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Fortpflanzung: Doppelter Gewinn für Schönheit

Wer schön ist, kann der Gunst des anderen Geschlechts gewiss sein. Doch selbst noch die Kinder profitieren von der Attraktivität des Vaters – zumindest bei Blaumeisen.
Blaumeise klein
Männer lieben Prunk und Protzerei: Sie schmücken sich mit riesigen Hörnern, wallenden Mähnen, farbenfrohem Gefieder oder beeindrucken durch Muskelmasse und schiere Größe. Nicht zu Unrecht, springt doch das weibliche Geschlecht auf die zur Schau getragene Pracht entsprechend an: Weibchen hegen eine besondere Schwäche für attraktive Männchen.

Den zukünftigen Müttern geht es dabei nur um eines: qualitativ hochwertige väterliche Gene für den Nachwuchs zu ergattern, damit dieser möglichst optimale Voraussetzungen für den Überlebenskampf in die Wiege gelegt bekommt. Also wählen die Damen ihren Partner sorgfältig aus. Anhand von besonders prächtigen Merkmalen wie einer fülligen Mähne oder bunt leuchtenden Federn versuchen sie, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Bewerber zu taxieren.

Ist der Vater ausgesprochen sexy, dürfte der gemeinsame Nachwuchs besonders reichlich mütterliche Zuwendung und Energie erhalten, denn dann lohnt sich die Mühe: Schließlich ist damit zu rechnen, dass auch die Kinder entsprechend fit sein werden. Sollte ein Weibchen aber einmal nur einen unscheinbareren Partner abbekommen, wäre es dann nicht sinnvoll, sich bei der Aufzucht des – vermutlich eher schwächlichen – Nachwuchses zu schonen und reichlich Energiereserven aufzusparen in der Hoffnung, beim nächsten Mal einen attraktiveren Vater zu ergattern?

Dieser Frage ging Tobias Limbourg vom Niederländischen Institut für Ökologie zusammen mit seinen Kollegen nach. Die Forscher manipulierten die sexuelle Attraktivität von Blaumeisen-Männchen und beobachteten, ob dies die Brutfürsorge der Mütter beeinflusste.

Blaumeisen im Nistkasten | Blaumeisenmütter vernachlässigen die Fütterung ihrer Küken, wenn der Vater weniger attraktiv ist.
Die frei lebenden Vögel durften sich zunächst einmal ungestört zu Paaren zusammenfinden und Eier legen. Erst kurz vor dem Schlüpfen der Küken wurden die Männchen in zwei Gruppen aufgeteilt. Die einen erhielten eine Art Sonnencreme auf den Kopf gestrichen, um das Leuchten des Kopfgefieders im UV-Licht, was die Tiere für Weibchen besonders attraktiv macht, zu reduzieren. Die Kontrollgruppe bekam lediglich den wirkungslosen Fettanteil der Salbe auf den Kopf. Die Schönheit der Väter wurde erst so spät verdeckt, um einen Einfluss auf die Größe des Geleges zu verhindern. Zehn und vierzehn Tage nachdem die Küken geschlüpft waren, filmten die Wissenschaftler drei Stunden lang die Fütterungen im Nistkasten.

Tatsächlich vernachlässigten die Mütter ihren Nachwuchs, wenn die Väter der Leuchtkraft ihres Gefieders beraubt waren: Sie brachten deutlich weniger Futter ins Nest als die Weibchen der Kontrollgruppe. Offenbar bewerteten sie ihre plötzlich unattraktiven Lebenspartner weniger positiv und hielten es nicht für lohnend, viel in die Nachkommen eines nicht so wertvollen Vaters zu investieren. Die Männchen hingegen fütterten ungeachtet ihrer beeinträchtigten Schönheit (die sie ja selbst auch gar nicht wahrnahmen) genauso gut wie die Vergleichstiere.

Die Schlamperei der getäuschten Blaumeisenweibchen blieb nicht ohne Folgen: Ihre Jungen waren zwar gleich schwer wie die wohlgenährten Küken der Vergleichsgruppe, hatten aber kürzere Beine. Da kleinere Vögel schlechtere Überlebensbedingungen haben, könnten sich die kurzen Beine negativ auf die Fitness der vernachlässigten Brut auswirken.

Schönheit birgt also einen doppelten Vorteil: Sie erleichtert nicht nur die Partnerwahl, sondern gewährleistet auch eine bessere Versorgung des eigenen Nachwuchses und bietet diesem damit beste Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben. Der Aufwand, mit reichlich Prunk beim anderen Geschlecht Eindruck zu schinden, ist also der Mühe wert.

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