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Paläoontologie: Entzauberung eines Filmbösewichts

Die bisher umfassendste Studie über einen der populärsten Dinosaurier aus »Jurassic Park« dürfte Filmfans ernüchtern: Der echte Dilophosaurus hat mit der Leinwandkreatur wenig zu tun.
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Auch am späten Nachmittag brannte uns die Sonne noch gnadenlos auf den Rücken. Wir befanden uns im Herzen des Dinosaurierlandes auf dem Colorado Plateau im nördlichen Arizona. Inmitten der Navajo Nation waren dort zuvor zwei Skelette des Dilophosaurus wetherilli entdeckt worden. Deren genaues Alter wollten wir nun anhand geologischer Daten bestimmen.

Wir hatten diesen heißen Tag im Juni 2014 damit verbracht, auf und ab durch die unwirtlichen Badlands zu stapfen, das felsige Terrain zu vermessen und die mitgebrachten Rucksäcke mit Gesteinsproben zu füllen. Nun hieß es ausgraben – aber nicht etwa ein Saurierskelett, sondern unseren Geländewagen, der sich in den Dünen festgefahren hatte. Um ihn wieder frei zu bekommen, mussten wir den Sand, in dem er bis zu den Achsen steckte, mühsam mit Schaufeln und bloßen Händen beiseiteräumen.

Das Leben eines durch die Welt streifenden Feldforschers ist keineswegs so abenteuerlich, wie viele denken, sondern vor allem von profanen Dingen geprägt: Genehmigungen beantragen, Notizen machen, Mahlzeiten kochen, im Camp abwaschen, im Schein des Lagerfeuers die Daten des Tages sichten. Aufregende Erlebnisse sind selten – anders als bei Indiana Jones oder Alan Grant aus Steven Spielbergs Film »Jurassic Park«, die kaum je in die Verlegenheit kommen, ihren festgefahrenen Pick-up ausbuddeln zu müssen.

Im Sommer 1993 eroberten Dinosaurier und Paläontologen die Kinoleinwände in aller Welt. Der Blockbuster »Jurassic Park«, nach dem Roman von Michael Crichton aus dem Jahr 1990, machte zuvor kaum bekannte Saurier über Nacht zu Stars und blutrünstigen Monstren. Namen wie Velociraptor und Dilophosaurus waren neben Tyrannosaurus und Triceratops plötzlich in aller Munde.

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Urzeitlicher Jäger | Dilophosaurus stand an der Spitze der Nahrungspyramide in seinem einstigen Lebensraum und erbeutete auch andere Dinosaurier.

Davor hatten die Dinosaurier in Abenteuerfilmen meist wenig gemeinsam mit den Tieren, die Wissenschaftler von Fossilfunden her kennen. Doch »Jurassic Park« und seine Fortsetzungen stützten sich auf die neuesten Erkenntnisse aus Paläontologie und Gentechnik, die sie auf erzählerische Weise verarbeiteten. Autor Crichton und Regisseur Spielberg gewährten dem breiten Publikum damit erstmals Einblicke in die moderne Dinosaurierforschung. Ihre Darstellung der urtümlichen Echsen als agile, intelligente Tiere wirkt bis heute nach.

Allerdings gestatteten sich die Filmemacher künstlerische Freiheiten, um eine fesselnde Story zu erzählen. Sie dramatisierten nicht nur das Leben der Wissenschaftler, sondern auch die Saurier selbst. Dilophosaurus ist die Echse, deren filmisches Porträt am meisten von den fossilen Befunden abweicht. Im Kino ist sie so groß wie ein Golden Retriever, trägt eine ausklappbare Halskrause und spuckt giftigen Speichel, mit dem sie den Programmierer und Dinoembryonen-Schmuggler Dennis Nedry tötet. Doch was für ein Tier war der echte Dilophosaurus?

