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Klimageschichte

Europas vernichtende Jahrtausenddürre

Elf Monate ohne Regen, eine Million Tote - im Jahr 1540 verheerte eine vorher und nachher beispiellose Trockenphase ganz Europa. Kann sie sich wiederholen?
Abgestorbene Bäume in ausgetrockneter Landschaft

Im Frühjahr beschlich Christian Pfister erstmals eine Vorahnung. Gerade war jener April zu Ende gegangen, der sich wie ein Sommermonat anfühlte, einen neuen Temperaturrekord brachte, aber kaum Regen. Wenn er in seinem Haus in Bern aus dem Fenster sah, blickte er auf den durstigen Garten und die ausgetrocknete Krume im Beet. Und wenn er auf die Wetterkarte blickte, wusste er auch warum. Mitten über dem Kontinent hatte sich dieses gigantische Hochdruckgebiet breitgemacht, das einfach nicht weichen wollte. Seltsam, dachte sich Pfister. Ein solche Wetterlage hat er schon einmal gesehen. Es erinnerte ihn an etwas, von dem er hoffte, dass es nie wieder passierte.

Drei Monate sind seither vergangen. Wenn der pensionierte Klimaforscher vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung in Bern morgens die Wetterkarten am Computer studiert, ist dieses Hoch immer noch da. Es trägt zwar einen anderen Namen, hat sich leicht verschoben, aber eigentlich ist die Wetterlage immer noch dieselbe wie im Frühjahr. Blockadelage sagen Experten wie er dazu, weil der Einfluss des Atlantiks wegen des mächtigen Hochs blockiert ist. Regenträchtige Tiefdruckgebiete werden dadurch in einer großen Schleife um den Kontinent geleitet. Die Sonne glüht ungestört, Wasser verdunstet großflächig. Doch je trockener die Böden werden, desto heißer wird die Luft und desto stabiler die Wetterlage, die Dürre verstärkt sich selbst – eine positive Rückkopplung.

Eines allerdings ist anders als im Frühjahr: Mittlerweile leidet das ganze Land unter Dürre, eine durchgreifende Wetteränderung ist nicht in Sicht, auch wenn es ein paar Grad abgekühlt hat. Und eigentlich hat dieser Sommer, der keinen Regen bringen möchte, bereits im Frühjahr begonnen. Die Folge: Das Land, wie man es kannte, gibt es nicht mehr. Felder sind verdorrt, Flüsse ausgetrocknet, statt saftiger Wiesen begegnet man Landschaften, die nach Süditalien aussehen. Es scheint, als ob die Farbe Grün langsam verschwindet.

»Die Dürre von 1540 überragt alles Bekannte«

Pfisters Vorahnung hat sich jedenfalls bewahrheitet. Der Sommer 2018 entwickelt sich bedrohlich, die Dürre ist jetzt schon schlimmer als vor 15 Jahren, die ganze Natur lechzt nach Wasser. Abends wässert Pfister eine Stunde seinen Garten und dann noch den des Nachbarn. Zur Abkühlung geht der 73-Jährige in der Aare schwimmen. Er selbst hat eine solche Dürre noch nicht erlebt. Und wenn Christian Pfister über das Wetter spricht, dann will das was heißen. Der 73-Jährige hat mehr als 1000 Jahre Wettergeschichte erforscht, er hat schlimme Dürrejahre gesehen und solche, in denen der Sommer einfach ausfiel. Ein Jahr allerdings beschäftigt ihn bis heute: 1540. Jener Sommer war der extremste des vergangenen Jahrtausends, mit Hitzewellen, die länger und schwerer ausfielen als im Jahr 2003. »Die Dürre von 1540 überragt alles Bekannte«, sagt Pfister.

