung einer Krone gesteckt wurden. Sie hatten unten möglichst schmal, dabei aber ausreichend kräftig zu sein, um nicht zu knicken, deshalb ist das Blech dort etwa einen Millimeter dick. Nach oben hin nimmt die Stärke aber auf nur 0,18 bis 0,15 Millimeter ab: Der Goldschmied wußte genau, wie er das Metall unterschiedlich treiben mußte, so daß der Putz bei Kopfbewegungen wippte, jedoch nicht verbog.

Noch feiner sind die goldenen Federn, von denen jeweils etwa ein Dutzend zu einem besonders kunstvollen Kopfschmuck gehörten. Sie sind 20 bis 21 Zentimeter lang und zwei Zentimeter breit sowie am Schaft rund 0,1 und an der Spitze 0,07 Millimeter stark. Arrangiert wurden sie in Fächerform: die mittlere Feder aufrecht, die seitlichen zunehmend nach rechts oder links gebogen. Den Fächer hielt ein Band zusammen, das durch feine Schlitze im unteren Teil der Federn gezogen war. Noch weiter an der Basis ist jede durch einen kleinen Rist versteift – damit wurde das Prinzip des Vogelfederkiels nachgeahmt. An der Basis erkennt man auch Spuren dünner Fäden; offensichtlich waren die schlanken Metallzungen auf ein Stück Stoff geheftet. Die Fächer sollten sich augenscheinlich sanft mit den Kopfbewegungen wiegen, aber aufrecht stehen und wiederum so leicht sein, daß sie auf dem übrigen Kopfschmuck hielten.


Ohrschmuck

Die sechs Paare goldener Ohrpflöcke zeugen von einem selbst für die hochentwickelte Sicán-Metallurgie seltenen Können. Nach bestimmten Merkmalen zu urteilen, die man sonst nicht gemeinsam antrifft, stammen sie vielleicht alle aus Werkstätten einer Schule oder Tradition. Unter anderem haben die Kunsthandwerker geschmiedeten Draht verwendet, in Filigrantechnik gearbeitet und die Oberflächen besonders sorgfältig ziseliert oder poliert. Zudem wurden die Legierungen auf eine verblüffend einfache Weise verlötet, wobei zum Verbinden entweder das in ihnen enthaltene Kupfer genutzt wurde oder Grünspan (Kupferazetat) in einem organischen Klebstoff. Man erhitzte die Teile dazu in reduzierender Atmosphäre über glühender Holzkohle; bei der richtigen Temperatur entsteht dort, wo sich die Metalle berühren, eine neue Legierung.

Damit sich die Ohrpflöcke beim Eindrehen nicht verwanden, war das Blech der Spule mit 0,35 bis 0,55 Millimetern relativ stark. Der äußere Ring der vorderen Scheibe wurde gewölbt, indem die Goldschmiede ihn in eine entsprechend vertiefte, wohl hölzerne Form trieben; dadurch wirkt die Schauseite massiver, und das weiche Metall wird steifer.

Bei drei Ohrpflockpaaren besteht die Mittelpartie der Frontscheibe aus konzentrischen, unterschiedlich ornamentierten Ringen etwa aus Draht, der mit feinsten Goldperlchen besetzt ist, aus kreisförmig angeordneten kleinen Spiralen oder gezackten Scheibchen. Sie tragen auf der Rückseite winzige Ösen, so daß sie mit durchgezogenen feinen Streben auf dem gewölbten Außenring befestigt werden konnten und darin – weil die Halterung kaum zu sehen ist – frei zu schweben scheinen (Bild 3).

Selbst die Entwicklung dieser Technik läßt sich rekonstruieren. Bei einem Paar sind Außenring und x-förmige Strebe nur mit äußerst dünnem Golddraht verbunden, als hätte man die Konstruktion erst ausprobiert; bei anderen, vermutlich später gefertigten Ohrpflöcken sind die Teile dagegen in der beschriebenen Weise verlötet worden.

Zu der großen Goldmaske des Bestatteten gehören eigene große Ohrgeschmeide, die am unteren Ende von seitlich angesetzten Goldblechstreifen, quasi den Ohren, mit einem durch Schlitze gezogenen dünnen Band verankert sind (siehe Titelbild). Die metallenen Ohrläppchen und die hinteren Scheiben der Ohrpflöcke haben dieselbe Breite, und die Schlitze in ihnen passen so exakt zusammen, daß diese Komponenten übereinandergelegt und zugleich durchlöchert worden sein müssen. Man darf vermuten, daß die Maske und alle Ohrpflöcke aus derselben vorzüglichen Werkstatt stammen.