Als er zum Filmstar wurde, hatten die Paläontologen im Grunde noch keine klare Vorstellung von seiner Anatomie und Lebensweise. In den fast drei Jahrzehnten seither haben Forscher aber weitere fossile Exemplare geborgen und mit immer raffinierteren Methoden analysiert. Daher können wir Aussehen und Verhalten von Dilophosaurus, seine stammesgeschichtliche Position und die Welt, in der er lebte, inzwischen detailliert rekonstruieren. Damit verfügen wir zugleich über das bisher genaueste Porträt eines Dinosauriers aus der Epoche des frühen Juras. Zudem zeigte sich, dass der echte Dilophosaurus nur wenig Ähnlichkeit mit seinem Gegenstück auf der Leinwand hatte.

Das echte Tier im Vergleich zum Hollywood-Unhold

Dilophosaurus war ein über sieben Meter langer zweibeiniger Fleischfresser mit zwei charakteristischen parallelen Kämmen aus sehr dünnen Knochen entlang der Oberseite seines Kopfes (sein Name ist von den griechischen Wörtern sauros für Echse und lophos für Kamm abgeleitet). Als das Tier 1954 zum ersten Mal in der wissenschaftlichen Literatur auftauchte, trug es noch einen anderen Namen. Samuel Welles, ein Paläontologe der University of California in Berkeley, stellte in einer Serie von Artikeln die Ergebnisse seiner Untersuchungen an zwei fossilen Skeletten vor, die Jesse Williams, ein Navajo aus der Gegend von Tuba City in Arizona, gefunden hatte. In den fragmentarischen Überresten waren die Knochenkämme nicht erkennbar. Welles nannte das Tier Megalosaurus wetherilli, weil er glaubte, es handele sich um eine neue Spezies aus der bereits bekannten Gattung Megalosaurus. Doch 1964 fand er ein weiteres Exemplar, bei dem der obere Teil des Schädels mit seinen beiden Kämmen erhalten war. Das zeigte, dass es sich um eine zuvor unbekannte Gattung handelte, und so änderte Welles den Namen in Dilophosaurus wetherilli.

In den damaligen fossilen Überresten wirkten einige der Verbindungen zwischen den Knochen der Zahnleiste vorne im Oberkiefer schwach und gering belastbar. Deshalb vermutete Welles, dass die Echse ein Aasfresser war oder ihre Beutetiere mit den Klauen tötete.

Ausgeburt der Fantasie: Dilophosaurus-Darstellung im Dinosaur Park, WalesLaden...
Ausgeburt der Fantasie | Die Dilophosaurus-Darstellung im Dinosaur Park, Wales, beeindruckt wie im Film »Jurassic Park« aus dramaturgischen Gründen mit einer Furcht erregenden Halskrause.

Lebende Reptilien als Filmvorbilder

Auf seiner anatomischen Beschreibung von 1984 sowie musealen Rekonstruktionen des Skeletts und zeichnerischen Darstellungen in dem 1988 erschienenen Buch »Predatory Dinosaurs of the World« des Paläontologen Gregory S. Paul basiert der grundlegende Körperbau des Dilophosaurus in »Jurassic Park«. Doch wich seine Gestalt in mehreren wichtigen Punkten vom wissenschaftlichen Vorbild ab. Vor allem war die filmische Echse nur knapp halb so groß wie der echte Dilophosaurus, um einer Verwechslung mit Velociraptor vorzubeugen, einem weiteren mordgierigen Unhold im Leinwandepos. Außerdem statteten die Filmemacher sie mit zwei fiktiven Merkmalen aus, die allein der Schockwirkung dienten: Sie spuckt giftigen Speichel und trägt eine abspreizbare Halskrause.

Vorbild für Ersteres waren Speikobras, die aus den Kanälen ihrer Giftzähne in gezieltem Strahl toxisches Sekret über zwei Meter weit spritzen können und dabei versuchen, die Augen des Beutetiers zu treffen. Die Anregung für die ausklappbare Halskrause stammt dagegen von der Kragenechse (Chlamydosaurus kingii), einer in Australien und Neuguinea verbreiteten Agame. Ein Gerüst aus knorpeligen Stäben, das vom Hals ausgeht, bewegt bei ihr den von einer Hautmembran gebildeten Schirm. In den Fossilfunden von Dilophosaurus finden sich keinerlei Hinweise auf eine solche Struktur.

