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Iran: Was hinter den Vergiftungen von Schülerinnen stecken könnte

Seit Monaten berichten Mädchen und junge Frauen in Iran, dass sie an ihren Schulen vergiftet wurden. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Land selbst gibt es kaum. Wie Experten die Lage von außen einschätzen.
Eine Frau mit Gasmaske bei einer Demonstration gegen das Regime im Iran.
Eine Frau mit Gasmaske im März 2023: Sie nimmt an einer Demonstration in Washington, D. C., gegen das iranische Regime teil. Die Menschen forderten ein Ende der mutmaßlichen Vergiftungen von Schülerinnen in Iran.

Die iranische Regierung hat mehr als 100 Menschen verhaftet – weil diese für eine bislang nicht identifizierte Erkrankung verantwortlich seien, von der offenbar tausende Schülerinnen im Land betroffen sind. Viele führen die Krankheit auf eine Vergiftung zurück. Im Internet sind zahlreiche Videos aufgetaucht – von Jugendlichen, die mit Atemnot in Kliniken eingeliefert wurden. »Nature« sprach deshalb mit Toxikologen, Experten für Chemiewaffen, Epidemiologen, Politikwissenschaftlern und anderen Fachleuten, um mögliche Erklärungen in Erfahrung zu bringen.

Laut Menschenrechtsaktivisten wurde einer der ersten Fälle, über den Medien berichteten, im November 2022 in einer Schule in Ghom gemeldet. Die Stadt liegt zirka 150 Kilometer südlich von Teheran. Seitdem fluteten hunderte Videos die sozialen Medien: Mädchen und junge Frauen sind zu sehen, wie sie über Symptome wie Müdigkeit, Brennen im Hals, Übelkeit, Kopfschmerzen und Taubheitsgefühle klagen. Manchmal seien die Beschwerden aufgetreten, nachdem die Mädchen verschiedene Gerüche wahrgenommen hatten.

Der iranische Innenminister Ahmad Vahidi soll am 5. März gegenüber staatlichen Medien erklärt haben, dass »verdächtige Proben« in Labors analysiert würden. Irans oberster Führer Ali Chamenei hat eine »ernsthafte Untersuchung« gefordert.

Mahmoud Azimaee, ein in Toronto ansässiger Datenwissenschaftler, hat die Vorfälle seit Ende November 2022 mit Hilfe von Medienberichten und Nachrichtenagenturen verfolgt. Die allermeisten Fälle ereigneten sich demnach in Mädchenschulen, die Schülerinnen im Alter von 12 bis 18 Jahren besuchen. Es gibt nur sehr wenige Meldungen aus Jungenschulen oder gemischten Einrichtungen. Die Berichte kommen aus dem ganzen Land, vor allem aber aus der Hauptstadt Teheran und aus Ghom, wo sich das akademische Zentrum für islamische Theologie und Philosophie befindet.

Nach Angaben eines Toxikologen, der mit den Begebenheiten in Iran vertraut ist, würden die Regierung sowie Forschende zwar Daten sammeln, aber ihre bisherigen Analysen seien nicht aussagekräftig genug, um sichere Erkenntnisse vorlegen zu können. Weitere Ergebnisse wären erst »in den nächsten Wochen« zu erwarten.

Um welche toxischen Substanzen könnte es sich handeln?

Iran hat bisher keine offiziellen Daten veröffentlicht, ausgenommen der Zahl der erkrankten Personen. Ebenso geben die behandelnden Ärzte keine öffentlichen Erklärungen ab. Folglich ist jegliche Einschätzung der Lage von außerhalb des Landes vor allem auf Quellen aus zweiter Hand angewiesen.

Der Toxikologe und Chemiewaffenforscher Alastair Hay von der University of Leeds berichtet, er habe die Bluttests von Jugendlichen gesehen, die in Krankenhäuser eingeliefert wurden. Allerdings sei es nicht immer möglich, per Blutbild eine Vergiftung nachzuweisen, weil sich diverse Arten von Giften normalerweise nicht so ermitteln lassen. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, wäre laut Hay ein umfassender toxikologischer Test nötig, der an einer repräsentativen Zahl von betroffenen Personen durchgeführt wurde.

Sollte die Ursache eine Chemikalie sein, dann käme ein Chloramin in Frage, sagt der Chemiker Keith Ward von der George Mason University in Fairfax. Ward berät Menschenrechtsorganisationen, wenn bei Kriegen und Konflikten chemische und biologische Waffen zum Einsatz kamen. Chloramine lassen sich herstellen, indem man ein Reinigungsmittel, das Bleiche enthält, mit einer anderen ammoniakhaltigen Substanz verbindet. Der Stoff würde einige, aber nicht alle der beschriebenen Gerüche und Symptome auslösen, erklärt Ward.

Andere Substanzen wie Nerven- und Senfgas seien hingegen weniger wahrscheinlich. Eine Vergiftung mit Nervengasen würde etwa zu einer Verengung der Pupille führen. Derartige Symptome kommen in den Berichten aus Iran aber nicht vor. Und Senfgas wirke zeitlich verzögert; Menschen, die dem Stoff ausgesetzt waren, würden also keine sofortigen Reaktionen zeigen, anders als es aus den iranischen Berichten zu folgern sei.

Gibt es noch weitere Erklärungen?

Sowohl Alastair Hay als auch der Toxikologe Dan Kaszeta vom Thinktank Royal United Services Institute in London schließen jedoch eine andere Ursache nicht aus: eine psychogene Massenerkrankung. Diese würde aus der Angst vor einer Bedrohung entstehen oder durch das Wissen, dass eine Bedrohung unmittelbar bevorstehen könnte. In Iran sei dies ein reales Szenario. Die Regierung hat bei den landesweiten Protesten, die der Tod der Studentin Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 auslöste, zahlreiche junge Menschen verhaftet und eingesperrt. Nach Angaben von Human Rights Watch und Amnesty International starben dabei Mädchen und Frauen.

