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Wie (und warum welche) Katzen schnurren

Was Freunde der häuslichen Feliden entzückt, wurde nun wissenschaftlich analysiert. Danach unterscheidet sich das Schnurren deutlich von anderen im Kehlkopf gebildeten Lautäußerungen der Säugetiere.

Das wohlige Schnurren einer Hauskatze ist ein vielen Menschen vertrauter Laut. Der Höreindruck erinnert an ein anhaltendes, sanft rollendes "rrr"; allerdings können Klang und Lautstärke bei den einzelnen Tieren deutlich variieren. Katzen bringen es fertig, viele Minuten lang gleichmäßig sowohl beim Ein- wie beim Ausatmen zu schnurren; während der Umkehr des Luftstroms wird die Lautbildung jeweils nur sehr kurz unterbrochen. Auch für das menschliche Ohr ist der klangliche Unterschied zwischen dem Schnurren beim Ein- und dem beim Ausatmen meist gut wahrnehmbar.

Die Lautäußerung ist von einer fühlbaren Vibration der Körperoberfläche begleitet, besonders am Hals im Bereich des Kehlkopfes sowie auf dem Brustkorb; selbst bei sehr leisem Schnurren sind diese Schwingungen meist noch gut spürbar. Bisher gab es unterschiedliche Theorien darüber, welche Organe und physiologischen Vorgänge den charakteristischen Laut erzeugen. Danach sollten außer den Stimmbändern unter anderem die Taschenbänder, das Zwerchfell oder auch der weiche Gaumen wesentlich beteiligt sein.




Frequenz-Untersuchungen

Um diese Frage zu klären, zeichneten wir bei zehn Hauskatzen verschiedenen Alters Schnurrlaute und die damit verbundene Vibration der Körperoberfläche in verschiedenen Körperregionen sowie in unterschiedlichem Abstand vom Körper ein-und zweikanalig auf und werteten diese Aufnahmen mit diversen Methoden aus; außerdem haben wir einkanalige Tonbandaufzeichnungen von den Schnurrlauten weiterer Hauskatzen sowie einiger Wildkatzenarten analysiert.

Danach beträgt der Grundton des Schnurrens im Mittel etwa 26 Hertz und ist beim Ausatmen um 2,4 Hertz höher als beim Einatmen. (Zum Vergleich: Die tiefsten im menschlichen Stimmapparat erzeugten Töne liegen bei 43 Hertz.) Auch der Kehlkopf schwingt mit dieser Grundfrequenz und zwar ohne Unterbrechung während des Übergangs zwischen den beiden Atemphasen.

Interessanterweise ließ sich keinerlei Korrelation zwischen der Frequenz des Grundtons und der Größe oder dem Gewicht der untersuchten Katzen feststellen. Bei einem Tier, dessen Schnurren wir vom dritten Lebensmonat bis zum Alter von drei Jahren wiederholt aufzeichnen konnten, blieb der Grundton praktisch unverändert. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich das Schnurren deutlich von anderen Lautäußerungen der Säugetiere.

Außerdem können Katzen, während sie schnurren, zugleich andere Laute erzeugen -und zwar vornehmlich beim Ausatmen. In diesem Falle entsteht ein Mischlaut mit unterschiedlicher relativer Ausprägung der beteiligten Lauttypen. Auch wenn der Schnurranteil kaum hörbar ist, läßt sich eine Amplitudenmodulation von ungefähr 26 Hertz. nachweisen.

Dieser Befund stützt die Vermutung, daß das Schnurren – anders als die üblichen Lautformen der Säuger – nicht allein durch die Stimmlippenbewegungen im Wechselspiel zwischen Stimmlippenspannung und Anblasdruck zustande kommt Offenbar beruht es cbenso wie die begleitende Vibration zum Teil auf einer zentralnervös gesteuerten periodischen Modulation des Atemluftstroms durch die Kehlkopfmuskulatur ("Journal of Zoology", Band 223, 1991, Seiten 67 bis 78). Die Lautgebung erfolgt wahrscheinlich beim abrupten Öffnen der Stimmlippen.

