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Body Positivity: Den Körper lieben, wie er ist

Die Bewegung »Body Positivity« protestiert gegen gängige Schönheitsideale und ruft dazu auf, sich mit dem eigenen Körper und seinen vermeintlichen Makeln wohl zu fühlen. Kritiker fürchten jedoch, Promis mit Kleidergröße XXL könnten schlechte Vorbilder abgeben. Zu Recht?
Schöne junge Frau mit rot gefärbten Haaren und rotem Tüllrock läuft lächelnd auf einem Gehsteig.

Zu dick, zu klein, zu große Nase: Wer beim Blick in den Spiegel schlechte Laune bekommt, der ist damit nicht allein. In einer Umfrage unter 1000 Deutschen gab 2018 jeder Dritte an, mit dem eigenen Aussehen unzufrieden zu sein. Für viele beginnt das Hadern schon in der Grundschule. Laut einer großen deutschen Jugendstudie finden sich mehr als 40 Prozent der Mädchen und 30 Prozent der Jungen zu dick.

Dass viele von uns mit ihrem Körper auf Kriegsfuß stehen, ist die logische Folge einer Kultur von Dauerdiäten, Fitnesswahn und Social-Media-Feeds, die uns ständig makellose Schönheit vorführen. Wir vergleichen uns mit Models, die nicht einmal selbst so aussehen wie auf ihren Fotos. Der Kontrast zu einem durchschnittlichen Körper war selten größer. So entsteht bei vielen der Eindruck, nicht schön genug zu sein. Das macht unglücklich – nur, wie lässt sich das ändern?

Schon Ende der 1960er Jahre hatten einige US-Amerikanerinnen und -Amerikaner das Hungern satt. Beeinflusst vom Feminismus und der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung forderten sie ein Ende des »Fat-Shaming«, also der Diskriminierung von dicken Menschen, und gründeten die National Association to Advance Fat Acceptance. Damit legten sie den Grundstein für die Body-Positivity-Bewegung: Sie setzt sich dafür ein, alle Arten von Körper zu akzeptieren – unabhängig davon, ob sie den üblichen Schönheitskriterien entsprechen. Dabei geht es nicht mehr nur um das Gewicht, sondern auch um andere vermeintliche Makel wie Falten, Narben, eine Glatze oder starke Körperbehaarung.

Werbetafel in New York 2020 | Die Schauspielerin und politische Aktivistin Jari Jones wirbt für Calvin Klein.

Mittlerweile ist Body Positivity zumindest in ein paar Ecken des Mainstreams vorgedrungen: Firmen wie Dove und Calvin Klein werben mit Vielfalt, auch was den Körperbau ihrer Models betrifft, und in der Werbung werden nicht mehr bloß Beine gezeigt, die bereits glatt rasiert sind. Unter dem Hashtag #bodypositivity finden sich auf Instagram mehr als zehn Millionen Fotos, auf denen sich Menschen mit einem Körper abseits der Norm zeigen.

Forscherinnen und Forscher widmen sich ebenfalls dem Bereich. War die Beziehung zum eigenen Körper lange nur Thema, wenn sie, wie etwa bei der Magersucht, krankhaft geworden ist, interessieren sie sich nun auch allgemein für das, was Psychologen unter dem »Körperbild« verstehen (im Englischen: body image). Es gilt als wichtige Säule unseres Selbstwertgefühls.

»Wer unzufrieden mit seinem Körper ist, leidet eher unter Stress, Ängsten und Depressionen«
Phillippa Diedrichs, Psychologin

»Das Körperbild ist unmittelbar mit unserem psychischen Wohlbefinden verbunden«, sagt Phillippa Diedrichs im »Science Focus Podcast« der BBC. Sie ist Psychologieprofessorin an der University of the West of England in Bristol und leitet das Centre for Appearance Research. »Wer unzufrieden mit seinem Körper ist, leidet eher unter Stress, Ängsten und Depressionen. Wir wissen, dass Menschen mit einem positiven Körperbild stressresistenter sind und mehr positive Emotionen erleben.«

