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Antike Dichtkunst: Sexbesessen, machthungrig, männlich

Die antike Literatur ist voll von Frauen, die Opfer männlicher Macht wurden. Sollten die Texte deshalb heute nicht mehr gelesen werden?
»Apollo und Daphne« von Gian Lorenzo Bernini aus der Zeit zwischen 1622 und 1625.

Ein armer Hund, dieser Tibull. Schmachtend in unerfüllter Sehnsucht. Verzehrt von Liebeskummer. Im Staub kriechend vor der Angebeteten. Und dennoch ohne Aussicht, erhört zu werden. »Ich werde in Ketten gelegt«, barmt der Dichter aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., »und niemals löst Amor wieder die Fesseln.« Die Liebesglut verbrennt ihn im Innersten. Es tut weh: »Nimm die Fackeln weg, du grausames Mädchen.«

Die Elegie ist ein aus männlicher Sicht betrübliches Genre. Das Ziel der Begierde unerreichbar, eine eiskalte, eine harte Herrin – »domina dura«. Der Begehrende hilflos, am Rand des Wahnsinns. Die römischen Elegiker Tibull, Ovid, Properz gelten in traditionellem Verständnis als Koryphäen der Empathie. »Einfühlung in die Frauenseele« und »Bemühen um ein Verstehen des Partners« attestiert insbesondere dem Jüngsten unter ihnen, Ovid (43 v. Chr. – ca. 17 n. Chr.), der emeritierte Altphilologe Michael von Albrecht. Eine Lesart, die seiner Kieler Kollegin Katharina Wesselmann entschieden gegen den Strich geht. »Das hat mich immer schon ein bisschen aufgeregt«, meint die Professorin für Didaktik der Alten Sprachen an der Christian-Albrechts-Universität.

Antike Dichter als Vorläufer der »Incels«?

Statt Einfühlsamkeit sieht Wesselmann Frauenhass im Gewand männlichen Selbstmitleids und die elegischen Dichter der Antike als Vorläufer einer sehr zeitgenössischen Bewegung frustrierter junger Männer, die sich unter dem Sammelbegriff »Incels« im virtuellen Raum zusammenrotten, weil sie sich durch abweisende Frauen, »harte Herrinnen«, um ihr vermeintliches Recht auf Sex gebracht fühlen. Es hat »Incels« – also »involuntary celibates«, unfreiwillig Enthaltsame – gegeben, die ihre Rachefantasien in blutigen Gewaltexzessen austobten.

Trifft der drastische Vergleich? Lassen sich Elegien nicht auch anders lesen? Als Vorboten der mittelalterlichen Minnelyrik etwa, womöglich auch als literarische Zeugnisse, dass die Macht zwischen Männern und Frauen vielleicht doch nicht so eindeutig verteilt ist, wie es in einem feministischen Weltbild den Anschein haben könnte? Wesselmann widerspricht: Auch der elegische Dichter sei in seinem Werk »die definierende Stimme«. Er beschreibe die Realität, »wie er sie sieht«. Die Frau werde zwar als überlegen und machtvoll imaginiert, sei aber in Wahrheit ein passiver Gegenstand der Begierde.

Mehr noch: Bei genauem Hinschauen zeige sich, dass der elegische Dichter Gewaltdrohungen, gar Gewaltanwendung, nicht scheut. »Du musst mit mir sterben. Von diesem Eisen wird unser beider Blut tropfen«, stellt Properz einer vergeblich Umworbenen in Aussicht. Und Ovid inszeniert sich als reuiger Gewalttäter: »Leg meine Hände in Fesseln, sie haben Ketten verdient«, beknirscht er sich, macht zugleich Kontrollverlust geltend: »Raserei hat die ungestümen Arme gegen die Herrin erhoben, und mein Mädchen weint, von wahnsinniger Hand verletzt« – bis heute ein nicht unübliches Argument prügelnder Männer.

Was, wenn wir uns fragen, wie sich das Göttertreiben aus Sicht der betroffenen Frauen ausgenommen haben könnte?

