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Museumsbrand von Rio: Auferstehen aus Ruinen

Das Feuer vom September 2018 im brasilianischen Nationalmuseum von Rio de Janeiro war nicht nur für das Land eine Katastrophe, sondern für die Wissenschaft insgesamt. Wie sieht es heute aus?
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»Bom dia«, laut und mit lang gezogenem »o«, grüßt Alexander Kellner in seiner schwungvollen Art, mit der er andere begeistern und mitreißen kann. Es ist eine der Eigenschaften, die Kellner in den vergangenen Monaten ausgezeichnet haben. »Das ist ein wunderbarer Tag«, sagt der Direktor des Museu Nacional in Rio de Janeiro, das an einem Sonntagabend im September vergangenen Jahres in Flammen aufging. Von der Metrostation São Cristóvão aus ist das Baugerüst schon zu sehen. Im 19. Jahrhundert befand sich hier das königliche Viertel Rios, in dem die Habsburgerin Leopoldina lebte (und starb). Das Gerüst überragt den historischen Palast, der durch den verheerenden Brand das Dach, viele Wände und verschiedene Decken verloren hat; nur die Grundmauern stehen noch. Das Nationalmuseum – 1818 gegründet, eine der ältesten wissenschaftlichen Einrichtungen Brasiliens und das älteste naturwissenschaftliche Museum Lateinamerikas – wurde im Jahr seines 200. Geburtstags zu einer Ruine.

An diesem Samstagvormittag im Juni 2019 scheint die Sonne; die »Cariocas«, wie die Einwohner Rios heißen, strömen in Scharen in die Quinta da Boa Vista. Der Park im Norden Rio de Janeiros, in dem das Museum liegt beziehungsweise die Ruine steht, ist ein beliebtes Ausflugsziel in der Stadt. Viele Besucher nutzen die Gelegenheit, um das Nationalmuseum zu besuchen, das an diesem Tag seinen 201. Geburtstag feiert – und sich nun im Wiederaufbau befindet. Bei der Eröffnungszeremonie der Veranstaltung »Wissenschaft, Geschichte und Kultur: das Museum in der Quinta da Boa Vista« verkündet Museumsdirektor Kellner, Sohn einer Österreicherin und eines Deutschen, gleich gute Nachrichten: »Das Ministerium hat das erste Geld für das Projekt zur Restaurierung der Fassade und des festen Dachs bewilligt.«

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Zerstörtes Nationalmuseum | Der Brand des Nationalmuseums von Rio de Janeiro war eine internationale Katastrophe für die Wissenschaft. Nur wenige Funde haben das Feuer wohl überstanden.

Immense Verluste

Erst am Vortag hatte sich der Direktor mit dem Bildungsministerium (MEC) getroffen und das Museum am Vormittag endlich eine vorübergehende Abdeckung des Dachs bekommen. Zudem gibt Klaus Zilikens, deutscher Generalkonsul in Rio, bekannt, dass die Bundesregierung mit 145 000 Euro helfen werde. Applaus brandet auf – ebenso, als Zilikens sagt, dass »wir die Möglichkeit für Stipendien prüfen, damit Studenten ihre Forschungen am Museu Nacional fortsetzen können«. Das Nationalmuseum ist an die Bundesuniversität Rio de Janeiro angeschlossen. Deutschland hatte bereits vergangenes Jahr 180 000 Euro Soforthilfe geleistet, die für die Bergungsarbeiten unverzichtbar waren. Das Museum beherbergte vor dem Inferno 20 Millionen Objekte, von denen bis zu 60 Mitarbeiter an sechs Tagen in der Woche versuchen zu retten, was noch zu retten ist.

Die Bundesrepublik ist bislang das einzige Land, das sein Hilfsversprechen nach dem Brand gehalten hat. Ebenso bewundert man, wie die Brasilianer nur Monate nach dem Brand bereits wieder ein Geburtstagsfest feiern. Auf der Prachtstraße Alameda, die zum Nationalmuseum führt, ist ein langes Zelt aufgebaut, davor spielen Kinder, Musik tönt durch den Park. Aber da ist auch der Schmerz, der für den Rest des Lebens bleiben wird, wie Alexander Kellner betont. Als er für ein Foto hinter die Absperrung und vor das Museum geht, sagt Kellner: »Erinnern Sie sich? Vor einem Jahr saßen wir in meinem Büro.« Alexander Kellner empfing zum Gespräch am 200. Geburtstag in dem Saal, in dem einst portugiesische und brasilianische Kaiser wie João VI. und Leopoldinas Ehemann Pedro I. gesessen hatten. Nachdem er im Februar 2018 Direktor geworden war, hatte er den Raum geöffnet, ausgeräumt und dekoriert.

