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Sprachevolution: Die Semantik der Gefahr

Schnelle Reaktionen sichern in der Tierwelt das Überleben. Doch wenn man neben der eigenen Haut gleich die der ganzen Sippschaft retten muss, ist zudem auch eine effektive Kommunikation unerlässlich. Die Großen Weißnasenmeerkatzen zeigen sich hier besonders kreativ: Sie kombinieren feststehende Warnrufe zu einer neuen Aussage.
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Das Leben einer Meerkatze ist konstant gefährdet. Am Boden lauert der Leopard, weshalb es sich auf Bäumen besser lebt als auf festem Grund. Doch auch hier herrscht keine Sicherheit. Denn über den Wipfeln kreist gefräßig der Kronenadler – und dessen scharfes Auge erkennt auch kleinste Bewegungen. Möglichst unauffälliges Verhalten wäre aus Sicherheitsgründen also durchaus angebracht. Doch bei Gruppengrößen von 15 bis zu 100 Tieren gestaltet sich solche Bedachtsamkeit für Meerkatzen äußerst schwierig.

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Männliches Exemplar der Großen Weißnasenmeerkatze | Mit einem Gewicht von bis zu zwölf Kilogramm gehören die Großen Weißnasenmeerkatzen zu den größten ihrer Gattung. Dennoch müssen auch sie sich vor Feinden in Acht nehmen. Neben dem Menschen sind Leopard und der große afrikanische Kronenadler ihre schlimmsten Feinde.
Umso wichtiger ist da die Aufmerksamkeit der Männchen einer Sippschaft: Mit durchdringenden Rufen warnen sie ihre Gruppe vor nahender Gefahr. Je nach Angriffsrichtung variieren die afrikanischen Affen dabei auch ihren Warnruf: Schleicht sich die Raubkatze durch Dickicht und Farn, stoßen Tiere einen eher hohen, gezogenen Schrei aus. Werden sie jedoch des Greifvogels gewahr, sind tiefere, kürzere Rufe zu vernehmen.

Wie die meisten ihrer Artgenossen reagieren auch die Großen Weißnasenmeerkatzen (Cercopithecus nictitans) in solcher Weise auf ihre feindliche Umwelt. Bei der Waldmeerkatzenart mit der auffälligen weißen Zeichnung im Nasenbereich lebt nur ein Männchen in einer Gruppe von bis zu 40 Tieren. Droht Gefahr, stößt es die für seine Gattung typischen Rufe aus. Doch neben dem Panther-Warnschrei und der Greifvogel-Mahnung haben die Weißnasenmeerkatzen einen dritten Zuruf in petto, berichten Kate Arnold und Klaus Zuberbühler von der Universität von St. Andrews: Eine Kombination aus Leopard- und Adlerwarnungen, die sie bei der Sichtung ihrer Fressfeinde, aber auch zu anderen Gelegenheiten von sich geben.

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Weibliche Große Weißnasenmeerkatzen | Hören die Weibchen einer Sippe den Leoparden-Warnruf, klettern sie schnell und behände ins höhere Geäst. Sorgt der Adler für Unruhe, verstecken sich die Tiere unter dem Blattwerk der Baumkronen und verhalten sich still, um nicht aufzufallen.
Um herauszufinden, was es mit dieser Ruffolge auf sich hat, beschallten die beiden Wissenschaftler 17 Affengruppen zunächst mit dem Knurren eines Leopards. Neun der männlichen Meerkatzen reagierten mit einer Leoparden-Adler-Kombination. Hierbei folgten zumeist nach einem bis drei Panther-Rufen bis zu vier Adler-Warnungen.

Dann sendeten die Forscher, um die Tiere aller Gruppen zu lokalisieren, nach zwanzig Minuten eine Reihe von Adler-Warnungen ins Grüne. Alle Männchen antworteten mit ähnlichen Rufen – und verharrten aus Furcht vor dem Greifvogel mitsamt ihrer Sippe still in den vermeintlich bedrohten Baumkronen.

Mit Hilfe eines Radarsystems konnten Arnold und Zuberbühler nun den genauer Standort der Gruppen bestimmen. Und siehe da: Die Sippen, deren Männchen zuvor eine Warnruf-Kombo ausgestoßen hatten, waren viel weiter von ihrem Ursprungsort entfernt als die anderen Gruppen. Während erstere im Mittel eine Distanz von 85 Metern zurückgelegt hatten, waren die Gruppen, deren Männchen beim ersten künstlichen Leopardenlaut auf Kombinationswarnungen verzichtet hatten, im Schnitt nur 15 Meter weit gewandert. Was war die Ursache für die vergleichsweise weite Distanz der Kombinationsgewarnten Gruppen? Steckt vielleicht ein besonderer Kode im Schrei des Männchens?

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Männliche Große Weißnasenmeerkatze | Den ersten Teil ihres Namen verdanken die Großen Weißnasenmeerkatzen der auffälligen Gesichtszeichnung bei einem sonst einheitlich grauen Fell. Wie die Tiere jedoch zu der ungewöhnlichen Bezeichnung der "Meerkatze" gekommen sind, ist etymologisch nicht eindeutig geklärt.
Die Antwort lieferten 72 Rufsequenzen, die Arnold und Zuberbühler in der freien Wildbahn von einer bestimmten Gruppe aufzeichneten und mit ihrer Reiseentfernung verglichen. Über 40 Prozent der männlichen Äußerungen beinhalteten eine Leopard-Adler-Warnung, entdeckten die Forscher. Und nach jeder solchen Ruffolge legte die Gruppe erheblich größere Distanzen zurück, als sie es in Phasen tat, in denen das Männchen keine oder andere Laute von sich gab.

Die überraschenste Resultat der Aufzeichnungs-Analyse war jedoch, dass der Gebrauch der Ruf-Kombinationen gar nicht von der Präsenz eines Fressfeindes abhängig war. Statt dessen fungierte er anscheinend als Aufbruchssignal für größere Wanderbewegungen. Und damit, kombinieren Arnold und Zuberbühler, hätten die Großen Weißnasenmeerkatzen zwei festgelegte Ausrufe kreativ zu einer neuen, höher geordneten Aussage kombiniert. Mit der Ursprungsbedeutung der Sequenz-Bestandteile – der Warnung vor spezifischen Fressfeinden – stehe diese neue Ruffolge nicht mehr in direktem Zusammenhang. Haben die Meerkatzen damit die Grenzen der tierischen Kommunikation durchbrochen und einen Schritt in Richtung menschlicher Sprache gemacht?

Zwei zentrale Elemente menschlicher Sprachfähigkeit gelten als Trennlinien zwischen humaner und tierischer Verständigung: die Fähigkeit zu Wortschöpfung, also die indefinite Verknüpfung bestehender Elemente zu immer neuen Bedeutungszusammenhängen, und die Gabe der Abstraktion. Beides könnte man in die Kombinatorik der Weißnasenmeerkatzen hinein interpretieren.

Eine Schwalbe jedoch macht bekanntlich noch keinen Sommer. Es bliebe also zu überprüfen, ob auch andere Rufsequenzen der Tiere auf eine besondere Sprachfähigkeit schließen lassen. Dann könnten sich auch die Meerkatzen in die Reihe der Lebewesen einreihen, die nach und nach die lange festgeschriebenen Abgrenzungen zwischen Mensch und Tier aufweichen: Vernunft und Verstand, Freiheit und Bestimmung – oder eben sprachliche Kreativität und kommunikative Reaktion.
19.05.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19.05.2006

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