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Artenvielfalt: Die bizarren Schleichenlurche von São Tomé

Die Inseln von São Tomé sind so etwas wie der Galapagos vom Golf von Guinea. Eine Studie an speziellen Amphibien unterstreicht den Artenreichtum des Archipels.
Schleichenlurch auf São Tomé

Sie sehen aus wie überdimensionierte, gelbe Regenwürmer. Wenn da nicht die winzigen schwarzen Augen wären. Tatsächlich gehören die Schleichenlurche zu den Amphibien und damit zu den Wirbeltieren. Wie ihr zweiter Name »Blindwühlen« andeutet, haben sich ihre Sehorgane allerdings deutlich zurückgebildet. Die Tiere leben versteckt im Boden oder in der Streuschicht tropischer Wälder, und deshalb gelang einem Team um die Biologin Rayna Bell von der California Academy of Sciences erst jetzt, ein über 100 Jahre altes Rätsel zu lösen: Im Journal »Molecular Ecology« beschreibt die Gruppe, dass auf der afrikanischen Insel São Tomé nicht nur eine, sondern zwei Arten der seltsamen, beinlosen Amphibien leben.

Die Insel und benachbarte Eilande im Golf von Guinea gelten wegen ihres Artenreichtums als ein Hotspot der Evolution, wobei viele Spezies im dichten Regenwald sogar noch unbeschrieben oder mangelhaft erforscht sind. Das gilt erst recht für Tiere, die eine heimliche Lebensweise pflegen. Die Schleichenlurche wurden bereits in zwei Arten aufgespalten: einen nördlichen Vertreter und einen im Süden der Hauptinsel, der gelb mit braunen Flecken ist. Danach wurden sie immer wieder zu einer einzigen Spezies verschmolzen oder erneut aufgespalten.

Bell und Co untersuchten deshalb das Genom von 85 Schleichenlurchen, die an 21 Orten auf São Tomé gesammelt worden waren. Tatsächlich scheint es sich um zwei unterschiedliche Arten zu handeln, die sich in einer Übergangszone miteinander verpaaren und vermischen. Die beiden Spezies haben sich wohl vor rund 300 000 Jahren voneinander getrennt: zu einer Zeit, in der es auf dem Eiland verstärkt Vulkanausbrüche gegeben hat.

Schleichenlurch auf Forscherhand | Sie sehen aus wie Regenwürmer, gehören aber zu den Amphibien: die beinlosen, im Boden lebenden Schleichenlurche.

Die Lavaströme hatten damals unüberwindliche Barrieren für die feuchteliebenden Bodenbewohner gebildet, so dass sich die verschiedenen Populationen auseinanderentwickelten. Erst als das erstarrte Gestein wieder erodiert war, kamen die Bestände erneut in Kontakt, sie hybridisierten jedoch nur in den Übergangszonen.

Im Gegensatz zu verwandten Arten sind die Schleichenlurche von São Tomé leichter zu erforschen: Sie verbringen weniger Zeit im Erdboden und finden sich häufiger an der Erdoberfläche. Das wirft die Frage auf, wie die auffällig gelben Tiere Fressfeinden entgehen oder wie sie darauf reagieren.

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