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Invasionsökologie: Ins richtige Gras beißen

Streifen europäische Botaniker durch Südkalifornien, Chile oder Neuseeland, dürften sie sich sehr heimisch fühlen: Allerorten wachsen altbekannte Einwanderer vom Alten Kontinent, denen die einheimische Tier- und Pflanzenwelt kaum etwas entgegenzusetzen hat. Oder etwa doch?
Bisons als natürliche Neophyten-Abwehr
Stammen sie nun aus unbeabsichtigten Saatgutbeimischungen für Äcker, absichtlichen Aussaaten zur vermeintlichen Verbesserung von Weideland oder gar unvorhergesehenen Ausbüchsungen aus Ziergarten: Exotische Neuankömmlinge in fremden Ökosystemen entpuppen sich nur zu oft als erfolgreiche Invasoren, die sehr zum Ärger von Naturschützern die einheimischen Flora und Fauna verdrängen. Und treiben sie mitunter an den Rande des Aussterbens. Etwa in den südkalifornischen Eichensavannen stellen die europäischen Vertreter schon fast hundert Prozent der gesamten Grasbiomasse – für die Ureinwohner bleibt hier so gut wie kein Platz mehr.

Häufig begnügen sich die invasiven Arten dann nicht nur mit der reinen Übernahme des Ökosystems, sondern verändern auch noch dessen Funktionen und Kreisläufe. Auf diese Weise können sie selbst die natürliche Entwicklung dieser Lebensräume zu ihren Gunsten beeinflussen und sich dauerhaft gegen Verdrängung etablieren. Ein klassisches Beispiel findet sich in Costa Rica, wo eingeschleppte Gräser die Regeneration tropischer Trockenwälder verhindern, weil sie die Brandgefahr erhöhen. Im Gegensatz zu den heimischen Bäumen sind sie aber feuerresistent, sodass sie nach der Zerstörung rasch neu austreiben. Die ursprünglichen Holzgewächse sterben ab, aus einem Waldökosystem wird eine Savanne, deren Artenkomposition in diesem Fall vornehmlich aus Afrika stammt.

Schmalblättriges Weidenröschen erobert die USA | Schmalblättriges Weidenröschen erobert die USA: Die Art Epilobium angustifolium zäjhlt zu den schlimmsten Neophyten in Nordamerika. Das Fehlen großer einheimischer Pflanzenfresser könnte zu ihrer Ausbreitung nachhaltig beigetragen haben.
Die so genannten Neophyten und Neozoen haben neben der naturschützerischen jedoch auch noch eine wirtschaftliche Komponente, denn sie verursachen alleine in USA jährlich wirtschaftliche Schäden von über 120 Milliarden Dollar. Viel Geld wird deshalb in die Bekämpfung wie Erforschung dieser unliebsamen Zeitgenossen investiert, und ein wenig davon fiel wohl auch für John Parker und seine Kollegen vom Georgia-Institut für Technologie in Atlanta ab.

Mit einer umfangreichen Literaturauswertung, die 63 Studien über 100 invasive sowie 400 einheimische Pflanzenarten umfasste, wollten sie den Einfluss von exotischen wie schon immer ortsansässigen Pflanzenfressern auf eben jene neu gemischten Lebensgemeinschaften ergründen. Gängiges Wissen war bislang, dass sich viele der grünen Neuankömmlinge deshalb so aggressiv ausbreiten konnten, weil sie unter anderem ihre Fressfeinde oder pathogenen Krankheiten hinter sich gelassen hatten – von dieser Seite würde ihnen also keine Gefahr ihres Expansionskurses drohen.

Doch gleich ob es sich nun um Wüsten oder Seeökosysteme handelt: In vielen Fällen brachte der Mensch neben den Kräutern, Gräsern oder Büschen gleich noch die entsprechenden General-Pflanzenfresser wie Kaninchen, Schweine, Ziegen, Rinder, Graskarpfen oder Rot- wie Rehwild mit. Sollten diese sich dann nicht auch vornehmlich an den ihnen bekannten Bundesgenossen aus Europa vergreifen und sie damit trotzdem in Schach halten? Parkers Team liefert andere Antworten.

Demnach delektieren sich die exotischen Herbivoren vorzugsweise an den zarten Sprösslingen und köstlichen ausgewachsenen Exemplaren der ihnen eigentlich fremden ursprünglichen Arten. Dagegen verschmähen sie die altbackene Hausmannskost, die ihnen schon aus der Heimat zur Genüge bekannt war – und die von ihnen womöglich schon wegen bestimmter Inhaltsstoffe als schwer verdaulich oder sogar giftig eingestuft wurden. Folglich befördern sie die Ausbreitung der Neophyten noch zusätzlich, denn durch das selektive Grasen oder Entblättern verdrängen sie die heimische Konkurrenz und schaffen damit Platz für die Invasoren.

Ganz anders dagegen die Altsiedler wie nordamerikanische Bisons und Gabelböcke, australische Kängurus oder bestimmte Landkrabben: Sie wiederum bevorzugen bei einer möglichen Wahl jene neu eingeschleppten Gewächse gegenüber ihren langzeitigen pflanzlichen Wegbegleitern – wohl aus den genau gleichen Gründen wie im umgekehrten Fall. Und wegen dieser Vorlieben dezimieren die einheimischen Pflanzenfresser die Häufigkeit invasiver Arten immerhin um ein knappes Drittel. Dagegen wurden Sie durch gleichfalls exotische Weidetiere um satte 65 Prozent gesteigert.

Ziegen auf Galapagos | Exotische Pflanzenfresser bevorzugen nicht die Pflanzen der alten, sondern die der neuen Heimat – und fördern damit indirekt die Ausbreitung ebenfalls fremder Pflanzenspezies.
Zudem bereiten die Neuankömmlinge zusätzlich durch diese Futterselektion entsprechenden Bundesgenossen den Weg, sodass sich deren – unerwünschte – Artenvielfalt weiter erhöht. Damit setzen sie einen Trend in Gang oder verstärken ihn zumindest, an dessen Ende eine vollständige Umkrempelung des Ökosystems steht, in dem fremde Spezies dominieren und die ursprünglich heimischen an den Rand gedrängt werden.

Warum aber haben gerade Großtiere einen derartigen Einfluss auf das Werden oder Vergehen von Neophyten, was früher nicht für möglich gehalten wurde? Nach Parker und seinen Kollegen bestechen die großen Pflanzen fressenden Wirbeltiere durch ihre Mobilität, das breite Nahrungsspektrum und vor allem auch durch ihre Fähigkeit, Gräser, Kräuter oder Holzgewächse nicht nur klein zu halten, sondern komplett zu vernichten – Insekten oder Schnecken können dies alles dagegen nur in Ausnahmefällen leisten.

Unbeabsichtigt erwiesen also die europäischen Kolonialherren der Natur der von ihnen eroberten Länder einen doppelten Bärendienst: Ihre groß angelegten Jagdpartien rotteten dort nicht nur viele Pflanzenfresser aus oder dezimierten sie empfindlich, sie erleichterten damit und durch den Ersatz von Bison, Moa, Känguru und Konsorten durch Rind, Schaf und Schwein fremden Pflanzen die Eroberung neuer Territorien – viele davon gelten heute als üble Schädlinge.

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