Tibull immerhin mahnt, es mit der Gewalt nicht zu übertreiben: »Es sollte genug sein, das zarte Gewand von ihren Gliedern zu reißen, genug, die Ordnung des Haares durcheinanderzubringen, genug, sie weinen zu machen.« In der »Ars amatoria«, der »Liebeskunst« des Ovid schließlich finden wir ein vertraut fragwürdiges Frauenbild: »Du magst es Gewalt nennen, diese Gewalt ist den Mädchen willkommen.« Frauen, die sich zu verweigern scheinen, meinen in Wahrheit das Gegenteil: »Dass du sie weiter bedrängst; mach weiter, und bald wird dein Wunsch erfüllt werden.« Nein heißt also doch Ja, und zwar immer?

Die große Weltliteratur der Antike, ein Fall für »MeToo«

Hier gerät der Zeitgenosse des Kaisers Augustus (er regierte von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) allerdings in die Nähe einer Debatte der jüngsten Gegenwart, die unter dem Hashtag »MeToo« seit Herbst 2017 Furore macht. Generationen von altsprachlich Gebildeten hätten ihn dort im Traum nicht gesehen. Göttervater Zeus, gesteuert von seinem Sexualtrieb, begattet Leda in Gestalt eines Schwans, sucht die schöne Phönizierin Europa in der eines Stiers heim und bricht über Danaë als Goldregen herein. All das wurde als unterhaltsame und große Weltliteratur gewürdigt. Doch was, wenn wir uns fragen, wie sich das Göttertreiben aus Sicht der betroffenen Frauen ausgenommen haben könnte? Haben wir es womöglich mit nach modernem Rechtsverständnis Strafbarem zu tun, übergriffigem Verhalten, Attacken auf die sexuelle Selbstbestimmung?

Wesselmann hat ihr philologisches Dasein lange Jahre zweigleisig geführt, an der Universität Basel geforscht und zugleich am Gymnasium am Münsterplatz sowie einer Basler Sekundarschule Latein und Griechisch unterrichtet. Die alten Texte einem jungen Publikum interessant und attraktiv zu präsentieren, ist das Gewerbe der Fachdidaktikerin. Was haben uns die antiken Texte unter MeToo-Gesichtspunkten zu sagen? Danach hat Wesselmann jene Werke befragt, die sie bisher im Unterricht behandelt hat. Sie wurde mühelos fündig.

So kommen in dreien der sechs Stücke, die uns der römische Komödiendichter Terenz (um 195/184–159 v. Chr.) hinterlassen hat, Vergewaltigungen vor, die, so Wesselmann, »als lustige, retardierende und komplizierende Handlungselemente fungieren«, also in keiner Weise problematisiert werden. In den Metamorphosen, den »Verwandlungen« des Ovid, einer Sammlung mythischer Stoffe, verbunden durch das gemeinsame Motiv, dass im Lauf der Erzählung eine oder mehrere beteiligte Personen ihre Gestalt verändern, zählt man über 50 Fälle von versuchter oder erfolgreicher Vergewaltigung.

Da ist das Schicksal der Nymphe Daphne, auf die Apollo ein Auge geworfen hat. Sie versucht sich den Zudringlichkeiten des Gottes zu entziehen und flieht, Apollo hinterher, bis Daphne schließlich in höchster Not ihren Vater, den Flussgott Peneus, um Hilfe anfleht. Dieser verwandelt sie in einen Lorbeerbaum. Da ist der Fall der Nymphe Io, die Götterchef Zeus-Jupiter zunächst vergewaltigt und dann die Gestalt einer Kuh annehmen lässt, um sie der Neugier seiner eifersüchtigen Gattin Hera-Juno zu entziehen. Verzweifelt versucht Io, sich verständlich zu machen, bringt aber nur ein Muhen hervor. Schließlich die brutale Vergewaltigung der Philomela durch ihren Schwager Tereus: Als sie droht, die Untat bekannt zu machen, schneidet er ihr die Zunge heraus. In allen drei Episoden sieht Wesselmann Metaphern für das »erzwungene Schweigen« von Frauen, die Gewalt erfahren.

