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Coronavirus-Bekämpfung: Was Gurgeln wirklich bringt

Gurgeln mit antiseptischen Lösungen gilt in manchen Ländern als probates Mittel gegen Krankheiten. Doch wie gut kann man sich selbst und andere damit vor Covid schützen? Schwer zu sagen, denn die Daten sind lückenhaft und widersprüchlich.
Gurgel-Verfahren to Go: Eine Mitarbeiterin spiegelt sich im Außenspiegel eines Autos, das durch die Teststraße eines Corona-Testzentrums fährt.

Eine erstaunlich einfache Methode soll helfen, Sars-CoV-2 zu stoppen und – wenn sich jemand angesteckt hat – zumindest eine schwere Infektion verhindern: Gurgeln mit einer antiseptischen Lösung. Schließlich sitzt das Coronavirus unter anderem im Rachen und ist damit dort womöglich angreifbar. Sogar die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene sagt: »Mundspülen und Gurgeln ist in – andere anzustecken ist out.« Allerdings ist die Studienlage teilweise widersprüchlich.

Dass Gurgeln mit Wasser, Salzwasser, Tee oder antiseptischen Lösungen vor Infektionen schützt, auch vor Covid-19, leuchtet vielen Menschen sofort ein. In Ostasien, insbesondere Japan, ist es wegen dieser mutmaßlichen Schutzwirkung außerdem eine verbreitete Hygienepraxis in der Erkältungssaison. Aus Japan kommen deswegen auch viele Studien, in denen Fachleute die Wirksamkeit der Maßnahme systematisch untersucht haben. allerdings sind die Ergebnisse nicht eindeutig. So hieß es etwa nach einer Untersuchung an 23 Personen mit chronischen Atemwegserkrankungen, dank Gurgeln mit Povidon-Jod – der Mundspülungsversion der klassischen Jodtinktur – seien Atemwegsinfektionen nur halb so häufig aufgetreten wie sonst.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Drei Jahre später hat eine weitere japanische Gruppe den Effekt des Gurgelns bei knapp 400 Freiwilligen untersucht. Das Resultat: Gurgeln mit Wasser senke die Rate an Infektionen deutlich, Povidon-Jod dagegen wiederum nicht. 2006 wiederum befand ein Team nach einer Untersuchung an 124 Bewohnerinnen und Bewohnern in einem Pflegeheim, regelmäßiges Gurgeln mit Wasser sei ineffektiv, im Gegensatz zu Gurgeln mit Grünteeextrakt, das die Häufigkeit von Erkältungen um vier Fünftel gesenkt habe.

Zweimal am Tag gurgeln? Stündlich? Unklar!

Die zum Teil widersprüchlichen Ergebnisse lassen sich mutmaßlich darauf zurückführen, dass nur wenige Menschen an den Studien teilgenommen haben. Zufällige Schwankungen sowohl bei den Infektionen als auch bei der Zusammenstellung der Test- und Kontrollgruppe können bei kleinen Untersuchungen erhebliche Effekte haben.

Bisher gibt es keine hinreichend große klinische Studie, die als Goldstandard herhalten und die Frage nach der Wirksamkeit des Gurgelns beantworten könnte. Schon gar nicht im Bezug auf das neue Pandemievirus Sars-CoV-2. Unklar ist diesbezüglich ebenfalls, wie lange eine einzelne Anwendung schützt. Also wie lange sich nach dem Gurgeln Stoffe, die Viren abtöten, im Schleim der Atemwege halten und dort das Coronavirus abfangen.

Damit ist ungewiss, wie oft man am Tag gurgeln sollte, um sicher geschützt zu sein. Zweimal am Tag? Stündlich? Und findet die Ansteckung womöglich ohnehin woanders statt, nämlich in der Nase? Entsprechend skeptisch sind viele Fachleute, was die Präventionswirkung des Gurgelns angeht.

Antiseptische Lösungen reduzieren die Viruslast

Allerdings könnte Gurgeln in der Anfangsphase der Infektion immerhin das Risiko für schwere Verläufe reduzieren. Die grundsätzliche Idee dahinter: Eine geringere Viruskonzentration scheint mit milderen Verläufen einherzugehen. Im Umkehrschluss könnte es sinnvoll sein, die Viruskonzentration zu senken, indem man mit antiseptischen Lösungen gurgelt. Einige vorläufige Studien zeigen zumindest, dass dadurch die Viruslast tatsächlich sinkt.

Antimikrobielle Wirkstoffe wie Povidon-Jod, Octenidin oder in Alkohol gelöste ätherische Öle wirken jedenfalls gegen Viren. Manche von ihnen sind chemisch aggressiv und inaktivieren die Viren, andere greifen gezielt die Zellmembran behüllter Viren an, zu denen auch Coronaviren gehören. Auf diese Weise könnten solche Stoffe zudem die im Rachen verbleibenden Viren zerstören und nach der Spülung neu freigesetzte Viren abfangen.

