Direkt zum Inhalt

Klimawandel: Das tödliche Meer

Eine marine Hitzewelle im nordöstlichen Pazifik lässt Grauwale und Seevögel verhungern und ähnelt dem verheerenden »Blob« aus dem Jahr 2014, der schwere Schäden verursachte und die Fischerei teils zum Erliegen brachte. In wenigen Jahrzehnten könnten diese Temperaturen der Normalzustand sein.
Algenblüte nach dem AusbruchLaden...

Der Blick auf die Temperaturkarten lässt kaum noch Zweifel zu: Die gefürchtete Hitzewelle im Pazifik, der Blob, ist wohl zurück. Eine breite rote Schattierung markiert ungewöhnlich warme Wassermengen entlang der nordamerikanischen Westküste von Alaska bis Kalifornien mit Ausläufern bis auf Höhe der Inselkette Hawaii. Das Muster ist bekannt, schon vor fünf Jahren sah es der Klimatologe Nicholas Bond von der Universität Washington. Meteorologen, Meeresbiologen und Fischereiverbände sind in Sorge. Wird der Blob auch dieses Mal verheerende Folgen haben?

Die marine Hitzewelle hat über die Jahre 2014 bis 2016 schwere Schäden im Nordostpazifik vor der Westküste Kanadas und der Vereinigten Staaten verursacht. Sie ließ die Populationen mariner Tierarten einbrechen und brachte die Fischerei vielerorts zum Erliegen. Den Namen hatte Forscher Bond dem Phänomen selbst gegeben, nach dem gleichnamigen Film aus den 1950er Jahren, in dem ein gallertartiger, alles fressender Alien wächst und wächst – so wie die Schicht warmen Wassers, die sich vom Golf von Alaska aus unaufhaltsam ausdehnte. »Beim ersten Blob dachten wir alle: So etwas werden wir so bald nicht wieder erleben«, konstatiert Bond: »Und nun könnte ein ähnliches Ereignis dem ersten auf den Fersen folgen. Nun, ich würde sagen, das ist alarmierend.«

Bislang zeigen die Messungen einen signifikanten Unterschied. Die aktuell erwärmten Flächen liegen im Schnitt etwas weiter vom Ufer entfernt. Zudem maß der erste Blob etwa 100 Meter in der Tiefe: »Heute sind es bislang nur 20 bis 30 Meter«, erklärt Bond. Doch er vermutet Wasserbereiche in den Tiefen der Beringsee, die noch nicht ihre ursprüngliche Temperatur erreicht haben und den aktuellen Blob befeuern könnten: »Das sind Bereiche, die üblicherweise nicht von Temperaturschwankungen betroffen sind. Es braucht lange, sie zu erwärmen – und ebenso schwer werden sie die Hitze wieder los.« Ein zweiter Blob hinge davon ab, ob das aktuelle Wettermuster bleibt oder wechselt: »Wir wissen es nicht.«

»Ein ähnliches Ereignis könnte jetzt dem ersten Blob auf den Fersen folgen. Das ist alarmierend«(Nicholas Bond)

Schon im Herbst 2013 bemerkten Meteorologen das extrem lang anhaltende Hochdruckgebiet vor Alaska. Es bremste die Stürme aus, die im Winter üblicherweise das Wasser des Pazifik kühlen und durchmischen, und sorgte für eine stabile Schicht erwärmten Wassers. Diese gewann stetig an Größe und Tiefe und wurde später durch einen El Niño, eine periodisch auftretende Erwärmung, weiter angefacht.

Zu seinem Höhepunkt im Jahr 2015 reichte der Blob von Alaska bis zur Küste Mexikos, streckte sich mit vier Millionen Quadratkilometern Fläche weit in den Pazifik hinein und heizte das Wasser vielerorts um 2,5 Grad Celsius über dem Normalzustand auf. Die warme Schicht bildete einen Deckel, durch den nährstoffreiches kaltes Tiefenwasser nicht mehr nach oben steigen konnte. »Das hatte einen dramatischen Effekt auf die Konzentration des Phytoplanktons«, erläutert Bond. Von den einzelligen Algen ernähren sich die millimetergroßen Ruderfußkrebse – und diese sind Nahrungsgrundlage für kleine Fische und den Krill.

»In den Jahren zuvor waren unsere Netze prall gefüllt gewesen, doch 2015 hätten sämtliche Fänge unserer Tour in eine kleine Plastiktüte gepasst«(Richard Brodeur)

Richard Brodeur, Fischereibiologe der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), erinnert sich noch deutlich an die Folgen. Als er im Sommer 2015 bei einer Fahrt mit einem Forschungsschiff vor den Küsten Oregons die Fangnetze einzog, hingen sie schlaff und leer nach unten. In den Jahren zuvor waren sie prall gefüllt gewesen mit Krill, der pink durch die Maschen glänzte: »Diesmal hätten sämtliche Fänge unserer Tour in eine kleine Plastiktüte gepasst«, berichtet der Wissenschaftler.