Zu unserem Körperbild gehört, wie unser Körper für uns aussieht, wie es sich anfühlt, in ihm zu leben, und wie wir ihn bewerten, zum Beispiel als schön oder hässlich. Das Bild, das wir uns von unserem Körper machen, entspricht dabei nicht immer der Realität. So schätzen sich die meisten Menschen, darunter vor allem Frauen, als fülliger ein, als sie in Wahrheit sind. Das Bild vom eigenen Körper kann sogar krankhaft verzerrt sein. Das ist zum Beispiel bei magersüchtigen Menschen der Fall, die sich oft trotz Untergewicht als dick empfinden. Sich als extrem hässlich wahrzunehmen, ist eine eigene psychiatrische Diagnose: Menschen mit der so genannten körperdysmorphen Störung halten ihr Äußeres – häufig ihr Gesicht – für entstellt.

Was steckt hinter dem verzerrten Körperbild? Der Grundstein dafür, ob wir unser Äußeres mögen, wird oft schon in der Kindheit gelegt, und in der Pubertät verfestigt sich das Bild. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, darunter die Schönheitsideale, die in einer Gesellschaft vorherrschen. Wurden üppige Körper im Barock noch gefeiert, gilt heute in der westlichen Welt das Dünnsein als Nonplusultra. In den vergangenen Jahren lagen vermehrt schlanke Körper mit großem Po à la Kim Kardashian im Trend.

»Soziale Medien haben gerade auf junge Menschen einen großen Einfluss«, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Florian Hammerle von der Universität Mainz. Er behandelt unter anderem Jugendliche mit Essstörungen und erforscht ihr Körperbild. »Entscheidend ist, wie sehr sie das gerade aktuelle Schönheitsideal internalisiert haben und einen bestimmten Körper zum Beispiel mit Glücklichsein oder Beliebtheit verknüpfen.« Besonders anfällig für entsprechende Bilder auf Instagram und Co seien Teenager, denen es allgemein nicht gut geht und die kein stabiles soziales Netz haben. Schützend sei hingegen, wenn sich der Selbstwert auch noch aus anderen Quellen als dem Äußeren speist, zum Beispiel aus guten Noten, einem Talent für Sport oder sozialem Engagement.

Doch nicht nur die Medien prägen unser Körperbild. Auch die Art, wie frühe Bezugspersonen mit ihrem Körper umgehen, hat einen Einfluss. Kneifen Mama und Papa sich ständig vor dem Spiegel kritisch in den Bauchspeck, kann das als schlechtes Vorbild dienen. Wichtig sind auch die Kommentare von Gleichaltrigen. Wer beispielsweise schon als Kind für seine Segelohren gehänselt wurde, läuft eher Gefahr, mit seinem Äußeren zu hadern. Auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle: Wer perfektionistisch ist, sich häufig mit anderen vergleicht, ein geringes Selbstwertgefühl hat oder dazu neigt, sich durch die Augen anderer zu betrachten, hat eher ein negatives Bild vom eigenen Körper.

Wie sich ein negatives Körperbild auswirkt

»Wenn Menschen unzufrieden mit ihrem Körper sind, kann das negative Konsequenzen für ihre Gesundheit haben. Sie entwickeln eher ein gestörtes Essverhalten und treiben öfter extrem viel oder sehr wenig Sport«, berichtet Phillippa Diedrichs der BBC. »Insbesondere bei Jugendlichen kann ein negatives Körperbild mit Drogenmissbrauch assoziiert sein.«

Auch das Liebesleben kann darunter leiden. Wer wegen seines Aussehens unsicher ist, hat mehr Angst, sich auf ein Date einzulassen, wie 2021 eine britische Studie zeigte. Umgekehrt trauen sich Menschen, die zufrieden mit ihrem Äußeren sind, mehr zu, und sie leben gesünder.