Zusätzlich zum Grundton enthält das Schnurren Obertöne, die zwar schwächer sind, aber dennoch den Höreindruck wesentlich beeinflussen (Bild). Ihre Intensität nimmt-in der Regel mit steigender Frequenz ab. Dabei hat das einatmende Schnurren nicht nur den tieferen Grundton, sondern ist auch intensiver und reicher an Obertönen als das ausatmende, was den unterschiedlichen Höreindruck bedingt.




Signal-Charakter

Die Beschäftigung mit dem Schnurren wirft zugleich die Frage nach seiner Bedeutung auf. Nach gängiger Auffassung ist es Ausdruck des Wohlbehagens. Dies trifft sicherlich für eine Reihe von Situationen zu, umfaßt aber nicht das ganze Bedeutungsspektrum.

Junge Katzen beherrschen den charakteristischen Laut schon sehr bald nach der Geburt und können ihn auch hervorbringen, während sie an einer Zitze saugen und trinken. Oft schnurren Muttertier und Junge beim Säugen im Wurflager gleichzeitig. Dabei haben die Tiere meist Körperkontakt, so daß wahrscheinlich die Vibration zusätzlich als fühlbares Signal wirkt.

Schnurren in einer solchen Situation drückt sicherlich gemäß der allgemeinen Vorstellung Wohlbehagen aus, aber gleichzeitig scheinen sich Mutterkatze und Junge gegenseitig zu signalisieren,daß alles in Ordnung ist: Die Jungtiere sind ausreichend versorgt und gewärmt und vor äußerer Bedrohung geschützt. In diesem ursprünglichen Funktionszusammenhang läßt sich die geringe Intensität des Schnurrens (bei normaler Ausprägung ist es aus einer Entfernung von mehr als drei Metern kaum noch zu hören) als stammesgeschichtliche Anpassung deuten, welche die schnurrenden Tiere vor der Entdeckung durch Raubfeinde schützt.

Es gibt jedoch gesicherte Beobachtungen. daß bisweilen auch schwer verletzte Katzen oder Weibchen während der Geburtswehen schnurren – wohl kaum Umstände, unter denen das Tier sich wohlfühlt. Möglicherweise dient das Schnurren dann der eigenen Beruhigung oder als Beschwichtigungslaut gegenüber dem sich nähernden Menschen, menschlich ausgedrückt ungefähr mit der Bedeutung "tu mir nichts, ich tue dir auch nichts".

Gleichfalls nicht endgültig geklärt ist bisher die Frage, ob alle Katzenarten schnurren können. Nach vorherrschender Auffassung sind Löwen, Tiger, Jaguare, Leoparden und Schneeleoparden nicht dazu imstande, es gibt aber immer wieder gegenteilige Berichte in der Fachliteratur. Klarheit bringt hier wohl erst die genaue Auswertung von Tonbandaufnahmen. Nur wenn die Lautäußerung in allen wesentlichen Merkmalen dem Schnurren der Hauskatze entspricht, sollte man dafür denselben Begriff verwenden.

Andererseits ist das Schnurren nicht auf die Familie der Katzen beschränkt. So wurde es auch bei Ginsterkatzen nachgewiesen, die zu den Schleichkatzen gehören. Möglicherweise tritt es sogar in anderen Säugetiergruppen auf; denn als "Schnurren" bezeichnete Laute wurden zum Beispiel bei südamerikanischen Krallenäffchen und bei einigen neuweltlichen Nagetieren beschrieben. Auch hier müssen detaillierte Untersuchungen zeigen, ob es sich wirklich um denselben Lauttyp wie bei den Kleinkatzen handelt.




Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1993, Seite 30
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 1993

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