Die leeren Netze zeugten von einer Hungersnot unter dem Meeresspiegel. Denn die rund anderthalb Zentimeter messenden Garnelen sind die Lebensgrundlage für viele Wale, Krebstiere und Fischarten. Gleichzeitig kurbelten die höheren Wassertemperaturen den Stoffwechsel der Fische an und erhöhten ihren Nahrungsbedarf. Schätzungen zufolge waren die Populationen der meisten Beutefische im Jahr 2015 unter 50 Prozent gesunken, und die verbliebenen Tiere oft extrem klein.

Feuerwalzen bringen Fischerei zum Erliegen

So brach die Lachs- und Sardinenfischerei ein – ein zentraler Wirtschaftsfaktor der amerikanischen Westküste. Der zähe Pazifische Kabeljau kommt über Monate ohne Nahrung aus – und dennoch fingen Fischer immer schmalere und kleinere Exemplare. Im Jahr nach dem Blob war der Bestand um 70 Prozent eingebrochen. Im Gegenzug wanderten tropische Arten wie Bonitos, Drescherhaie, Segelquallen und Mondfische Richtung Norden: »Es wurden die verrücktesten Dinge angeschwemmt«, erinnert sich Nicholas Bond.

Zu den auffälligsten Neubürgern zählten die Feuerwalzen – bis zu mehrere Meter lange leuchtende Röhren, die in ihrer Konsistenz an Quallen erinnern. Es handelt sich um Kolonien Hunderter bis Tausender kleiner Manteltiere. »In Höchstzeiten kamen sie in Dichten von mehr als 200 Tonnen pro Quadratkilometer vor Vancouver Island vor«, schildert Brodeur: »Wir fingen so viele, dass die Netze zerrissen.« Bis ins Jahr 2018 bevölkerten sie die gesamte Westküste und verfingen sich in Angelhaken und Fischernetzen, so dass Sport- und kommerzielle Fischerei in einigen Regionen kaum noch möglich war. Durch ihren niedrigen Fettgehalt stellten sie in den Mägen von Lachs, Heilbutt oder Finnwal mehr Füllmaterial als Nährstoffe: »Und der Einfluss dieser hohen Menge an Biomasse, die auf dem Boden verrottet und Kohlendioxid freisetzt, ist noch unbekannt«, gibt der Wissenschaftler zu bedenken.

Auch der Fang des Kalifornischen Taschenkrebses wurde eingestellt: Die Delikatesse war hoch belastet mit Domoinsäure. Denn eine der größten je beobachteten toxischen Algenblüten zog sich von Alaska bis Kalifornien. Die Gifte trieben die Todesraten der hungernden Meerestiere weiter in die Höhe. Am Neujahrstag 2016 stieß ein pensionierter Ornithologe am Strand von Whittier in Alaska auf rund 8000 verendete Trottellummen. Zahllose weitere der Tiere flogen bis ins Landesinnere, wo sie sterbend und tot aufgefunden wurden. Schon zwei Jahre zuvor waren an den Küsten Washingtons und Oregons tausende Aleutenalke angetrieben worden. Um wie viel höher die Zahl der toten Tiere ist, die nie an den Strand geschwemmt wurden, ist unklar. Allein im Fall der Lummen gehen Forscher von einer halben Million aus.

Tausende junge Seelöwen verhungert

Hunderte Buckel- und Finnwale strandeten, viele stark abgemagert, andere wahrscheinlich durch Gifte zu Tode gekommen. Weitere Exemplare verwickelten sich in den Leinen der Krebsfallen und in Fischernetzen, da sie auf der Suche nach Futter bis in Küstennähe schwammen. Im Sommer 2015 kehrten nur 166 Buckelwale von ihren Winterquartieren vor Hawaii und Mexiko zurück, was einem Rückgang um 30 Prozent entspricht. Ihre Kälber waren später nicht mehr aufzufinden.

An den Stränden Kaliforniens verhungerten junge Seelöwen zu Tausenden: »Beutearten wie Sardinen und Tintenfische wanderten in kühlere Gewässer fern der Ufer ab«, sagt Kirsten Donald vom Pacific Marine Mammal Center. Auf der Suche nach Nahrung mussten die Muttertiere immer weitere Strecken zurücklegen und produzierten schließlich nicht mehr ausreichend Milch für die Jungtiere: »Die Weibchen haben die Jungtiere zu früh entwöhnt, um selbst zu überleben.« Die NOAA registrierte insgesamt etwa 4000 gestrandete Seelöwen. Rettungsstationen waren hoffnungslos überfüllt, so dass Mitarbeiter vor Ort selektieren mussten, welchen Tieren sie eine Chance zum Überleben geben konnten.

