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Verhaltensforschung

Emanzipation in der Prärie

Die Weibchen des Gabelbocks machen sich jährlich auf eine komplizierte und anstrengende Partnersuche. Damit sich das lohnt, muss etwas rausspringen. Doch was?
Frauen sind emanzipiert. Frauen sind wählerisch. Schließlich sind sie ja auf der Suche nach dem Traummann, und der wartet nicht an jeder Straßenecke. Das scheint ein Problem zu sein, von dem nicht nur wir Menschen, sondern auch so manches Tier ein Lied singen kann, zum Beispiel das Gabelbockweibchen (Antilocapra americana).

Gabelböcke sind die einzige heute noch lebende Art einer ansonsten ausgestorbenen Ordnung innerhalb der Paarhufer. Aber noch etwas macht sie einzigartig unter den Paarhufern: Auf gewisse Art haben die Frauen bei ihnen die Hosen an, denn Sie bestimmt, wer der Herr der Wahl sein darf. Kurz bevor sie in Paarungslaune kommt, beginnt sie, auf der Suche nach Ihm durch die Weiten der nordamerikanischen Prärie zu sprinten. Dabei scheut sie keine Mühen: Sie besucht viele Herren, die oft weit voneinander entfernt ihre Harems unterhalten und testet einen Kandidaten mitunter auch mehrmals. All das passiert innerhalb von nur zwei Wochen – ein Glück, dass diese Wiederkäuer die schnellsten Landsäugetiere Amerikas sind.

Männlicher Gabelbock
Männlicher Gabelbock | Gabelböcke sind die schnellsten Landsäugetiere Amerikas. Sie erreichen eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 95 Kilometern pro Stunde. Im Gegensatz zum schnellsten Säugetier der Welt, dem Gepard, können sie ihre hohe Geschwindigkeit auch über längere Strecken halten.
Wie funktioniert dieses Austesten? John Byers von der Universität Idaho und andere stellten schon vor einiger Zeit fest, dass sich die Gabelbockweibchen im Vorfeld erst einmal anschauen, ob der Herr es schafft, eine Schar eigensinniger Frauen bei Stange zu halten – etwa wie er diese davon überzeugt, ihm nicht wieder davonzulaufen. Das passiert immer dann, wenn er Probleme dabei hat, einen Kontrahenten daran zu hindern, in sein Territorium einzudringen.

Oft verlassen die Weibchen die Männchen aber auch aus einem für die Forscher noch unersichtlichen Grund. Die Größe des schon vorhandenen Harems ist jedenfalls wichtig, ob ein Weibchen sich ebenfalls für dieses Männchen entscheidet – von ein paar ganz Ausgefuchsten abgesehen. Die wähnen ihn in Sicherheit, versuchen dann aber in letzter Minute zu einem Nebenbuhler abzuhauen und provozieren auf diese Weise eine Kampf zwischen den beiden. Erst wer den gewinnt, kann schlussendlich ebenso bei diesen Frauen landen. Am Ende entscheiden sich jedenfalls fast alle Weibchen für einen kleinen erlesenen Kreis und ein Großteil der anderen Männchen geht leer aus.

Doch was offerieren diese Herren, was die anderen nicht haben? Bieten sie Schutz? Nein, denn die emanzipierten Weibchen sorgen für sich selbst. Sind die Herren besonders ansehnlich? Zumindest nach menschlichem Ermessen mag auch das nicht sein, denn Gabelböcke sehen für unser Auge eigentlich alle gleich aus. Suchen die Weibchen also nach einem Samenspender, der ihnen kerngesunden Nachwuchs beschert? Eine Möglichkeit, die bisher noch niemand an Tieren in freier Wildbahn untersucht hatte.

Byers und seine Kollegin Lisette Waits legten sich deshalb vier Jahre lang in der National Bison Range in Montana auf die Lauer und überwachten das Paarungsverhalten der Gabelböcke. Zur Unterscheidung der dort lebenden Tiere kennzeichneten sie jedes einzelne am Ohr und sequenzierten zusätzlich jeweils zehn Stellen im Erbgut, die sich bei jedem Individuum charakteristisch zusammensetzen. Dann fingen sie jährlich so viele Neugeborene wie möglich ein und wiederholten diese Prozeduren. Nun konnten sie deren Erbgut mit dem der rund fünfzig potenziellen Väter vergleichen und so noch einmal auf genetischer Ebene bestätigen, was ihre Freilandbeobachtungen vermuten ließen: Tatsächlich hatten nur 14 der männlichen Gabelböcke fast sechzig Prozent der Nachkommen gezeugt. Und diese Jungtiere überlebten in der Tat öfter als jene der weniger bevorzugten Männchen.

Gabelbockpärchen in der Prärie
Gabelbockpärchen in der Prärie | Ein Gabelbockpärchen in trauter Zweisamkeit – rechts das Männchen, links das Weibchen. Unterscheiden kann man sie an den Hörnern: Die der Männchen sind meist doppelt so lang wie die Ohren. Weibchen haben entweder gar keine oder sehr kurze Hörner.
Welche Eigenschaft machte diesen Nachwuchs besonders lebenstauglich? Byers und Waits vermuteten: schnelles Wachstum. Denn je flotter die Tiere groß und kräftig genug sind, um ihren größten Feinden, den Kojoten, davonzusprinten, desto wahrscheinlicher überleben sie. Bestätigen konnten die Forscher das durch Vergleichsfotos von den Hinterfüßen der Jungtiere, die sie direkt nach der Geburt und dann noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt aufnahmen. Daraus errechneten sie, wie schnell der Hinterfuß gewachsen war. Bei den Nachkommen der attraktiven Männchen geschah dies deutlich schneller.

In einem erlebten die Forscher jedoch eine Überraschung: Nachkommen von Premiummännchen wurden weniger von ihren Müttern umsorgt und gesäugt als Zöglinge von zweitklassigen Partnern. Auf den zweiten Blick eigentlich gar nicht so verwunderlich: Die Weibchen, die sich nur einen weniger guten Samenspender angeln konnten, versuchen ihre genetisch benachteiligten Kleinen wohl auf diese Weise tauglicher für den Kampf ums Überleben zu machen.

Die Gabelbockweibchen haben also tatsächlich eine gute Methoden entwickelt, um ihren Traummann zu erkennen – den, der ihnen den gesündesten Nachwuchs schenkt. Und wenn die Strategie doch einmal nicht aufgeht, halten sie es wie viele Menschen: immer das Beste aus der Situation machen.
24.10.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.10.2006

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