»Wer es schafft, seinen Körper zu akzeptieren, lebt letztlich gesünder als jemand, der ständig mit Abscheu auf sich blickt«
Claudia Luck-Sikorski, Psychotherapeutin

Aber kann die Body-Positivity-Bewegung tatsächlich ein gesundes Körperbild fördern? Diese Frage stellte sich 2019 eine Forschungsgruppe aus England und Australien. Die Psychologin Rachel Cohen und ihr Team wollten wissen, welche Wirkung entsprechende Bilder und Botschaften auf junge Frauen haben. Dafür legten sie 200 Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren je 20 Instagram-Posts vor. Eine Gruppe bekam dabei nur Fotos von schlanken und durchtrainierten Models gezeigt, zum Beispiel Kendall Jenner oder Gigi Hadid. Die andere Gruppe betrachtete stattdessen Posts aus der Community der Body Positivity, in denen Frauen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, ihren Körper stolz präsentieren. Darunter waren zum Beispiel Bilder der Influencerin Megan Jayne Crabbe, die ihre Rundungen zeigt, um anderen Mut zu machen. Eine dritte Gruppe bekam gar keine Bilder von Körpern vorgelegt, sondern von Landschaften und Tieren. Alle Teilnehmerinnen füllten vorher und nachher eine Reihe von Fragebogen aus.

Das Ergebnis: Die Body-Positivity-Posts und die Naturbilder besserten die Laune der Frauen, die Model-Fotos hingegen schlugen ihnen auf die Stimmung. Wer Posts von Megan Jayne Crabbe und Co betrachtet hatte, war außerdem zufriedener mit dem eigenen Körper und wusste ihn mehr zu schätzen – ganz im Gegenteil zu jenen Frauen, die sich Bilder von schlanken Models angesehen hatten.

Wie groß der Einfluss von Kultur und Medien ist, zeigt auch eine Studie des Mainzer Psychotherapeuten Florian Hammerle und seiner Kollegen. Sie verglichen das Körperbild von mehr als 1000 jungen Menschen aus Deutschland und Kolumbien. Während in Westeuropa schlank als schön gilt, dürfen Latinas kurviger sein. Die Frauen, die in Kolumbien in TV-Serien und Werbespots auftreten, sind daher oft weniger dünn als hier zu Lande. Und das realistischere Schönheitsideal zeigte sich auch im Körperbild: Die kolumbianischen Befragten hatten im Schnitt ein positiveres Verhältnis zum eigenen Körper als die deutschen. Sie schämten sich etwa weniger, ihn im Freibad zu zeigen, wie der Vergleich ergab.

Die Ergebnisse sind noch nicht publiziert, decken sich aber mit anderen Arbeiten zu Gefühlen von Scham und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Um zu klären, ob die entspanntere Einstellung das Ergebnis des verbreiteten Schönheitsideals ist, braucht es noch mehr Forschung. Es könnte aber ein Faktor sein, sagt Hammerle.

Steht Body Positivity einem gesünderen Leben im Weg?

Body Positivity findet in der Forschung viel Unterstützung. Doch es gibt auch kritische Stimmen: Sind die Bilder von übergewichtigen Models in der Werbung womöglich kontraproduktiv? Starkes Übergewicht gilt schließlich als ungesund. Wer damit unzufrieden ist, könnte eher gewillt sein, gesünder zu essen und sich mehr zu bewegen, so die Annahme. Schadet Body Positivity also der Gesundheit?

Nein, sagt Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera. Sie erforscht die sozialen und psychischen Folgen von Adipositas und sagt: Versuche, Menschen durch Fat-Shaming dazu zu bringen, weniger zu essen und mehr Sport zu treiben, seien gescheitert.