»Viele Spezies werden wahrscheinlich noch viele Jahre an den Folgen leiden«(Richard Brodeur)

Nachdem La Niña, das kalte Gegenstück zu El Niño, gegen Ende des Jahres 2016 mit starken Stürmen die Wasserschichten durchmischte und kühlte, schien der Bann gebrochen. Doch der Klimaschock hat das Ökosystem des Nordostpazifiks schwer erschüttert. Von den fünf Kolonien der Trottellummen im Golf von Alaska brüteten im Jahr 2018 nur zwei in normalem Umfang. Die Geburtenrate der Buckelwale ist zwischen den Jahren 2013 und 2018 um rund 75 Prozent gesunken. Auch die Zahlen diverser Fischarten sind rückläufig: »Viele Spezies werden wahrscheinlich noch viele Jahre an den Folgen leiden«, erläutert Brodeur.

Auch die Auswirkungen auf Meeresströmungen wie den Kuroshio-Strom vor Japan könne man noch nicht absehen, warnt Bond: »Es sind riesige Mengen an Wasser, die sich über Jahre bewegen. Mögliche Effekte werden wir erst verspätet erleben.« Und statt zu regenerieren, leidet das Ökosystem nun unter der nächsten Hitzewelle.

Neue Hitzewelle bringt massenhaft Tierleichen

Denn schon bevor der neue Blob offiziell als solcher anerkannt ist, säumen Tierleichen die Küsten wie Strandgut. Im Jahr 2019 strandeten von Alaska bis Mexiko über 200 Grauwale, von denen viele Zeichen von Abmagerung zeigten. Seit vergangenem Jahr wurden in Alaska Hunderte verendeter Seehunde und Seeotter aufgefunden, davon der größte Teil in diesem Jahr. Dazu kommen etwa 8000 tote Seevögel – größtenteils Kurzschwanz-Sturmtaucher, die üblicherweise im Herbst nach Australien migrieren. Tatsächlich wurden im November auch vor Sydney viele Tausend dieser Vögel angeschwemmt. Der Anteil der im Ozean versunkenen Tiere wird um ein Vielfaches höher angenommen.

Die Kabeljaubestände im Golf von Alaska sind auf einem historischen Tiefstand – und Laich ist quasi nicht vorhanden: Zum ersten Mal fällt für den Fischereizweig die komplette Saison aus. Wieder vergiftet eine Algenblüte weite Küstenbereiche: So warnen die Behörden Washingtons vor dem Verzehr von Muscheln, die mit dem potenziell tödlichen Nervengift Saxitoxin belastet sind.

Erstmals sind auch die hoch im Norden liegenden Meeresregionen Beringstraße und Tschuktschensee betroffen. Hawaii erlebte den heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen und leidet unter einer massiven Korallenbleiche. Die sensiblen Ökosysteme sind nicht nur ein Wirtschaftsfaktor für die Inselkette, sondern vor allem Brutstätte und Kinderstube zahlloser Meerestiere. Unter allen Hitzeereignissen, die das NOAA seit dem Jahr 1982 aufzeichnet, liegt der aktuelle Blob auf Platz zwei – nur geschlagen von dem prominenten Original.

»Die Veränderungen in den Ozeanen sind sehr ernst und werden direkte Konsequenzen für die Menschheit haben. Wir sollten aus diesem Fall lernen, solange wir es noch können«(Nicholas Bond)

»Marine Hitzewellen werden immer häufiger«, warnt Brodeur. Laut dem aktuellen Ozean- und Klimabericht der Vereinten Nationen hat sich die Zahl der Erwärmungsphasen seit den 1980er Jahren verdoppelt, sie werden zudem länger und intensiver. Und laut einer aktuellen Studie steigt die Wahrscheinlichkeit dieser Ereignisse bis zum Ende des Jahrhunderts um den Faktor 41 – dann nämlich, wenn sich die Erdtemperatur um 3,5 Grad Celsius erhöhen würde, was bei derzeitig praktizierter Klimapolitik prognostiziert wird. »Zudem haben sich 90 Prozent der bisherigen Erderwärmung in den Ozeanen manifestiert«, betont Bond: »Die Meere haben ein Plus von einem Grad Celsius erfahren. Das klingt nach kaum einem Unterschied, aber es hat einen signifikanten Effekt. Andernfalls wäre der Einfluss des Blob weniger hoch gewesen.«

Derzeitige Hitzewellen seien ein Vorgeschmack auf die Zukunft, erklärt der Klimatologe: »Der Blob war ein Ereignis – wenn auch ein großes. Aber in 30 Jahren können diese Temperaturen im Nordostpazifik der Durchschnitt sein.« Manche Arten könnten sich möglicherweise über eine längere Zeitspanne wärmeren Temperaturen anpassen: »Doch viele werden diesem Zustand nicht standhalten können. Und da ein künftiger Blob unvermeidlich ist, wird dieser die Temperaturen noch weiter nach oben schrauben. Es werden völlig andere Bedingungen sein als heute – weit entfernt von allem, was wir kennen.« Bond warnt: »Die Veränderungen in den Ozeanen sind sehr ernst und werden direkte Konsequenzen für die Menschheit haben. Wir sollten aus diesem Fall lernen, solange wir es noch können.«

02/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02/2020

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos