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Interview: Vergebärdler: Lautlose Versprecher

Die Arbeitsgruppe von Professor Helen Leuninger von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main untersucht neben Versprechern auch so genannte Vergebärdler.


Spektrum der Wissenschaft: Was ist für Sie so faszinierend daran, die sprachlichen Missgeschicke Ihrer sprechenden und gebärdenden Mitmenschen zu erforschen?

Leuninger: Damit sich jemand verspricht oder vergebärdet, muss er schon über ein komplettes Sprachwissen verfügen. Unter bestimmten Bedingungen – wie zum Beispiel Stress – sind unsere kognitiven Fähigkeiten so sehr mit anderen Aufgaben beschäftigt, dass die Sprachproduktion mitunter labil ist. Dann wird plötzlich aus dem "weiblichen Fleischergesellen" ein "fleischlicher Weibergeselle". Daran sehen wir, dass das Wort keineswegs als feste Einheit dasteht, sondern aus Einzelteilen aufgebaut wird, die durcheinander geraten können. Derartige Fehlleistungen verraten viel über die Feinstruktur der Sprache.

Spektrum: Was erzählen Versprecher uns über die Organisation von Sprache im Gehirn?

Leuninger: Sie offenbaren nicht nur etwas vom Ablauf, wie ein Gedanke seine sprachliche Form findet, sondern auch von der Speicherung sprachlicher Einheiten. So treten vertraute Wörter aus dem Alltag öfter in Versprechern auf, ein makabrer "Leichendiebstahl" wird schnell zum geläufigeren "Ladendiebstahl". Daneben ist die Formähnlichkeit eine weitere beliebte Falle. Ich selbst habe einmal unbeabsichtigt von einer "Angora pectoris" gesprochen. Wahrscheinlich haben wir also zwei Speicher – einen nach inhaltlichen Beziehungen und einen nach der Form organisiert. In diesen kann das Gehirn schneller und leichter auf die häufigeren Wörter zugreifen.

Spektrum: Und wie sieht es mit Vergebärdlern aus?

Leuninger: Genauso. Wie bei Versprechern handelt es sich meist um Formfehler, die nur einen Aspekt betreffen: die Handform, den Ausführungsort, die Handstellung oder ihre Bewegung. Der Rest bleibt gleich. Es entsteht eine Gebärde, die zwar möglich ist, aber gewöhnlich keinen Sinn hat. Manchmal "vergisst" der Erzähler unter Stress etwa, die Handform zwischen den einzelnen Gebärden zu wechseln. So etwas gibt es auch in der Lautsprache, wenn ein Laut sich über die ganze Wortsequenz ausbreitet.

Spektrum: Wo liegt der Unterschied zwischen Sprachfehlern bei Aphasikern und Versprechern bzw. Vergebärdlern?

Leuninger: Hauptsächlich in der Anzahl von Fehlern pro Einheit. Wenn Sie bei einem Austausch die "Wechselstaben verbuchten", sind das höchstens zwei Fehler. Bei aphasischen Fehlleistungen können jedoch fünf oder sechs Abweichungen auf einmal auftreten. Interessanterweise gerät da mitunter alles durcheinander – nur die Silbenstruktur nicht. Wir haben das ebenfalls bei Versprechern und Vergebärdlern beobachtet: Selbst wenn der Erzähler seinen Fehler noch während der Gebärde korrigiert, liegt die Anzahl der Silben nicht höher als bei dem eigentlich beabsichtigten Wort. Ich nehme an, dass die Silbenstruktur ganz fest im Gehirn verankert ist.

Spektrum: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihren Forschungen zu Vergebärdlern?

Leuninger: Laut- und Gebärdensprachen sind völlig vergleichbar in der Komplexität der Feinstruktur und der Mächtigkeit der Sprache. Das haben wir mit unseren Studien empirisch nachgewiesen. Im Bereich der Morphologie ist die Deutsche Gebärdensprache sogar viel komplexer aufgebaut als die deutsche Lautsprache. Mit einer einzigen Verbgebärde können Sie gleichzeitig bis zu neun Informationen vermitteln. Von der Struktur erinnert das mehr an ein Mischsystem aus spanischer und chinesischer Lautsprache. Die deutsche Laut- und Gebärdensprache haben dagegen eigentlich nichts miteinander gemeinsam, außer die geografische Verbreitung.

Unsere Ergebnisse haben zudem eine politische Bedeutung. Bei der Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache im Land Hessen haben sie eine wichtige Rolle gespielt, weil sie nachprüfbare Fakten auf den Tisch brachten. Die Anerkennung auf Bundesebene steht übrigens immer noch aus.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2001, Seite 50
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2001

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