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Covid-19: Wo sich die Menschen im Herbst 2020 angesteckt haben

Fachleute sind sich einig: Im kommenden Herbst droht eine vierte Welle. In welchen Situationen verbreitet sich das Virus? Um das herauszufinden, hat ein französisches Forschungsteam Covid-19-Fälle vom vergangenen Herbst untersucht und kritische Situationen identifiziert.
Menschen in einem Pariser Bahnhof, mit Masken vorm Gesicht

Mitte Juli, in der Kalenderwoche 28, steckten sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) 529 Menschen in privaten Haushalten mit Sars-CoV-2 an. Privathaushalte waren damit die häufigste Infektionsquelle, weit vor dem Arbeitsplatz oder Speisegaststätten. Dennoch machen sie nur einen Bruchteil der 7647 neuen Fälle aus. Laut RKI-Statistik sind mehr als 85 Prozent der Ansteckungsorte unbekannt. Und die bekannten Zahlen sind schwer zu interpretieren. In der Regel weiß man von der eigenen Familie, nicht aber vom Sitznachbarn in der Bahn, ob er erkrankt ist; das Ansteckungsrisiko durch enge Angehörige könnte deshalb überschätzt werden.

Eine Studie vom Institut Pasteur und der Université Sorbonne in Paris hat diese Probleme umgangen. Das Forschungsteam kontaktierte zwischen Ende Oktober und Ende November 2020 mit Hilfe der nationalen Krankenkasse per E-Mail alle Erwachsenen, die in Frankreich als Covid-Fälle gemeldet wurden, und fragte sie nach Aktivitäten und Kontakten in den zehn Tagen vor Krankheitsbeginn. Rund 42 000 Menschen gaben Auskunft. Dieselben Fragen beantwortete eine Kontrollgruppe von rund 1700 Personen, die so ausgewählt wurden, dass sie den Covid-Fällen in Geschlecht, Alter und Wohnort entsprachen. Indem die Forschenden die Häufigkeiten von vermuteten Risikofaktoren zueinander ins Verhältnis setzten, konnten sie darauf schließen, wie viel diese zum Ansteckungsrisiko beitrugen.

Wie die Gruppe um den Mediziner Simon Galmiche berichtet, nahm die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion mit jeder weiteren Person im Haushalt zu. Ein Kind in Tagesbetreuung, im Kindergarten oder in der Schule steigerte das Risiko ebenfalls, mit Ausnahme der Grundschule. Und fast doppelt so hoch war es, wenn ein Haushaltsmitglied in der Kindertagesbetreuung arbeitete. Arbeitslose infizierten sich nur rund halb so oft wie Menschen, die im Büro (vor Ort) arbeiteten. Vollzeit im Homeoffice zu sein, reduzierte die Wahrscheinlichkeit nahezu auf die von Arbeitslosen.

Ebenso trugen private Treffen, Bar- und Restaurantbesuche zum Ansteckungsrisiko bei – nicht aber Einkäufe, religiöse Zusammenkünfte, Kultur- und Hochschulveranstaltungen. Allerdings war das öffentliche Leben in Frankreich zu diesem Zeitpunkt bereits stark eingeschränkt, geben die Autoren zu bedenken. Sie wollen deshalb keine Entwarnung für den Besuch von Kirchen, Kultur und Universitäten geben. Ähnliches galt für öffentliche Verkehrsmittel: Hier war das Infektionsrisiko kleiner als etwa bei Fahrgemeinschaften, doch das lasse sich leicht damit erklären, dass die meisten Menschen im privaten Auto keine Maske tragen.

Wie sehr die Masken schützen, zeigen auch vorläufige Ergebnisse einer Studie der City University of New York. Der Epidemiologe Dennis Nash und sein Team testeten rund 4500 Erwachsene in den USA zwischen Mai 2020 und Januar 2021 zweimal auf Sars-Cov2: Zirka 300 hatten beim ersten Test noch keine Antikörper im Blut, beim zweiten Test jedoch schon, hatten sich also zwischen den Testungen angesteckt. Auch hier verglichen die Forschenden die Aktivitäten der Infizierten mit denen der Nichtinfizierten. Wer sich privat mit Freunden oder Familie aus anderen Haushalten getroffen und dabei nie eine Maske getragen hatte, verfünffachte damit das Risiko einer Ansteckung. Mit Maske war es noch rund zweieinhalbmal so hoch wie bei einem Verzicht auf solche Treffen. Der gleiche Effekt, nur etwas schwächer, zeigte sich beim Aufenthalt am Arbeitsplatz.

Wie frühere Studien deuten auch diese Befunde darauf hin, dass Ansteckungen oft im privaten Umfeld stattfinden. Ende 2020 hatte das Institut Pasteur bereits gemeldet, dass Betroffene die Ansteckungsquelle überwiegend im eigenen Haushalt oder im weiteren Familienkreis vermuteten, gefolgt von Arbeitsplatz und Freunden. Gemeinsames Essen spiele eine Schlüsselrolle.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

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