In anderer Hinsicht entsprach »Jurassic Park« allerdings dem neuesten Stand der damaligen Wissenschaft. In den frühen 1980er Jahren setzte sich unter Paläontologen die Überzeugung durch, dass die modernen Vögel von den Dinosauriern abstammten. Daher verwarfen die Filmemacher ihre ersten Animationen des Velociraptor, in denen er sich noch schlängelnd fortbewegte. Stattdessen ließen sie ihn auf Empfehlung ihres wissenschaftlichen Beraters, des Paläontologen Jack Horner, wie einen Vogel auf zwei Beinen laufen. Mit der Darstellung der Dinosaurier als schnelle, intelligente Tiere statt wie zuvor als schwerfällige, reptilienähnliche Kreaturen führte der Film erstmals einer breiten Öffentlichkeit ihre Verwandtschaft mit den Vögeln vor Augen.

Doch auch in wissenschaftlicher Hinsicht hat sich das Bild von Dilophosaurus seit der Premiere von »Jurassic Park« erheblich geändert. Das ist kein Wunder; denn schon vor dem Erscheinen von Buch und Film erlebte die Paläontologie einen enormen Umbruch. Fortschritte der Computertechnik eröffneten ganz neue Möglichkeiten zur Untersuchung von Fossilien; insbesondere ließen sich nun riesige Datenmengen auf eine Weise verarbeiten, die bei der Entdeckung von Dilophosaurus noch unvorstellbar war.

Ein Beispiel ist die kladistische Analyse. Sie identifiziert charakteristische erbliche anatomische Merkmale von Fossilien und wertet ihr Vorkommen statistisch aus. Paläontologen können heute dank der enorm gesteigerten Rechenleistung sehr viel mehr solche Merkmale in sehr viel kürzerer Zeit analysieren und so fundiertere Modelle der stammesgeschichtlichen Verwandtschaft von Dinosauriern und ihrer Evolution erstellen. Die Fortentwicklung der medizinischen und industriellen Computertomografie (CT) ermöglicht es zugleich, mit hoher Auflösung zerstörungsfrei in das Innere von fossilhaltigem Gestein oder Fossilien selbst zu blicken und darin verborgene anatomische Strukturen auszumachen.

Neue Funde verbessern das Bild

Zum Wandel im Bild von Dilophosaurus trugen auch neue Fossilfunde bei: 1998 entdeckte ein Team der University of Texas in Austin in der ursprünglichen Fundregion im Norden Arizonas weitere Fossilien der Echse. Darin ließen sich Teile der Anatomie gut erkennen, die in den früheren Skelettresten fehlten oder stark deformiert waren.

Fossilien werden normalerweise zusammen mit umgebendem Gestein geborgen und vorsorglich mit Gips ummantelt, damit sie den Transport ins Labor unbeschadet überstehen. Dort machen sich Paläontologen dann mit zahnstocherähnlichen Werkzeugen, feinen Meißeln und miniaturisierten Presslufthämmern daran, das Gestein vorsichtig zu entfernen und die eingeschlossenen Körperteile freizulegen. Nach Millionen von Jahren haben sich Fossilfunde unter dem Einfluss von geologischen Prozessen wie hohem Druck und Verwitterung indes meist nicht unverändert erhalten, sondern sind deformiert und fragmentiert. Manchmal lösen Paläontologen dann Skelettteile aus dem Gestein und setzen sie passend neu zusammen, oder sie versuchen, die ursprüngliche Anatomie durch Vergleich mit eng verwandten Tieren zu rekonstruieren.

Als Wann Langston junior und seine Kollegen um das Jahr 1950 an der University of California in Berkeley die ersten Dilophosaurus-Skelette präparierten, ergänzten sie fehlende Bereiche des Schädels mit Abgüssen vom Skelett eines besser erhaltenen, Fleisch fressenden Dinosauriers aus dem Jura. Nicht mehr vorhandene Teile des Beckens modellierten sie frei aus Gips. Niemand wusste, wie diese Abschnitte wirklich ausgesehen hatten.