Aufschlußreiche Kunstfehler

Doch nicht jedes Stück aus dem Grab ist makellos gearbeitet, zum Beispiel nicht der doppelbödige, etwa zwölf Zentimeter hohe und zehn Zentimeter weite Becher. Unter das Goldgefäß ist – wie gesagt – noch ein Silbernäpfchen gelötet, in dessen Boden Ornamente geschnitten sind; dieser Hohlraum war offenbar für Rasselsteine gedacht. Zwar passen Becherboden und Napfkante zusammen, aber an einer Stelle ist das Silber an der Kante teilweise abgeschmolzen, und der Boden hat dort eine rauhe Struktur. Außerdem ist die Becherwand oberhalb davon durch einen halbkreisförmigen grauen Belag verunziert. Anscheinend ist die Stelle beim Zusammenfügen der Teile zu heiß geworden. Über glühenden Holzkohlen braucht es nur Sekunden, bis Silber schmilzt und verläuft.

Der Becher trägt drei ziselierte Darstellungen eines Würdenträgers mit Kopfputz und Zeremonialstäben. Das Relief ist mit einem drei bis vier Millimeter breiten Stichel verfertigt worden. Aber dieses Werkzeug war zu grob und hatte scharfe Ränder. So ist die runde Kerbe unter dem Kinn recht schartig geraten. Der Goldschmied hat dies auch beim Polieren nicht ausgeglichen (Kasten auf dieser Seite). Vielleicht war er in Eile oder noch unerfahren.

Nach unseren Experimenten mit damaliger Technik ist zu vermuten, daß die Sicán bereits subtile Tricks der Goldschmiedekunst kannten, wie heutige Meister der Zunft sie anwenden. Offenbar wußten sie Spannungsbrüchen vorzubeugen. Wie konnten sie wissen, wann beim Treiben des Metalls immer wieder neuerliches Ausglühen nötig war? Hämmert man das Blech, sobald es vom Feuer kommt, hat es einen dumpfen Klang; mit den weiteren Schlägen wird der Ton bald viel heller. Es ist Erfahrungssache, den richtigen Zeitpunkt zwischen "tuck" und "tink" zu ermessen, um Risse zu vermeiden.

Das Ausmaß der Metallverarbeitung in der mittleren Sicán-Epoche bezeugen die Massen von Werkstattabfällen in diesem einen Grab, 500 Kilogramm Schrott, die an den Wänden aufgestapelt waren. Wie ältere Anwohner berichten, haben sie aus anderen Gräbern ähnliche Mengen geholt.

Daß diese praktisch industrielle Produktion keine lokale Besonderheit war, erweist die Auskleidung einer Grabkammer aus derselben Periode bei Huaca Las Ventanas mit Tumbaga-Blechen, die wir dokumentiert haben. Der Schacht hatte ziemlich die gleichen Maße wie der des Grabes von Huaca Loro; er war elf Meter tief und am Grunde drei mal drei Meter weit. Die rechteckigen Bleche hatten vorgegebene Maße, so daß die Grabwände – eine Fläche von schätzungsweise mehr als 100 Quadratmetern – sauber ausgekachelt werden konnten. Darüber war Baumwollstoff gehängt worden, kunstvoll in verschiedenen Farben bemalt mit religiösen Bildern und Szenen.

Die Metalldepots, die wir bei unserem Grabungsprojekt entdeckten, bestehen aus Abfall, mißglückten Stücken und Resten der Blechherstellung; es sind im wesentlichen kleine Teile. So fanden wir einen halbverarbeiteten Barren Tumbaga, quadratische Goldfolien mit unsauberen Perforationen, gerissene Drähte, gesprungene Glocken sowie Beschnittränder, an denen noch das ausgestanzte Muster zu erkennen ist. Sicherlich hat man alles Metall dieser Art sorgfältig gesammelt, um es wieder einzuschmelzen – oder, weil es kostbar genug war, als Grabbeigabe zu opfern. Schließlich muß der Aufwand an Arbeitskraft und Materialien dafür enorm gewesen sein. Schon um aus einem 30 Gramm schweren Goldbarren mit alten Steinhämmern ein 10 mal 15 Zentimeter großes, gleichmäßig dünnes Blech herzustellen, benötigte ich (Ann Griffin) eineinhalb Tage.

Die Sicán-Schmiede haben Tumbaga-Folien anschließend noch mit Säure behandelt, die an der Oberfläche das minderwertigere Metall teilweise löste. Dadurch sah das Produkt fast wie pures Gold aus. (Man nennt dieses Verfahren heute Vergoldung durch Reduktion oder auch mise-en-couleur.) Polierte man das Blech danach, verdichtete sich die Oberfläche noch und bekam einen edlen, warmen Schimmer.