Es habe zudem schon früher Fälle gegeben, bei denen die Angst vor Vergiftungen »zu Stressreaktionen wie Ohnmacht, Übelkeit und Hyperventilation führte«, sagt der Psychologe John Drury von der University of Sussex in Brighton, der das Verhalten von Kollektiven untersucht. Angeblich betrifft dieses Phänomen Schulkinder und häufig Mädchen in Kriegs- und Konfliktländern. Die Weltgesundheitsorganisation dokumentiert seit 2009 Vorfälle von psychogenen Massenerkrankungen in Afghanistan.

Laut Drury sei es jedoch schwierig, zwischen psychogenen Effekten und einer Reaktion auf tatsächliche Gefahren zu unterscheiden. Daher sollten die Ursachen für die körperlichen Symptome mit Hilfe von Tests untersucht werden.

Doch viele Forschende halten diese These für unangebracht. Es sei noch viel zu früh, um nach psychogenen Ursachen zu suchen. Der Statistiker und Epidemiologe Ali Arab von der Georgetown University in Washington D. C., sagt, ein psychologisches Phänomen sei »in diesem speziellen Fall eine absurde Behauptung« angesichts der zahlreichen Videos und Fotos, die die körperlichen Symptome belegen würden. Orkideh Behrouzan, Ärztin und medizinische Anthropologin an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London, stimmt dem zu: »Die These von einer psychogenen Massenerkrankung aufzustellen, bevor man alle physischen Ursachen ausgeschlossen hat, ist gefährlich und irreführend.«

Wie sollten die Geschehnisse untersucht werden?

Forschende, Menschenrechtsgruppen und einige Regierungen sind der Meinung, dass eine unabhängige Untersuchung erforderlich ist. Das würde jedoch voraussetzen, dass die iranische Regierung »Zugang zu Gesundheitsdaten gewährt, die im Iran oft extrem abgesichert sind«, weiß Behrouzan.

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) könnte eine derartige Untersuchung durchführen. Die OPCW ist Teil der Chemiewaffenkonvention der Vereinten Nationen und hat ihren Sitz in Den Haag; Iran ist aktives Mitglied. Um eine Untersuchung anzugehen, müsste einer der Mitgliedsstaaten einen formellen Antrag stellen, was bisher aber nicht geschehen ist, so ein OPCW-Vertreter gegenüber »Nature«. Allerdings würde die Organisation die Entwicklungen im Iran genau verfolgen. Eine gründliche Untersuchung würde dabei mehrere Teile umfassen: Interviews mit den Opfern, toxikologische Tests, Analysen von Krankengeschichten, eine epidemiologische Studie und das Beproben der mutmaßlichen Tatorte, erklären Forschende gegenüber »Nature«.

»Ich würde mir eine offene Diskussion wünschen, bei der die Ärzte, die die Mädchen gesehen haben, frei sprechen könnten«, sagt Ward. »Man muss die Gemeinschaft einbeziehen. Die Einbindung der Gemeinschaft bei einem sensiblen Thema ist entscheidend, damit die Menschen den Ergebnissen Glauben schenken«, fügt Hay hinzu, der eine solche Untersuchung im Fall zahlreicher erkrankter Menschen im Kosovo durchgeführt hat, als Jugoslawien 1991 in mehrere Länder zerfallen war.

Der Iran verfügt über genügend Experten und Equipment, um toxikologische Untersuchungen durchzuführen, erklärt Hay. Der Grund: In dem Krieg, den Iran und Irak von 1980 bis 1988 gegeneinander führten, setzte der Irak chemische Waffen ein.

Falls die Schülerinnen vergiftet wurden: Wer sind die Täter?

Am 11. November gab das iranische Innenministerium bekannt, dass mehr als 100 Personen »verhaftet und untersucht« worden seien, weil sie laut den iranischen Staatsmedien mit »stinkenden und unbedenklichen« Substanzen für die Sperrung von Unterrichtsräumen gesorgt hätten. Als Motiv nannte das Ministerium »Unfug oder Abenteuertum« sowie eine feindliche Gesinnung gegenüber der Regierung.

Es lässt sich aber nicht ausschließen, dass die Regierung an diesen Ereignissen beteiligt war – um Kinder und Jugendliche vom Demonstrieren abzuhalten, sagen drei Forscher gegenüber »Nature«. Nachdem die Menschen nun monatelang auf die Straße gegangen sind, könnten das Militär und der Sicherheitsapparat der Islamischen Republik entschieden haben, die Protestierenden zu bestrafen – indem man sie vergiftet, sagt Saeid Golkar, Politikwissenschaftler und Iranexperte an der University of Tennessee in Chattanooga.

Wenn die Schülerinnen tatsächlich vergiftet worden waren, dann »kann dies nicht ohne die Zustimmung der Regierung geschehen sein«, erklärt die Physikerin Encieh Erfani, die am Institute for Advanced Studies in Basic Science im iranischen Zanjan tätig war. Sie kündigte ihre Universitätsanstellung aus Protest gegen die gewaltsame Unterdrückung von Mädchen und Frauen durch den Staat Iran. In diesem Zusammenhang erklärt der Historiker Ali Ansari von der britischen University of St Andrews, warum die iranische Regierung der eigenen Bevölkerung Schaden zufügt: »Es gibt im Regime Leute, die der Meinung sind, dass Mädchen keine Bildung erhalten sollten, und [diese Leute] nehmen die Sache womöglich selbst in die Hand.«

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