In einer entsprechenden Untersuchung reduzierte PVP-Jod die Zahl der Coronaviren Mers-CoV und Sars-CoV um den Faktor 10 000, Versuche mit Sars-CoV-2 deuten auf eine vergleichbare Wirkung der Substanz. Cetylpyridiniumchlorid und ätherische Öle scheinen ebenfalls die Viren binnen kurzer Zeit effektiv außer Gefecht zu setzen. Einige andere Substanzen wie Wasserstoffperoxid oder Chlorhexidin dagegen wirkten kaum gegen Sars-CoV-2.

Mildere Verläufe durch weniger Viren?

Vermutlich lassen solche Versuche Rückschlüsse zu, welche Stoffe auch im Rachen gegen das Virus wirken. Fraglich ist allerdings, ob der ursprüngliche Schluss – weniger Viren führen zu leichter Erkrankung – überhaupt zulässig ist oder ob die niedrige Virenkonzentration nicht vielmehr die Folge eines milden Verlaufs ist. In letzterem Fall würde das Gurgeln für die Schwere der Erkrankung kaum einen Unterschied machen. Es sei denn, die Viren würden aus dem Rachenraum in die Lunge wandern und dort zum Problem für die Infizierten werden.

Mit diesem Argument befürworten manche Forscherinnen und Forscher die Rachendesinfektion, weil die Mittel Viren davon abhalten könnten, sich tief im Körper abzulagern. Grundlage für die Annahme bietet ein von bakteriellen Lungenentzündungen bekannter Mechanismus. Dabei gelangen Krankheitserreger mit der Atemluft quasi per Tröpfcheninfektion aus dem Rachen in die Lunge, besonders im Schlaf. Wer vor dem Einschlafen gurgle, könne sich auch nachts in Sicherheit wissen. Konkrete Evidenz hat die Arbeitsgruppe dafür allerdings nicht.

Während einigermaßen unklar ist, ob man sich mit Gurgeln vor Ansteckung mit Sars-CoV-2 oder zumindest den schlimmsten Folgen schützen kann, ist ein anderer Aspekt deutlicher. Nach dem Gurgeln sind weniger infektiöse Partikel in Mund und Rachen, die mit Schleim als infektiöse Tröpfchen und Aerosole in die Atemluft gelangen. Das bedeutet, die infizierte Person ist mutmaßlich deutlich weniger ansteckend.

Gurgeln gegen die Verbreitung?

Der Effekt ergibt Sinn, und die Technik ist einfach, schnell sowie sicher. Deshalb setzen längst zahlreiche Zahnärzte darauf. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen lassen ihre Patienten häufig mit antiseptischen Spülungen gurgeln, um sich selbst vor Keimen aus den Rachen anderer zu schützen.

Allerdings gibt es auch für diesen Schutzeffekt für Corona nur wenige Daten. Ein Indiz, dass der Effekt nicht nur messbar, sondern sogar deutlich ist, liefert immerhin eine Untersuchung von 2019, in der 32 erkältete Menschen – darunter ein Drittel mit Coronaviren – mit Salzlösung gurgelten und ihre Nase spülten. Bei ihnen steckten sich nur ein Drittel der weiteren Haushaltsmitglieder an, während es in der Kontrollgruppe zwei Drittel waren.

Leider ist diese Studie zu klein, um als Beleg herhalten zu können. Einige wesentliche Fragen lässt sie offen. Zum Beispiel, wie lange die Wirkung anhält, wie schnell also infizierte Zellen neue Viren freisetzen und in welchem Maße die Rückstände der Desinfektion sie inaktivieren. Denn auch hier mangelt es an Daten. Es gebe derzeit keine Studien, die den Effekt des Gurgelns gegen Sars-CoV-2 vor einer Zahnbehandlung stützen, bilanzierte eine Arbeitsgruppe im März. Dennoch empfehlen diverse Organisationen die Methode.

Einiges spricht dafür, dass Gurgeln unter bestimmten Umständen gegen Sars-CoV-2 hilfreich ist – allerdings sind es vor allem Argumente auf der Basis von Analogieschlüssen und Plausibilität. Die vorhandenen Untersuchungen mit wenigen Menschen oder an im Labor gezüchteten Zellkulturen bieten kaum wirklich aussagekräftige Daten. Und damit ist auch unsicher, ob man sich auf diese Weise selbst schützen kann oder ob man so die Verbreitung des Virus eindämmen kann. Gewiss ist allerdings: Gurgeln schadet nicht.

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