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Waldbrände in Australien: »Für die Überlebenden bleibt es gefährlich«

Über eine Milliarde Tiere fiel dem Feuer zum Opfer. »Selbst wenn ein Tier es schafft, sich an einen intakten Ort zu retten, wird es schwierig«, erklärt Michael Clarke im Interview.
Wombat im abgebrannten WaldLaden...

Australien befindet sich in der schlimmsten Waldbrandsaison seiner Geschichte. Seit sich ein Feuer vor 15 Jahren durch sein Studienareal fraß, untersucht Michael Clarke, Ökologe an der La Trobe University in Bundoora, Melbourne, wie sich Brände auf einheimische Ökosysteme auswirken – und wie sie sich davon erholen. Im Interview spricht er darüber, wie es Tieren nach einem Flächenbrand ergeht und warum die Brände dieses Mal besonders verheerend sein könnten.

Was passiert nach einem Waldbrand?

Wenn man nach einem Feuer in den Wald geht, ist es dort totenstill. Abgesehen von »Bestattern« – Aasfressern wie Würgerkrähen, Raben und Würgerdrosseln, die die Kadaver abholen – ist im Wald nicht mehr viel los. Es ist eine gruselige Erfahrung.

Für die Überlebenden bleibt es auch in den nächsten Monaten gefährlich. Jedes Tier, das es unverletzt durch das Feuer schafft, steht vor drei großen Herausforderungen. Eine besteht darin, Schutz vor den extremen Bedingungen zu finden, einen Ort, an dem es sich vor schlechtem Wetter verstecken kann, wie etwa einen hohlen Baum oder ein Loch im Boden. Als Zweites muss es ausreichend zu fressen finden. Drittens muss es sich vor Raubtieren wie Wildkatzen und Füchsen verstecken, was in einer kargen Landschaft schwer ist.

Michael ClarkeLaden...
Michael Clarke | Der Ökologe untersucht, wie sich Waldbrände auf die Ökosysteme in Australien auswirken.

Selbst wenn es ein Tier schafft, sich an einen intakten Ort zu retten, wird es schwierig: Die Dichte der Lebewesen, die sich dort durchzuschlagen versuchen, geht weit über die Tragfähigkeit des Gebiets hinaus. 2007 habe ich ein vom Feuer verschontes Fleckchen in der Mallee, einer Region im Norden Victorias, besucht. Es wimmelte dort förmlich von Vögeln, die sich alle gegenseitig zu verjagen versuchten. Es war definitiv zu wenig Platz für alle.

Welche Tiere sind am stärksten betroffen?

Tiere, die wie Koalas oberirdisch in kleinen isolierten Gruppen leben und nur begrenzt fliehen oder auf unversehrte Waldflächen ausweichen können, stecken besonders tief in Schwierigkeiten. Bei früheren Bränden konnten wir zwar einige überraschend kreative Verhaltensweisen beobachten: So verschanzen sich Leierschwänze oder Wallabys mitunter in Wombatbauen, um dem Feuer zu entkommen. Aber die überwiegende Mehrheit der Tiere verbrennt. Sogar große Vögel, die schnell fliegen können wie Falken und Pennantsittiche, fallen den Flammen zum Opfer.

Am besten gegen das Feuer gewappnet sind Tiere, die unter der Erde leben. Termitenkolonien beispielsweise verkriechen sich einfach in ihre Gänge, während über ihnen das Feuer tobt. Bei Echsen, die in Höhlen leben, ist es ähnlich.

»Auf solche heftigen Brände, die sogar ihr eigenes Wetter erzeugen, können die Wildtiere nicht mehr angemessen reagieren«(Michael Clarke)

Wie unterscheiden sich die Brände dieser Saison von denen der vergangenen Jahre?

Neu ist das Ausmaß: Einen so großen und gleichzeitigen Verlust von Lebensraum kannten wir bisher nicht. Auf solche heftigen Brände, die sogar ihr eigenes Wetter erzeugen, können die Wildtiere nicht mehr angemessen reagieren.

Die Feuer brennen auch anders als in der Vergangenheit. Früher konnte man darauf verlassen, dass irgendwo ein feuchter Bachlauf als natürliche Barriere den Brand an der Ausbreitung hindert. Wegen der Trockenheit ziehen die Feuer in diesem Jahr aber einfach über die Bäche und Regenwaldgürtel hinweg, an denen die Tiere sonst Zuflucht fanden.

Es wird Monate dauern, bis wir das volle Ausmaß des Schadens kennen. Satellitenbilder verraten uns, wo die Zufluchtsorte sind, so dass wir nachschauen können, was dort überlebt hat. Ich plane, mir näher anzuschauen, was in den Küstenwäldern und Heidegebieten passiert ist. Aber dazu ist es zu früh; es gibt noch große aktive Brände.

Wie lange wird es dauern, bis sich die Ökosysteme erholen?

Es wird wahrscheinlich länger dauern als bei früheren Bränden. Wie schnell sich die Vegetation erholt, hängt von den Regenfällen ab, und die sind inzwischen schwer vorherzusagen. Hohle Bäume und solche, die Nektar produzieren, sind wichtige Ressourcen für die Tiere, brauchen aber Jahre oder Jahrzehnte, um sich zu erholen.

Sorgen bereiten uns auch verschiedene Zugvogelarten, die zwischen Tasmanien, Victoria und dem südlichen Teil des australischen Bundesstaats Queensland wandern. Sie machen Zwischenstopps in den Heidegebieten an der Ostküste, genau dort, wo viele der Brände gewütet haben. Es wird Jahre dauern, bis sich diese Gebiete erneut als Rastplatz für die Vögel eignen.

Andere Tiere sind dem Aussterben wieder ein Stück näher gerückt. Für das Bürstenschwanz-Felskänguru sieht es schlecht aus; ebenso für die Känguru-Insel-Schmalfußbeutelmaus. Das kleine Beuteltier hat fast seinen gesamten Lebensraum verloren. Auch das Habitat der Braunkopfkakadus auf der Känguru-Insel, die südwestlich von Adelaide im Bundesstaat South Australia liegt, ist stark betroffen. Außerdem machen wir uns große Sorgen um verschiedene Arten von Süßwasserfischen. Sie leiden besonders unter dem Schlamm und den Rußpartikeln, die nach einem Brand in den Fluss gespült werden.

Wie sieht die Zukunft für diese Ökosysteme aus?

Die Herausforderung wird sein, die verbleibenden Nischen vor künftigen Waldbränden zu bewahren. Vielleicht sogar, indem wir selbst das Heft in die Hand nehmen und mit kontrollierten Bränden Schneisen schlagen, um mögliche Zufluchtsstätten zu isolieren. Das gefällt mir nicht, aber es könnte Teil der neuen Normalität sein.

Diese Brände sind zwar beispiellos, aber nicht unerwartet. Bereits vor 30 Jahren haben Wissenschaftler vorausgesagt, dass die Feuer auf Grund des Klimawandels schlimmer werden würden. Heute sehen wir drei große Veränderungen: Waldbrände ereignen sich häufiger, sind schwerwiegender und erreichen größere Ausmaße. Dieser Dreifachschlag macht es der Fauna schwer, sich zu erholen.

03/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 03/2020

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