Unserer Meinung nach ist die sich von Tumbaga-Objekten oft ablösende feine Goldschicht nichts anderes als solch eine verdichtete äußere Zone. Wir glauben also nicht, daß man auf diese Gegenstände nachträglich Gold aufgetragen hat, wie manche Forscher bislang annahmen. Es war sogar überlegt worden, ob die prähistorischen Kunsthandwerker elektrochemisches Vergolden gekannt haben, doch fanden weder wir noch andere Experten in Proben irgendeinen Hinweis hierauf, nicht unter dem Mikroskop und auch nicht mit Elektronenmikrosonden.


Werkstätten-Organisation

Den archäologischen Anhaltspunkten nach war die Goldschmiedekunst bei den Sicán ein Ganztagsberuf und keine Nebentätigkeit. Offenbar teilten sich zahlreiche Spezialisten die einzelnen Arbeitsschritte bei der Herstellung der kostbaren Werkstücke, und es gab Meister und Schüler sowie Hilfskräfte.

Zum einen waren da die Experten für die Blechanfertigung, die Folien jeder gewünschten Sorte, Dicke und Größe lieferten; etliche erfahrene Schmiede müssen allein damit beschäftigt gewesen sein. Vielleicht gingen ihnen einige Dutzend Adepten zur Hand, die zum Beispiel Abfälle wieder in Barren einschmolzen und sich mitunter auch an weniger wichtigen Stücken üben durften.

Mitunter läßt ein Objekt die Arbeitsteilung deutlich erkennen. So ist besonders eine Krone aus dem Grab von Huaca Loro vorne meisterlich ziseliert und perforiert, hinten dagegen uneben gehämmert und schlecht ausgestanzt. Dort sind sogar noch unauffällige Markierungen zu sehen; wahrscheinlich hat ein Meister den vorderen Teil gearbeitet und dann einem Schüler gezeigt, wie er weitermachen sollte.

Für eine solche Organisation dürfte eine Reihe von Werkstätten mit jeweils mehreren Räumen nötig gewesen sein, und in jeder war eine ansehnliche Zahl Handwerker tätig – entsprechend immens war der Ausstoß. Zum Beispiel hatte man vermutlich eigene Blechschmieden, die gut belüftet waren, denn die Arbeit mußte in der Nähe eines Herdes oder einer Esse zum Ausglühen des Metalls verrichtet werden. Das Polieren fand dann wohl in geschlossenen Räumen statt, denn nichts hätte dem Werkstück mehr geschadet als eingewehter Sand oder grober Staub.

Bezeichnenderweise sind Lehmziegelbauten mit vielen Räumen auf dem nördlichen Plateau von Huaca Loro und im Nordosten von Huaca Las Ventanas mit Werkbänken ausgestattet gewesen; die Fußböden darin waren stufig in mehreren Ebenen wie für verschiedene Funktionen angelegt. Und an zahlreichen Stellen findet man Schlacken, Spritzer von Kupferlegierungen und Spuren von Feuerstellen. Beide Orte dürften Zentren der Metallbearbeitung gewesen sein.

Besonders versiert mußten auch die Schmiede sein, die das Zwischenprodukt Blech formten und verzierten. Zwar vermuten wir, daß solch herausragende Stücke wie die Totenmaske und die Ohrpflöcke, die an einem Ort zur selben Zeit in ein Grab kamen, aus derselben Werkstatt stammen – außer der Qualität sprechen auch die technischen Besonderheiten und das ideenreiche Design dafür; vielleicht haben nur ein oder zwei Meister daran gearbeitet. Aber die Werkstätten haben wohl kaum Geheimnisse voreinander gehütet. Viele Lehrlinge mußten in die Künste des Gewerbes eingewiesen werden. Wenn sie auch zunächst die Routinearbeiten machten, wurden sie doch zu eigener Meisterschaft geführt.

Gleichwohl praktizierten die einzelnen Werkstätten oder Schmiedemeister Varianten von Techniken, die man als Ausprägungen individuellen Stils deuten kann. An Objekten aus dem Grab von Huaca Loro, die sich in Größe oder Form völlig gleichen, erkennt man bei näherem Betrachten doch unterschiedliche Fertigungsverfahren. Bei manchen Rasseln etwa sind die Klöppel an Drähte gelötet, bei anderen mit Drahtschlingen befestigt. Die goldenen Spitzen von Schleuderpfeilen sind ein anderes Beispiel: Allesamt wurden sie aus handgeschmiedetem Draht gefertigt; aber die eine Werkstatt kerbte ihn im Zickzack in scharfkantige Dreiecke, die andere schnitt kurze Stücke ab und feilte sie konisch zu.

Die gesamte Organisation des Kunsthandwerks umfaßte des weiteren spezialisierte Werkstätten für Federschmuck, Zinnober, Hämatit und sonstiges Zubehör. Für Einlegearbeiten benötigte man unter anderem Mineralien, Muscheln und Bitumen, zum Kleben Harze und Pech. Zum Ausfüttern mancher Metallobjekte oder als Unterlage von metallenen Applikationen wurden Stoffe gewirkt. Auch zum Gewinnen der Erze und Schmelzen spezifischer Legierungen gehörte besonderer Sachverstand. Arsen-Bronze etwa lieferten in großen Mengen Ansiedlungen in der Nähe der Minen.


Zeremonieller Prunk

Unzweifelhaft maßen die Sicán dem Metall große Bedeutung bei. Doch welcher Art war sie?

Uns scheint, Goldobjekte galten als Inbegriff von Ästhetik – sie verkörperten das höchste künstlerische Niveau dieser Kultur. Unter ihnen finden sich die ausdrucksstärksten ornamentalen und bildlichen Darstellungen der mittleren Sicán-Epoche überhaupt. Die Keramik fällt dagegen deutlich ab – darauf erscheinen nur vereinfachte bruchstückhafte Versionen der in den Schmieden geschaffenen Muster und Szenen.

Gold und Silber waren freilich nicht allen Menschen gleich zugänglich. Die annähernd zwei Dutzend archäologisch untersuchten Sicán-Gräber lassen auf vier soziale Schichten schließen: Manche Bestatteten hatten gar keine metallenen Beigaben, andere nur solche aus Arsen-Bronze, wieder andere außerdem Objekte aus Tumbaga; und schließlich hatten jene wohl schon zu Lebzeiten eine herausragende Stellung, die auch Gold mit ins Jenseits bekamen.

Außer reinem Gold und Silber scheint Tumbaga als Symbol politischer Macht und hohen sozialen Ranges gegolten sowie auch religiöse Bedeutung gehabt zu haben. Nach Menge des Gebrauchs und Vielfalt der Verwendung war es sogar das wichtigste Edelmetall. Doch in der Wertschätzung der Würdenträger kam nichts dem Gold gleich. Der persönliche Schmuck des in Huaca Loro Bestatteten war nur daraus gefertigt; Objekte aus Tumbaga lagen weiter entfernt – wahrscheinlich hat er sie zu Lebzeiten auch seltener und lediglich bei weniger offiziellen Anlässen gebraucht.

Pures Gold war mithin der Elite vorbehalten. Nur Persönlichkeiten dieses Kreises durften es an sich tragen und damit rituell umgehen. Aus vergoldetem Tumbaga waren die Gegenstände ihres weiteren Umfeldes. Und auch Tiefergestellte bedienten sich dieser Legierung, um an der Ausstrahlung der sozialen Spitze zu partizipieren – wenigstens dem Anschein nach.

Man darf annehmen, daß der dann bei Huaca Loro bestattete Mann die kostbaren Utensilien bei öffentlichen Auftritten trug, und man kann sich vorstellen, wie überwältigend diese Pracht auf die Zuschauer wirkte. Er konnte zu jedem Anlaß, für jede Zeremonie aus einem reichen Schatz den passenden Kopfschmuck wählen – eine Krone mit Goldfedern oder eine mit tumi-förmigen Ornamenten, vielleicht außerdem einen hochragenden Aufsatz, der oben und an den Seiten mit bunten Vogelfedern ausstaffiert war und von dem Kettengehänge fast bis auf die Schultern fielen. Das Gesicht war hinter einer goldenen Maske verborgen.

Womöglich saß er auf einer hölzernen Sänfte, die mit geschnitzten Köpfen mythischer Tierfiguren verziert war. Zu beiden Seiten schritt Gefolge, das vergoldete Fächer schwenkte, und ihm voran trug man einen zwei Meter hohen feder- und goldgeschmückten Stab oder eine Standarte. Bei jedem Schritt und jedem Luftzug gerieten die Ringe, die goldenen und natürlichen Federn samt allen übrigen Putzstücken und Anhängseln in Bewegung – es muß ein atemberaubendes Schauspiel, ein verwirrendes Spektakel für Augen und Ohren, ein schwindelerregendes Schwirren, Klingeln und Glitzern gewesen sein.

Literaturhinweise

- Das Fürstengrab von Sipán. Von Walter Alva, Maiken Fecht, Peter Schauer und Michael Tellenbach. Mainz 1989.

– A Sicán Tomb in Peru. Von Izumi Shimada und John Merkel in: Minerva, Band 4, Heft 1, 1993, Seiten 18 bis 25.

– Vorkolumbische Oberflächenveredlung von Metall. Von Heather Lechtman in: Spektrum der Wissenschaft, August 1984, Seiten 114 bis 122.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1994, Seite 88
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1994

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1994

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