Ein Raubtier mit tödlichem Gebiss

Später entdeckte Fossilien zeigten allerdings, dass die Schnauze und der Kiefer des Tieres viel massiver waren als ursprünglich angenommen. Die Oberkieferknochen wiesen keine Schwachstellen auf, wie es die fragmentarischen Erstfunde hatten vermuten lassen. Stattdessen sprachen sie für einen kräftigen Schädel, mit dem der Saurier sehr wohl Beutetiere durch Bisse töten konnte. Die Unterkiefer enthielten stabile Knochenleisten, an denen wahrscheinlich Muskeln ansetzten. Bei modernen Reptilien dienen solche Leisten als Widerlager für eine starke Kaumuskulatur.

Tatsächlich weist das Skelett eines anderen an der Grabungsstätte der Wissenschaftler aus Austin gefundenen Dinosauriers – des Pflanzen fressenden Sarahsaurus – Bissspuren von einem großen Raubtier auf, dessen Kiefer und Zähne stark genug waren, um sich durch Knochen zu bohren. Demnach verfügte Dilophosaurus offenbar über einen kraftvollen Biss und tötete seine Beute nicht nur mit den Krallen, wie Welles vermutet hatte.

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Porträt eines Räubers | Erste Untersuchungen an Skelettfragmenten von Dilophosaurus ließen vermuten, dass das Tier nur schwache Kieferknochen hatte und daher wahrscheinlich entweder ein Aasfresser war oder seine Beute mit den Krallen tötete. Neueste Analysen der Gesamtheit aller bekannten Fossilien zeichnen jedoch das Bild eines Furcht erregenden Räubers. Demnach hatte Dilophosaurus wohl nicht nur einen viel kräftigeren Biss als zuvor angenommen, sondern war trotz seiner Größe auch schnell und wendig. An der Spitze der Nahrungspyramide seines Ökosystems stehend, machte er sogar Jagd auf andere Raubsaurier.

Außerdem hatte er eine beachtliche Größe, besonders für Dinosaurier jener Zeit. In der späten Trias – nur 20 Millionen Jahre früher – waren die meisten solchen Echsen im westlichen Nordamerika nur etwa so groß wie ein Truthahn oder Adler. Dilophosaurus hätte dagegen mit seiner Länge von über sieben und einer Scheitelhöhe von bis zu 2,5 Metern im ausgewachsenen Zustand einen Menschen weit überragt. Er besaß viel längere und stärkere Arme als andere große Raubsaurier wie Allosaurus oder Ceratosaurus und auch längere Beine im Verhältnis zur Gesamtgröße.

Auf Grund der ersten, unvollständigen Fossilien hatten die Wissenschaftler eine enge Verwandtschaft von Dilophosaurus mit den Carnosauriern Allosaurus und Streptospondylus vermutet und so nach deren Anatomie die fehlenden Teile des Beckens rekonstruiert. In den besser erhaltenen späteren Skelettfunden ähnelte die Beckenanatomie dagegen eher einer Zwischenform von Coelophysis aus der späten Trias und Allosaurus aus dem späten Jura.

Wie viele frühe Dinosaurier und alle heutigen Vögel hatte Dilophosaurus sackartige Erweiterungen der Lunge in den Wirbeln. Diese Pneumatisierung verlieh dem Skelett hohe Festigkeit bei geringem Gewicht. Dank des Luftsacksystems bewegte sich zudem die Atemluft wie bei den heutigen Vögeln und Krokodilen nur in einer Richtung durch die Lunge. Das versorgte den Saurier mit mehr Sauerstoff als die alternierende Atmung der Säugetiere, bei der die Luft auf demselben Weg erst in die Lunge hinein- und dann wieder herausströmt. Tiere mit unidirektionaler Atmung erreichen hohe Stoffwechselraten und damit beachtliche körperliche Ausdauerleistungen. Dilophosaurus war also wahrscheinlich ein schneller, agiler Jäger.