Genau an jene Megadürre von vor fast 500 Jahren fühlte sich Christian Pfister in diesem Frühjahr erinnert. »Ich bin über das bisherige Jahr sehr erschrocken«, sagt er. Es entwickle sich mehr und mehr zu einem Analogon zu 1540. Zusammen mit Kollegen hat er vor ein paar Jahren diesen legendären Sommer analysiert. Dazu konnte er nicht einfach standardisierte Temperatur- und Regenmessungen analysieren, die gab es damals noch nicht. Die Forscher mussten sich anders behelfen.

Und so werteten sie 312 schriftliche Quellen von Frankreich bis Polen sowie von der Toskana bis Norddeutschland aus; die meisten der Chronisten kamen aus der Nordschweiz, Ostfrankreich und Süddeutschland. Das Wissen stammt von Privatpersonen und Mönchen, die Buch führten über das Wettergeschehen. Sie notierten also Regentage, Extremereignisse und Tage mit Tau, Schnee und Frost. Zudem zeichneten sie die Entwicklung der Vegetation auf und die Ernten im Herbst.

Bäume und Bücher enthüllen die Katastrophe

Und die Autoren stießen auf einen besonderen Schatz an Daten: ein Wettertagebuch aus Krakau. Es stammt aus der Feder des Theologen und Universitätsrektors Marcin Biem und ist bis heute die einzige bekannte Datenreihe, die verlässliche Daten zu Regen- und Schneefällen bereithält.

Ein weiterer Proxy, wie Klimaforscher solche Archive über die meteorologische Vergangenheit nennen, stammt zudem von Baumringen. Gleich eine ganze Serie von 165 Ringen haben sich die Wissenschaftler für die vergangenen 500 Jahre angeschaut und ausgewertet. Ein halbes Jahrtausend Wettergeschichte konnte dadurch rekonstruiert werden, das Jahr 1540 sticht aus jener Zeitreihe besonders heraus. Schließlich haben die Forscher die gesammelten Daten bei Sonia Seneviratne an der ETH Zürich durchrechnen lassen, wo man sich auf derlei Rekonstruktionen spezialisiert hat. Und so hatten sie am Ende ein ziemlich exaktes Bild der Dürre.

Das Ergebnis: Elf Monate fiel damals so gut wie kein Regen, die Temperatur lag fünf bis sieben Grad über den Normalwerten des 20. Jahrhunderts, verbreitet muss die Temperatur im Hochsommer über 40 Grad geklettert sein. Unzählige Waldgebiete in Europa gingen in Flammen auf, beißender Rauch trübte das Sonnenlicht, im ganzen Sommer 1540 wurde kein einziges Gewitter registriert. Schon im Mai wurde das Wasser knapp, Brunnen und Quellen fielen trocken, die Mühlen standen still, die Leute hungerten, das Vieh wurde notgeschlachtet. In Europa starben in jenem Jahr schätzungsweise eine Million Menschen, die meisten an Ruhr.

Alles begann in Norditalien, mit einem Winter, der sich wie ein Juli anfühlte. Kein Tropfen fiel von Oktober 1539 bis Anfang April 1540. Dann griff die Dürre auf den Norden über. Ein Kältehoch brachte hier zu Lande – ähnlich wie in diesem Jahr – einen sonnigen, aber wohl unterkühlten Spätwinter. Eine Quelle berichtet von kalten Winden und Eis am Morgen. Am Tag muss es aber schon sehr warm gewesen sein. Das Frühjahr verlief dann sonnig und komplett trocken, zwischen Februar und dem 29. September habe es keinen Tag oder keine Nacht geregnet, hielt der Züricher Reformator Heinrich Bullinger fest.

Bittgebete gegen die Hitze

Anfang Juni wurde es dann so unerträglich heiß, dass sogar Steinhauer in Besancon frei bekamen. Aber das war erst der Anfang. Der Juli brachte eine solche fürchterliche Gluthitze, dass die Kirchen Bittgebete aussandten, während Rhein, Elbe und Seine trockenen Fußes durchwatet werden konnten. Dort, wo noch Wasser floss, färbte sich die warme Brühe grün, Fische trieben darin kieloben. Der Bodenseepegel sank auf Rekordniveau, Lindau war sogar mit dem Festland verbunden. Bald verdunstete das Oberflächenwasser vollständig, die Böden platzten auf, manche Trockenrisse waren so groß, dass ein Fuß darin Platz fand.