»Ich habe mich mit dem Buch nicht nur beliebt gemacht, beim Schreiben aber auch nicht zuvörderst an die Fachwelt gedacht«(Katharina Wesselmann, Gräzistin und Latinistin, Christian-Albrechts-Universität Kiel)

Der Impuls, die alten Texte unter dem Aspekt der Frauenrechte zu betrachten, kam zunächst aus den USA. Bereits 2004 berichtete die Literaturwissenschaftlerin Madeleine Kahn über einen Ovid-Lektürekurs an einem College in Kalifornien: Aus dem Kreis der Teilnehmerinnen sei unversehens der Vorwurf laut geworden, die Metamorphosen seien ein »Vergewaltigungs-Handbuch«. Am Ende der Diskussion habe allerdings auch die Erkenntnis gestanden, dass die eindimensionale Interpretation als frauenfeindlich der Komplexität des Textes nicht gerecht werde.

Wesselmann selbst hat im September 2019 an der traditionsreichen Kieler Gelehrtenschule eine Unterrichtseinheit zum Thema der sexuellen Gewalt in den Metamorphosen mitgestaltet, in der sich insbesondere an der Bewertung der Daphne-Episode die Geister schieden. Etwa die Hälfte der Klasse war der Ansicht, die Geschichte sei »gut«, nämlich mit einem »Kompromiss«, ausgegangen: Zwar habe Daphne ihre menschliche Gestalt eingebüßt, doch auch Apollo seinen Willen nicht bekommen.

Die Altertumsschwärmerei in der deutschen Geistesgeschichte, eine »Tyrannei Griechenlands über Deutschland«

Über »Sex und Macht in der Antike« hat Wesselmann seit 2019 Aufsätze publiziert und zuletzt ein Buch, dessen Titel »Die abgetrennte Zunge« sich auf die Philomela-Tereus-Episode bezieht. Dass das Thema die deutschen Altertumswissenschaften relativ spät erreicht habe, sei auch mit einer hier zu Lande spezifischen Bildungstradition zu erklären. An ihrem Anfang stand im 18. Jahrhundert der aus Stendal gebürtige Johann Joachim Winckelmann, Direktor der Antikenverwaltung des Kirchenstaats in Rom. Insbesondere in der Kunst des alten Griechenlands sah er »eine edle Einfalt und eine stille Größe« verkörpert. Damit prägte er die Wahrnehmung vieler kommender Generationen.

Im 19. Jahrhundert propagierte der Sprachforscher, Diplomat und preußische Hochschulreformer Wilhelm von Humboldt das Studium der wiederum vor allem griechischen Antike als Schlüssel zu jeglicher Welt- und Selbsterkenntnis. Nicht weniger als eine »Tyrannei Griechenlands über Deutschland« diagnostizierte 1935 die britische Germanistin Eliza Marian Butler. In ihrem gleichnamigen Buch beschrieb sie die Tradition der Altertumsschwärmerei in der deutschen Geistesgeschichte seit Winckelmann.

Die Antike als Inbegriff des Guten, Wahren, Schönen: Dieses idealisierte Bild, so Wesselmann, habe der Wahrnehmung der alten Sprachen »auch geschadet«. In den alten Texten sei »die Schrecklichkeit der Welt in all ihrer Vielfalt« enthalten. Unter der klassizistischen Folie wirkten sie eher fad und steril. »Es wird da ein falsches Produkt verkauft«, meint die Fachdidaktikerin, die freilich einräumt, in ihrer Studienwahl ebenfalls »dem Narrativ aufgesessen« zu sein, »die Antike sei die ideale, wunderbare Welt«. Die Hinwendung zu einer mehr konfliktorientierten Lektüre ist insofern auch eine Art Entmythologisierung des eigenen Bildungsgangs.

Dafür hat sich Wesselmann von der Berliner Altphilologin Melanie Möller vorhalten lassen müssen, sie räume »mit didaktischer Absicht in der antiken Literatur auf«. Die Kollegin rügt den nach ihrem Eindruck moralisierenden Unterton und findet die »Trennlinie zwischen Kunst und Leben« in literarischen Werken unzureichend beachtet. »Ich habe mich mit dem Buch nicht nur beliebt gemacht, beim Schreiben aber auch nicht zuvörderst an die Fachwelt gedacht«, sagt Wesselmann: »Ich hatte meine Schüler im Kopf.« Es geht ihr um den Nachweis, dass »innovative Zugänge (…) die antiken Texte nicht nur nicht entwerten, sondern in der heutigen Zeit besonders interessant machen«. So das Fazit ihrer Veröffentlichung über die Ovid-Lektüre mit Kieler Gymnasiasten.

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