CT-Aufnahmen zeigten auch in den Knochen des Hirnschädels luftgefüllte Hohlräume, die mit den Nebenhöhlen im Schnauzenbereich in Verbindung stehen. Bei den meisten Raubsauriern überdachte ein knöcherner Grat ein charakteristisches Knochenfenster vor den Augenhöhlen, die so genannte Fenestra antorbitalis. Bei Dilophosaurus verläuft die betreffende Öffnung entlang seiner namensgebenden Knochenkämme, was darauf hindeutet, dass diese ebenfalls Hohlräume enthielten. Höchstwahrscheinlich waren sie mit Keratin überzogen, jenem Material, das auch Hörner, Klauen und Haare bildet. Vielleicht spielten die auffälligen Kämme bei der Balz und der individuellen Wiedererkennung eine Rolle. Ob die Pneumatisierung für diese oder andere Funktionen wichtig war, ist bisher jedoch unklar.

Zu den Aufgaben der Evolutionsforschung zählt zudem die Abgrenzung der anatomischen Variabilität innerhalb und zwischen taxonomischen Gruppen. Welles vertrat die Auffassung, dass die verschiedenen Skelette, die wir heute Dilophosaurus zuordnen, mehrere Gattungen repräsentierten. Einer von uns (Marsh) testete diese Hypothese mit den neuesten kladistischen Methoden. Er charakterisierte an jedem einzelnen Fossil Hunderte von anatomischen Merkmalen und verglich die individuellen Ausprägungen miteinander. Dieser statistischen Analyse zufolge ähneln sich alle bekannten Vertreter von Dilophosaurus – entgegen der Vermutung von Welles – in ihrem Körperbau so stark, dass sie nicht nur einer Gattung, sondern sogar derselben Art angehörten.

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Revision des Stammbaums | Lange rätselten Paläontologen über die Verwandtschaft von Dilophosaurus mit anderen Dinosauriern. Frühere Studien legten nahe, dass er am engsten mit den Coelophysoiden (A), den Ceratosauriern (B) oder anderen kammtragenden Theropoden (C) verwandt war. Samuel Welles, der die ersten Beschreibungen von Dilophosaurus-Fossilien veröffentlichte, war noch der Meinung, die verschiedenen Funde repräsentierten mehrere Dinosauriergattungen. Gemäß der neuesten, umfassenden Analyse charakteristischer anatomischer Merkmale gehören sie jedoch zu einer einzigen Art. Der Vergleich dieser Merkmale mit denen anderer Dinosaurier aus der ganzen Welt zeigte zudem, dass Dilophosaurus den großen Theropoden des Juras am nächsten stand (D). Doch besteht eine große evolutionäre Distanz zwischen beiden Gruppen. Deshalb dürften noch engere, bisher unentdeckte Verwandte existiert haben.

Marsh bettete seine Stichprobe von Dilophosaurus-Skeletten zudem in einen wesentlich größeren Datensatz ein, um Vergleiche mit anderen Saurierspezies aus der ganzen Welt anzustellen. Dadurch gewann er neue Einblicke in die Evolutionsgeschichte und biogeografische Verteilung diverser Dinosauriergruppen und konnte Dilophosaurus genauer im Stammbaum des Lebens verorten. Dabei zeigte sich eine beträchtliche evolutionäre Lücke zwischen ihm und seinen nächsten bekannten Verwandten. Demnach gibt es wohl noch etliche Saurier zu entdecken, die ihm näher stehen.

Einblick in die Lebenswelt des frühen Juras

Aber nicht nur über den Körperbau des Dilophosaurus wissen wir mittlerweile genauer Bescheid, sondern auch über die Welt, in der er lebte. Der Abstieg von den Adeii-Eichii-Klippen in den Dilophosaurus-Steinbruch ist eine Reise zurück durch 183 Millionen Jahre Erdgeschichte bis in die Zeit des frühen Juras. Dinosaurier durchstreiften damals diese Landschaft und hinterließen Fußabdrücke, die sich im Sandstein des Colorado-Plateaus teils bis heute erhalten haben.