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In der Ruine | Museumsdirektor Alexander Kellner und Ausgrabungsleiterin Claudia Carvalho stehen in einem Raum des ausgebrannten Museums und erklären nächste Schritte.

Von den blaugrau gestrichenen Wänden, an denen sich Verzierungen hochzogen, blätterte der Putz ab. Auf dem Tisch lag ein Stück Holz, das von der Decke herabgefallen war – nicht zur Dekoration, sondern zur Demonstration. Kellner sprach vom »problematischen Glanz« des Museums. Als das Nationalmuseum im Februar dieses Jahres zum ersten Mal sein Gelände für die Presse öffnete, um die Rettungsarbeiten zu begleiten, stand Kellner während des Rundgangs auf einem Hügel aus Sand und Stein, neben ihm Claudia Carvalho, die das Rettungsteam leitet, und deutete hinauf, wo die Decke sein müsste. Aber da waren nur der Himmel und die Mauern. »Hier war mein Raum«, sprach der Direktor. »Hier war der Schreibtisch und dort der Tisch für das Meeting.« Dieser Besuch fühlte sich wie in einer Geisterbahn an, wo man auch weiß, dass es gruselig wird – und erschrickt dann doch, wenn es so weit ist. Bevor das Gefühl jedoch allzu lange anhalten konnte, wies Kellner auf vier Mitarbeiter hin, die ein großes Tuch zusammengefaltet hinaustrugen. Sie hatten Teile einer präkolumbianischen Urne gefunden. Es sind diese und andere Funde, die den Museumsmitarbeitern Hoffnung und Motivation geben.

Man könne sich jedoch vorstellen, wie oft hier jemand weint, so Kellner. Manche haben auch ganz aufgehört, hier zu arbeiten. Alexander Kellner selbst hatte außer seinem Raum im zweiten Stock auch ein Büro, in dem er bereits 20 Jahre zuvor wissenschaftlich als Dozent und Kurator gearbeitet hatte. »Es gab dort eine Wand mit den Fotos meiner Studenten«, erinnert sich der Wissenschaftler angesichts nackter Mauern und Haufen von Schutt. Man kann sich schwer vorstellen, wie sich das Feuer an einer Stelle gebildet und dann so schnell ausgebreitet hatte, um diese Zerstörung anzurichten. »Die Chance, dass ein Feuer ausbrach, war genauso groß wie bei Ihnen und bei mir zu Hause«, so Kellner. »Aber einmal losgebrochen, war es schwierig, es zu stoppen.« Brandbeschleunigend wirkte sich aus, dass im historischen Gebäude Dachstuhl und Decken weitgehend aus Holz konstruiert waren.

Zu allem Übel hatten auch die Hydranten in der Nähe fast kein Wasser, so dass die Feuerwehrleute auf Tanklaster warten mussten und begannen, sich aus dem See in der Quinta da Boa Vista zu bedienen. Kellner hatte bereits einen Präventionskurs für die Mitarbeiter veranstaltet und wartete auf Geld der staatlichen Entwicklungsbank für Feuerschutzmaßnahmen. Es kam bekanntlich zu spät. »Für mich ist das ganz schlimm.« Nicht nur, weil der renommierte Flugsaurierforscher nun der Direktor des abgebrannten Museums ist. Sondern auch, weil ihm bewusst war, in welch kritischem Zustand sich das Gebäude befand. »Ich habe durchdacht, was ich hätte anders machen können. Aber es gab nichts«, resümiert Kellner. »Dass dies passiert ist, finde ich ungerecht und empörend.«

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Bergung eines Funds | Mitarbeiter des Rettungsteams bergen eine präkolumbische Urne, die den Brand überstanden hat.

