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Biogeografie: Großmaul am falschen Ort

Furcht einflößend und Kreidezeit klingt verdächtig nach Saurier. Doch gab es damals auch unter den Amphibien wahre Monster, die selbst den Goliathfrosch in den Schatten stellen. Ein solcher Riese kam nun in Madagaskar ans Licht - und irritiert die Forscherwelt. Denn seine nächste Verwandtschaft hat rein südamerikanische Wurzeln.
<i>Beelzebufo</i>Ein
Wie der Teufel persönlich muss so manchen possierlichen Wirbeltierchen vor siebzig Millionen Jahren ein plötzlich aus dem Hinterhalt auftauchendes Gegenüber erschienen sein. Und wahrscheinlich war es ihr letzter Gedanke, bevor dessen kräftige Kiefer ihr zartes Dasein zermalmten. Denn eine neu entdeckte fossile Froschart gigantischen Ausmaßes zeigt alle Anzeichen für einen raffinierten Räuber, der im damals warmen, saisonal trockenen, von temporären Tümpeln durchzogenen Mahajanga-Becken im Nordwesten Madagaskars seiner Beute im Grün versteckt auflauerte – und neben spitzen Zähnen großen Hunger hatte.

Beelzebufo | Beelzebufo ampigna wurde bis zu vierzig Zentimeter lang und vier Kilogramm schwer. Der heute noch lebende größte madagassische Frosch Mantydactylus ampigna wirkt daneben wie ein Zwerg.
Kein Wunder, dass Susan Evans vom University College London und ihre Kollegen dem Koloss den Gattungsnamen Beelzebufo verpassten – abgeleitet aus dem griechischen Begriff Beel'zebul für Teufel und bufo für das krötenartige Aussehen. Der Artname ampinga, ein madagassischer Begriff für "Schild", verdeutlicht den massiv verknöcherten Schädel der Tiere. Mehr als sechzig Knochenüberreste von 26 Fundstellen standen den Forschern zur Verfügung, um einen Eindruck des neuen Fossils zu bekommen. Auffallend neben dem Dickschädel ist vor allem die Körpergröße: Bis zu vierzig Zentimeter, so vermaßen die Wissenschaftler, konnten manche Exemplare werden – wahrscheinlich die Weibchen.

Ferne Verwandtschaft

Fundort | Am Fundort, dem Mahajanga-Becken im Nordwesten Madagaskars, dürften einst gemäßigt-warme Klimaverhältnisse mit saisonaler Trockenheit geherrscht haben.
Der Fund ist jedoch nicht nur beeindruckend, sondern auch verblüffend. Denn die Verwandtschaftsanalyse, die die Forscher dank der zahlreichen knöchernen Belege auf vergleichsweise sichere Füße stellen konnten, offenbart B. ampinga als rätselhaften Fremden inmitten der einheimischen Amphibienfauna, die mit zwei Ausnahmen nur auf der Insel vorkommt und keinerlei Beziehung zu dem Neufund zeigt.

Dafür postiert die Stammbaumbetrachtung den Riesen klar im Kreis der Hornfrösche oder Ceratophryinae. Diese aber gibt es auf Madagaskar heutzutage nicht mehr, und sie galten bislang eigentlich als reine Südamerikaner. "Ein Ceratophryne ist unerwartet", erklären denn auch die Autoren. Wie kommt ein Frosch mit neotropischer Verwandtschaft nach Madagaskar?

Fossiles Puzzle | David Krause von der Stony Brooks University beim Zusammenstellen der Funde von Beelzebufo ampigna auf einer lebensgroßen Vorlage des Skeletts.
In dieser Frage offenbart sich ein alter Streit unter Biogeografen. Vor 160 Millionen Jahren, so wird allgemein angenommen, trennten sich Afrika und das östliche Gondwana, das siebzig Millionen Jahre später weiter zersplitterte in den nach Nordosten strebenden indischen Subkontinent, Madagaskar und die Seychellen – mit dem Erfolg, dass bald ein kilometerbreiter, tiefer Meeresgraben zwischen afrikanischem Festland und Insel klaffte. Auch im Westen – am Übergang von Afrika zu Südamerika – hätten frühe Weltenbummler zu Zeiten von Beelzebufo inzwischen schwimmen oder zumindest erfolgreich auf Treibgut überleben müssen, um den Sprung in die Neue Welt zu schaffen. Kein Szenario, das eine Wanderung sehr wahrscheinlich macht.

Brücke zwischen getrennten Kontinenten

Wäre da nicht die Antarktis. Sehr wenig ist bekannt über die Besiedlungsgeschichte dieses südlichsten Kontinents, doch war es einst dort deutlich wärmer und lebensfreundlicher. In einigen Modellen bietet sie daher vergangenen Arten eine Landbrücke zwischen den nördlicheren Gondwanapartnern Südamerika und den indisch-madagassischen Gebieten, die den direkten Kontakt über Afrika bereits verloren hatten. Diese Vorstellung wird unterstützt durch verschiedene fossile Funde von Sauriern über Krokodile bis Säugetiere in Madagaskar, die wie Beelzebufo südamerikanische Verwandten haben.

Aber ist diese Fernreise überhaupt nötig? Könnte es nicht sein, dass die gemeinsamen Vorfahren von Beelzebufo und ihren heute noch lebenden südamerikanischen Verwandten von West bis Ost quer über ganz Gondwana verbreitet waren und man angesichts mangelhaften Fossiliennachweises nur hier und dort verteilte Überreste findet? Dem widerspricht die Stammbaumanalyse, derzufolge Beelzebufo zu den frühen Vertretern der Ceratophryinae zählt, die erst etwa zu dieser Zeit entstanden. Um ganz Gondwana erobert zu haben, müsste die Gruppe viel älter sein – doch wird selbst die gesamte übergeordnete Sippe von Laubfröschen, Echten Kröten und Verwandten (Hyloidea) auf ein Alter von gerade einmal 130 bis 150 Millionen Jahre geschätzt.

Warum Beelzebufo letztendlich auf Madagaskar ausstarb und die Insel von ganz anderen Gruppen erobert wurde, bleibt offen. Vielleicht war diese womöglich größte Froschart aller Zeiten ein doch zu schwerer Brocken für die Evolution. Schließlich lebt heute nur noch ein solcher Riese unter den modernen Amphibien: der afrikanische Goliathfrosch, mit gut dreißig Zentimetern immerhin knapp so groß und schwer wie sein fossiler ferner Verwandter. Wie lange es ihn noch gibt, ist ebenfalls fraglich – die IUCN stuft ihn als stark gefährdet ein.

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