Und auch das Grundwasser sank ab: Im Schweizer Kanton Luzern versuchten verzweifelte Menschen in einem Flussbett nach Wasser zu graben, fanden aber selbst in anderthalb Meter Tiefe keinen einzigen Tropfen. Christian Pfister schätzt daher, dass in jenem Jahr nur ein Viertel bis maximal ein Drittel der üblichen Regenmenge vom Himmel kam. Dazu passt, dass Chronisten aus dem westlichen Russland in jenem Jahr von Sturzfluten, Hochwasser und Kälte berichten. Dort fiel der Sommer einfach aus.

Dafür begann die Weinlese ungewöhnlich früh. Die ersten Trauben waren schon am 12. August reif, im Elsass blühten bald die Obstbäume erneut, in Lindau reichte es sogar für eine zweite Kirschernte. Am Bodensee und in Bayreuth war Wein irgendwann billiger als Wasser, und in Limoges ernteten die Winzer geröstete Trauben, aus denen sie sherryähnlichen Wein gewannen, der sehr schnell betrunken machte. In Würzburg hatten die Winzer einen Einfall: Sie kelterten die halb vertrockneten Trauben und erfanden die Spätlese. Im dortigen Bürgerspital zum Heiligen Geist lagert dieser Jahrtausendwein von 1540 bis heute.

Die nächste Megadürre kommt bestimmt

Im Gegensatz zum Sommer 2003 endete die Dürre allerdings nicht im Herbst, sondern setzte sich bis Jahresende fort. Bis Januar blieb es sonnig und warm wie im April, fast schon legendär sind die Berichte aus Schaffhausen um den Jahreswechsel. Dort schwammen einige durch den Rhein. So etwas war möglich in einem Klima, das der Mensch noch nicht nennenswert beeinflusste.

Wird 2018 das neue 1540? Unwahrscheinlich ist das nicht mehr. Pfister ist sich sicher, dass sich eine solche Megadürre früher oder später wiederholen wird, vor allem in einer insgesamt zunehmend heißeren Welt. »Ich dachte, wir hätten noch Zeit«, sagt er. Seit Jahren versucht der Klimaforscher die Behörden auf die Möglichkeit eines solchen Schreckensszenarios hinzuweisen. Denn die Folgen wären wohl selbst in einem hoch technologisierten Land fatal: Erst würde das Wasser versiegen, dann der Strom ausfallen – allein Frankreich, der größte Stromexporteur Europas, musste im Hitzejahr 2003 seine Stromausfuhr um die Hälfte drosseln. Auf ein solches Szenario sei niemand vorbereitet, sagt Pfister. Doch die Behörden hätten über seine Warnung vor einem neuen 1540 nur milde gelächelt.

Alles hängt jetzt an August und September. Bleibt es trocken, wäre ein neuerlicher Jahrtausendsommer keine Übertreibung aufmerksamkeitsheischender Scharlatane mehr, sondern bittere Realität. Eine Umstellung der Wetterlage ist jedenfalls bis ins letzte Augustdrittel nicht in Sicht – auch wenn die Gluthitze zunächst eine Pause einlegt. Vorerst wird das Land weiterhin unter Dürre leiden, Landregen ist ohnehin nicht in Sicht. Ein neuartiges Modell des europäischen Wetterdiensts EZMWF lässt zudem wenig Grund, auf eine grundlegende Wetteränderung zu hoffen. Es sieht bis Mitte September kein Ende der Dürre. Eine solche Langfristprognose ist natürlich nur eine experimentelle Rechnerei, aber das Modell des EZMWF ist derzeit das beste Wettermodell der Welt. Außerdem würde das Ergebnis zu diesem Jahr passen. Oder mit anderen Worten: Langsam wird es ernst.

33/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 33/2018

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