Befestigte Straßen enden schon meilenweit vor der felsigen Anhöhe. Danach fährt man auf überwucherten, tief zerfurchten Pisten durch die losen Dünenfelder, die auf geologischen Karten als QAL (Quartäres Alluvium, neuzeitlicher Schwemmboden) verzeichnet sind. In diesen Sandverwehungen waren unsere Geländewagen 2014 stecken geblieben. Den Untergrund der Dünen bildet Navajo-Sandstein, eine versteinerte 180 Millionen Jahre alte Wüste. Die roten Felsen der Ward Terrace, wie die Region auch genannt wird, erstrecken sich bis zum westlichen Horizont, wo sie auf die viel jüngeren vulkanischen San Francisco Peaks von Flagstaff (Arizona) treffen. Im Nordwesten öffnet sich der Grand Canyon, eine der spektakulärsten geologischen Formationen der Welt.

Von dem Sand, in den unser Pick-up auf der Ward Terrace eingesunken war, bis hinunter zum Vishnu-Schiefer – dem schwarzen Gestein am Grund des Grand Canyon, in das sich der Colorado River unermüdlich hineinfrisst – präsentiert diese Landschaft einen Großteil der Gesteinsschichten der letzten 1,8 Milliarden Jahre. Als Paläontologen interessieren wir uns für die Organismen, deren Überreste in den Gesteinen eingeschlossen sind. Zugleich versuchen wir, anhand geologischer Informationen und biologischer Befunde die Lebenswelten längst vergangener Zeitalter zu rekonstruieren.

Die Dilophosaurus-Fossilien entstammen der Kayenta-Formation. Deshalb wollten wir deren Alter möglichst exakt bestimmen. Das Gesteinsmaterial dieser Formation wurde von Flüssen, Seen und Bächen östlich eines Bogens von Vulkanen abgelagert, die Asche und feinkörnige Partikel in der Region verteilten. Die Vulkanasche half einst, die Dilophosaurus-Knochen zu konservieren, und lässt sich heute zur genaueren Datierung der Kayenta-Formation heranziehen.

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Künstlerische Darstellung und Realität | Mit bis zu 2,5 Meter Scheitelhöhe und 7,5 Meter Länge überragte der echte Dilophosaurus sein Alter Ego aus »Jurassic Park« bei Weitem. Auch gibt es keine Hinweise, dass er wie im Film eine ausklappbare Halskrause trug oder Gift speien konnte.

Dazu zermahlten wir die 2014 gesammelten Gesteinsproben und pickten Zirkonkristalle heraus. Diese enthalten gewöhnlich Uran, dessen Isotop U-238 mit konstanter Geschwindigkeit über mehrere Zwischenstufen zu Blei zerfällt. Indem wir die Kristalle per Laser verdampften und im Massenspektrometer das Mengenverhältnis von Uran zu Blei bestimmten, konnten wir ermitteln, wann sich die Gesteinsschicht abgelagert hatte. Bei der fraglichen Dilophosaurus-Fundstelle ergab sich ein Alter von etwa 183 Millionen Jahren, mit einem Unsicherheitsbereich von wenigen Millionen Jahren.

Dilophosaurus lebte also während des frühen Juras, rund 5 bis 15 Millionen Jahre nach dem Massensterben am Ende der Trias, bei dem etwa drei Viertel aller damaligen Lebensformen ausgelöscht wurden – einschließlich der meisten großen Reptilien, die mit den frühen Dinosauriern um Nahrung und Lebensraum konkurrierten. Auslöser der Katastrophe war vermutlich das beginnende Auseinanderbrechen des Superkontinents Pangäa, in dessen Verlauf sich das Nordatlantikbecken wie ein vulkanischer Reißverschluss öffnete.

