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Viren-Evolution: Gefährlichere HIV-Variante in den Niederlanden entdeckt

Eine neue HIV-Variante zeigt, dass die Entwicklung von Pandemieviren Überraschungen bereithält. Die Entdeckung erhellt auch die Mechanismen in der Evolution von Sars-CoV-2.
Aids-Schleife

Die Entdeckung einer gefährlicheren Variante des HI-Virus in den Niederlanden zeigt, dass Pandemieviren keineswegs automatisch mit der Zeit milder werden. Eine Arbeitsgruppe um Chris Wymant von der University of Oxford identifizierte eine Gruppe von 109 Personen, die mit einer ansteckenderen und doppelt so aggressiven Version von HIV, dem Erreger der Immunschwächekrankheit Aids, infiziert waren oder sind. Wie das Team in »Science« berichtet, vermehrt sich die vorläufig als VB (virulenter HIV-Subtyp B) bezeichnete Variante besser im Körper. Die Betroffenen hatten 3,5- bis 5,5-mal so viele Viren im Blut wie eine Vergleichsgruppe, die mit gewöhnlichen Versionen des Subtyps B infiziert war. Die höhere Viruslast erleichtert die Übertragung des Virus.

Gleichzeitig fiel bei den Patienten die Zahl der T-Zellen – ein Maß für die Krankheitsschwere – doppelt so schnell wie in der Vergleichsgruppe. Und das nicht nur, weil sich das Virus stärker in diesen Zellen vermehrt: VB ist intrinsisch tödlicher für T-Zellen und damit wohl auch für Menschen. Unbehandelt entwickelt sich Aids bei der neuen Variante schon in zwei bis drei Jahren, statt wie bisher in sechs bis sieben Jahren. Allerdings sei die neue Variante keine Krise für die öffentliche Gesundheit, schreibt der HIV-Forscher Joel O. Wertheim in einer Bewertung ebenfalls in »Science« – sie sei mit bewährten Maßnahmen gut zu kontrollieren. Jedoch seien die gewonnenen Erkenntnisse auch relevant für die zukünftige Entwicklung von Sars-CoV-2.

Die Varianten Alpha und Delta erwiesen sich ebenso wie VB einerseits als ansteckender als ihre Vorläufer und verursachen andererseits mehr schwere Erkrankungen. Hintergrund ist vermutlich auch hier die höhere Viruslast, die gleichzeitig ansteckender und kränker macht. Wie gefährlich Sars-CoV-2 langfristig ist, hängt davon ab, ob es eine Wechselbeziehung zwischen verbesserter Ansteckung und schwerer verlaufenden Erkrankungen gibt und wie sie unter verschiedenen Bedingungen aussieht.

Dabei bietet sich der Vergleich mit HIV an. Bei diesem Virus gibt es einen klaren Zusammenhang: Ist HIV aggressiv, vermehrt es sich besser im Körper und Infizierte sind ansteckender. Allerdings werden die Infizierten zu schnell zu schwer krank, um das Virus effektiv weiterzugeben. Ein weniger aggressives Virus lässt den Wirt viel länger leben – so dass es mehr Chancen zur Verbreitung hat. Deswegen begünstigt die Evolution bei HIV einen Mittelweg.

Bei Sars-CoV-2 könnte das anders aussehen. Dort nämlich geschehen die Ansteckungen weit überwiegend vor oder während des Auftretens erster Symptome. Ob das Opfer drei Wochen später noch lebt, hat auf die Verbreitung des Virus keinen Einfluss. Dadurch kann Sars-CoV-2 gefährlicher und auch ansteckender werden – was womöglich die unerwartet starke Zunahme sowohl der Ansteckungsrate als auch der schweren Erkrankungen besonders bis Mitte 2021 erklärt. Erst das Auftauchen der Omikron-Variante brach den Trend.

Sowohl die Erfahrungen mit HIV als auch mit Sars-CoV-2 widersprechen der bisher verbreiteten These, dass neu aufgetauchte Viren im Laufe der Zeit zwangsläufig harmloser werden. Tatsächlich zeigt HIV, wie komplex die Evolution eines Pandemievirus verlaufen kann. Wertheim verweist auf die gegensätzlichen Beispiele von HIV in Uganda und den USA: Im ersteren Land verdränge ein milderer Subtyp langsam den aggressiveren, in den USA dagegen werde HIV messbar gefährlicher. Die jeweiligen Gründe dafür seien unklar. Auch was die neu entdeckte und genetisch extrem stark veränderte VB-Variante aggressiver macht und welche Faktoren ihre Ausbreitung in den letzten 20 Jahren begünstigten, ist unbekannt. Allerdings ist ihr Auftauchen eine klare Warnung im Bezug auf Sars-CoV-2: Wenn die Bedingungen richtig sind, können Pandemieviren auch deutlich aggressivere Varianten evolvieren.

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