»Für manche Menschen ist es auf Grund ihrer Gene viel schwerer, schlank zu bleiben. Auch nach erfolgreicher Adipositas-Behandlung sind die meisten Betroffenen immer noch dick«, sagt Claudia Luck-Sikorski. »Wer es schafft, seinen Körper zu akzeptieren, lebt letztlich gesünder als jemand, der ständig mit Abscheu auf sich blickt. Leider haben viele Betroffene die Vorurteile, die ihnen ständig entgegenschlagen, internalisiert.«

Selbsthass ist kein guter Motivator für ein gesünderes Leben. Im Gegenteil: Die Stigmatisierung kann Stressessen fördern und die Lust auf Bewegung mindern. Das zeigten Rebecca Puhl und Young Suh vom Rudd Center for Food Policy and Obesity in Connecticut in einer Übersichtsarbeit. Ungefragte Diättipps, verächtliche Blicke und Ausgrenzung schlagen zudem nachweislich auf die Psyche, wie eine Auswertung von mehr als 100 Studien nahelegt. Wer viel Diskriminierung erfährt, leidet eher unter Depressionen, Ängsten und Essstörungen. Wer dagegen mit seiner Figur zufrieden ist, bleibt eher gesund.

Wie Body Positivity gelingen kann

Den eigenen Körper wohlwollend zu betrachten, zu akzeptieren, vielleicht sogar zu lieben: Das ist leichter gesagt als getan. Es gibt zwar eine Reihe von wirksamen Interventionen (siehe »Tipps für mehr Selbstliebe«), wie eine Forschungsgruppe aus den Niederlanden, England und den USA feststellte. In ihrer Metaanalyse beobachtete sie einen Effekt auf Körperbild, Schönheitsideal und die Neigung, sich mit anderen Menschen zu vergleichen. Doch nicht alle Menschen profitieren davon.

Bei manchen baut der Aufruf zu Body Positivity erst recht Druck auf. Deshalb geht ein Ansatz namens »Body Neutrality« einen Schritt weiter. Er lenkt den Fokus ganz weg vom äußeren Erscheinungsbild. Nach dem Motto »Mein Körper trägt mich durchs Leben – wie er dabei aussieht, ist zweitrangig.«

Ein gesundes Körperbild zu haben, heiße eben nicht, dass man sich immer rundum schön fühlen muss, erklärt Phillippa Diedrichs. »Es geht darum, Respekt für den eigenen Körper zu haben, ihn wertzuschätzen.« Wenn es mit der Liebe nicht klappen will, dann also wenigstens Frieden schließen.

Tipps für mehr Selbstliebe

  • Auf die Gedanken achten
    Achte auf selbstabwertende Gedanken wie »Meine Beine sind hässlich« oder »Ich bin so fett geworden« und hinterfrage sie. Distanziere dich innerlich von ihnen, nach dem Motto: »Da ist sie wieder, die kritische Stimme in meinem Kopf.« Verzichte auf abschätzige Kommentare über dein Äußeres und behandle dich mehr wie eine gute Freundin.
  • Social-Media-Feeds gut auswählen
    Entfolge allen Accounts, die ein schlechtes Gefühl hinterlassen, und fülle deinen Social-Media-Feed mit Inhalten, die dich glücklich machen. Suche dir realistischere Vorbilder, die zum Beispiel eine ähnliche Figur haben wie du oder eine ebenso große Nase.
  • Stärken bewusst machen
    Der Wert eines Menschen liegt nicht darin, wie gut er aussieht. Überlege dir, welche Menschen du aus anderen Gründen bewunderst. Schreibe eine Liste von Dingen, die du an dir schätzt, die aber nichts mit dem Aussehen zu tun haben, etwa: »Ich bin klug und hilfsbereit.«
  • Den Körper für das schätzen, was er kann
    Dein Körper trägt dich durchs Leben. Überlege dir, wofür du deinem Körper dankbar bist: Deine Beine bringen dich von Ort zu Ort. Dein Bauch verdaut deine Nahrung und schenkt dir Energie. Mit deinen Händen kannst du deine Liebsten umarmen oder deinen Hund streicheln.
  • Gut zum eigenen Körper sein
    Behandle deinen Körper gut: Bewege ihn so, wie es sich für dich angenehm anfühlt. Das können Dehnübungen sein, ein Federballspiel mit Freunden oder ein langer Spaziergang in der Natur. Bewegung sollte dir guttun und keine Strafe für zu viele Kalorien sein.

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