Während der späten Trias und des frühen Juras bewegte sich die nordamerikanische Platte aus einem subtropischen Klimagürtel nordwärts in eine semiaride Zone. Dadurch verschob sich der Lebensraum des Dilophosaurus vom Breitengrad des heutigen Costa Rica auf die Höhe von Nordmexiko. Die Landschaft, in der sich die Schichten der Kayenta-Formation ablagerten, war saisonal trocken, wobei regelmäßig Sanddünen in feuchtere Zonen mit florierender Tierwelt vordrangen und sich wieder zurückzogen. Welche Rolle Dilophosaurus in seinem Ökosystem spielte, geht aus mit ihm zusammen abgelagerten Fossilien anderer Organismen hervor. Demnach stand er an der Spitze der Nahrungspyramide in einer lang gestreckten Flussoase, einem von Nadelbäumen gesäumten Wasserlauf durch ein Meer aus Sand.

Ein Dilophosaurus-Skelett, das an der University of Texas in Austin aufbewahrt wird, stammt aus demselben Steinbruch wie zwei Exemplare des schon erwähnten langhalsigen Pflanzenfressers Sarahsaurus. Beide Spezies lebten hier zusammen mit dem kleineren Fleisch fressenden Megapnosaurus und dem noch kleineren, gepanzerten Scutellosaurus. Das am häufigsten in der Kayenta-Formation gefundene Tier ist die frühe Schildkröte Kayentachelys, die sich den Flusslauf mit stark geschuppten Knochenfischen, Süßwasser-Quastenflossern und Lungenfischen teilte. Urtümliche Verwandte der Säugetiere, darunter die biberähnlichen Tritylodontiden und die rattenähnlichen Morganucodontiden, standen wohl ebenfalls auf dem Speiseplan von Dilophosaurus.

Einstiges Verbreitungsgebiet des DilophosaurusLaden...
Einstiges Verbreitungsgebiet | Die Fossilien des Dilophosaurus stammen alle von zwei Fundorten im nördlichen Teil des heutigen Arizona nahe Flagstaff. Die Tiere lebten im frühen Jura kurz nach dem Auseinanderbrechen des ehemaligen Superkontinents Pangäa.

Im Film »Jurassic Park« kommt nach vorsichtigem Abbürsten eines ausgegrabenen Fossils ein komplett erhaltenes Velociraptor-Skelett zum Vorschein. Diese Szene hat mit der realen Welt wenig zu tun. Da finden Forscher meist nur schwer identifizierbare Fragmente – und an einem Glückstag vielleicht einmal einen einzelnen weitgehend vollständigen Knochen. Zwar ist Dilophosaurus seit der Veröffentlichung von Marshs umfassender anatomischer Studie im Sommer 2020 der weltweit am besten dokumentierte Dinosaurier aus dem frühen Jura. Doch hat es Jahrzehnte gedauert, bis nach dem ersten Skelettfund weitere Fossilien zu Tage kamen, die sukzessive Klarheit über seine genaue Anatomie brachten. Und es brauchte mehrere Generationen von Paläontologen, um die Knochenfunde richtig zu deuten.

Naturkundemuseen im Dienst der Wissenschaft

Hilfreich bei dieser Arbeit sind die Naturkundemuseen. Von der Öffentlichkeit als Orte eindrucksvoll gestalteter Ausstellungen wahrgenommen, erfüllen sie ihre Hauptfunktion hinter den Kulissen im Dienst der Wissenschaft. Diese Institutionen beherbergen große Sammlungen von Fundstücken, die als Material für die Forschung dienen. Teams von spezialisierten Konservatoren, Archivaren und Kuratoren dokumentieren und konservieren alle Stücke sorgfältig, um sie für die Wissenschaft dauerhaft verfügbar zu halten.

Wiederholbarkeit ist ein Grundprinzip wissenschaftlicher Arbeit: Andere Forscher müssen die Möglichkeit haben, frühere Ergebnisse und Schlussfolgerungen zu überprüfen. In der Paläontologie bedeutet dies, die Fossilien sicher und zugänglich aufzubewahren, damit zukünftige Generationen von Wissenschaftlern die Fundstücke erneut begutachten können.