Gerettete Fundstücke werden präsentiert

Der Schmerz und die Wut sind auch bei den Studenten und Wissenschaftlern präsent, die an den Ständen im Zelt vor dem Nationalmuseum an diesem Samstagvormittag Fundstücke wie Knochen und Keramik ausstellen. Die Keramik, die normalerweise bei hoher Temperatur brennt, haben die Wissenschaftler ausgewählt, weil sie mit ihrer Widerstandsfähigkeit »inspirierend für uns« ist, wie der Ethnologe Veloso sagt. »Von einem Moment auf den anderen hat sich unser berufliches und privates Leben verändert, wir haben den Boden und das Dach verloren.« Vorbereitet ist darauf niemand.

Claudia Carvalho erzählt von den Rettungsarbeiten: »Ich habe nichts Vergleichbares in der Literatur gefunden. Einen Teil betrachten wir, als wäre es eine Ausgrabung, einen Teil als forensische Archäologie.« So haben sie bisher mehr als 5300 Teile und Objekte in den Trümmern gefunden; außer aus Metall sind die meisten Fundstücke aus Keramik. Aber auch Fossilien von Pterosauriern, Meteorite und sogar komplette Setzkästen mit Tier- und Pflanzenarten. Die genaue Zahl möchte Alexander Kellner erst zum ersten Jahrestag des Brandes im September 2019 bekannt geben. Aber das Nationalmuseum hat in Pressekonferenzen und Ausstellungen immer wieder Fundstücke präsentiert, unter anderem mehr als 100 davon im Centro Cultural Banco do Brasil (CCBB), wo das Ambiente an das Museum erinnerte, sowie zuletzt 200 der 700 Objekte der ägyptischen Sammlung, darunter Teile einer ägyptischen Mumie, die nie zuvor geöffnet worden war.

Das Feuer überlebt hat auch »Luzia«, das mit mehr als 11 000 Jahren älteste Skelett, das bislang in Lateinamerika gefunden wurde. »Luzia war eine große Befriedigung«, sagt Claudia Carvalho. Das Skelett ist auch deshalb von so großer Bedeutung, weil es als »erste Brasilianerin« gilt. Damit verbunden ist die immer wiederkehrende Frage: Wie soll Brasilien, das »Land der Zukunft«, eine Zukunft haben, wenn es seine Vergangenheit nicht ehrt? Viele Bewohner Rio de Janeiros, die sich eine gute, aber teure Privatschule oder einen Flug nach Paris oder Rom nicht leisten konnten, sind als Ersatz in das Nationalmuseum gegangen. Für sie bot es eine Möglichkeit, eine Mumie zu sehen oder ein Foto mit einem Dinosaurier zu machen. Das Museum war eine öffentliche Einrichtung und im wahrsten Sinne »offen für alle« und bildete wie der Strand einen der wenigen demokratischen Orte Rios, an dem unterschiedliche soziale Schichten aufeinandertrafen. Für den Wiederaufbau möchte Alexander Kellner die Bedeutung des Museu Nacional für die brasilianische Gesellschaft hervorheben. Seine Bedeutung geht jedoch über die Landesgrenzen hinaus.

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Fundstücke | Während einer Feier präsentieren Mitarbeiter des Museums, was aus der Ruine gerettet werden konnte.

Es war bereits vor dem Brand sowohl ein brasilianisches als auch ein internationales Museum, das außer »Luzia« und der wichtigsten Sammlung indigener Alltags- und Kunstgegenstände Brasiliens auch ägyptische Mumien, griechische Statuen und etruskische Artefakte beherbergte. Das Museum soll auch in Zukunft außer Objekten, die brasilianische Forscher in den Trümmern gefunden haben, Ausstellungsstücke von deutschen und französischen, österreichischen und italienischen Museen in Brasilien präsentieren. Alexander Kellner ist zuletzt zweimal in Deutschland gewesen, in Köln, Rio de Janeiros Partnerstadt, und in Berlin, der »Hauptstadt der Museen«. »Dieses Knowhow möchte ich gerne haben«, schwärmt Kellner, der außer mit Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kultur- und Bildungspolitik, auch mit verschiedenen Museumsdirektoren gesprochen hat. Seinen Charakter, ausgefeilte Forschung zu betreiben und Kinder für Wissenschaft zu begeistern, soll das Nationalmuseum behalten. Der Direktor möchte es lieber früher als später, lieber gestern als morgen – und auch mit deutscher Hilfe – wiedereröffnen: »In drei Jahren soll ein Teil des Palastes als Museum zurückkehren.«

29/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29/2019

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