Die Navajo Nation kooperiert mit Museen, die vor Ort ausgegrabene Fossilien konservieren und alle zugehörigen Dokumente sichern. Als wir 2015 dorthin zurückkehren wollten, wo Jesse Williams 1940 die ersten Überreste von Dilophosaurus entdeckt hatte, trafen wir durch einen glücklichen Zufall auf John Willie, einen seiner nachgeborenen Verwandten. Der Navajo führte uns zur Fundstelle und betonte, welch große Bedeutung die Diné, wie sich sein Volk selbst nennt, ihren einzigartigen Naturschätzen beimäßen. Das Territorium der Navajo Nation gehört zu den weltweit wichtigsten Orten, um Gesteinsformationen aus dem Erdmittelalter zu erkunden. Das dortige Minerals Department unterstützt wissenschaftliche Untersuchungen, indem es unter anderem Genehmigungen für die Feldforschung erteilt, Fossilien als Leihgaben zur Verfügung stellt oder Manuskripte begutachtet.

Wissenschaftlicher Fortschritt kommt dadurch zu Stande, dass Forscher auf früheren Ergebnissen aufbauen, sie gegebenenfalls neu bewerten und als Folge manchmal überkommene Vorstellungen korrigieren. Interessant wird es, wenn derart mühsam erarbeitete wissenschaftliche Erkenntnisse Eingang in die Welt der Unterhaltung finden. Tatsächlich reicht die enge Verbindung der Paläontologie mit dem Kino bis in die Anfänge der bewegten Bilder zurück. Die Idee zu Winsor McCays Animationsfilm »Gertie, der Dinosaurier« aus dem Jahr 1914 wurde im American Museum of Natural History in New York City geboren, wo der Comiczeichner und Karikaturist mit ein paar Freunden das Skelett eines Sauropoden betrachtete. Aus einer Laune heraus wettete er, das Tier zum Leben erwecken zu können. Das Ergebnis war der erste Dinosaurierfilm. Für seine »Gertie«-Rekonstruktion zog McCay die Paläontologen des Museums zu Rate.

Später beriet Barnum Brown, der Entdecker des Tyrannosaurus rex, Walt Disney bei der Produktion des 1940 erschienenen Zeichentrickfilms »Fantasia«. Und das Filmteam, das 1954 »Godzilla« drehte, ließ sich für die Gestaltung des riesigen Monsters von dem 1947 entstandenen Wandgemälde »Das Zeitalter der Reptilien« von Rudolph Zallinger inspirieren, das im Peabody Museum der Yale University in New Haven (Connecticut) ausgestellt ist. Wenn 2022 wie geplant als sechster Teil der Jurassic-Park-Reihe »Jurassic World: Dominion« in die Kinos kommt, dürfen wir gespannt sein, wie stark sich die urweltliche Menagerie dort an den neuesten Erkenntnissen der Paläontologie orientiert.

Übrigens fließt manchmal auch die Filmkultur in die Wissenschaft ein, und das sogar buchstäblich. So erzählte Langston junior, die Paläontologen hätten bei der Restaurierung von Fossilien an der Universtiy of California in Berkeley in den 1930er und 1940er Jahren Filmstreifen aus Zelluloseacetat in Aceton aufgelöst, um Kleber herzustellen – statt den damals viel teureren »Duco Cement« auf Nitrozellulosebasis zu kaufen. Einerseits hat es Dilophosaurus also zum Filmstar gebracht, doch andererseits steckt offenbar auch ein wenig Film in seinen imposanten, aus fossilen Knochen zusammengeklebten Skeletten in den Museen.

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  • Quellen

Marsh, A. D., Rowe, T. B.: A comprehensive anatomical and phylogenetic evaluation of Dilophosaurus wetherilli (Dinosauria, Theropoda) with descriptions of new specimens from the Kayenta Formation of northern Arizona. Journal of Paleontology 94 (S78), 2020

Welles, Samuel P.: New Jurassic dinosaur from the Kayenta Formation of Arizona. Bulletin of the Geological Society of America 65, 1954

Welles, Samuel P.: Dilophosaurus (Reptilia: Saurischia), a new name for a dinosaur. Journal of Paleontology 44 (5) 1970

Welles, Samuel P.: Dilophosaurus wetherilli (Dinosauria, Theropo-da), osteology and comparisons. Palaeontographica Abteilung A 185, 1984

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