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News: Kobra gegen Scrapie

Prionen gelten als die Auslöser von Rinderwahnsinn, Creutzfeldt-Jakob-Krankheit oder Scrapie. Doch die gefährlichen Erreger gelangen nicht direkt ins Nervensystem, sondern legen zunächst einen Zwischenstopp in lymphatischen Organen wie der Milz ein. Und hier könnte eine Chance liegen, sie zu bekämpfen. Jetzt gelang es zwei Arbeitsgruppen unabhängig voneinander, den Ausbruch von Scrapie bei Mäusen zu verzögern, indem sie die Immunantwort der Milz blockierten - unter anderem mit dem Schlangengift der Kobra.
Transmissible spongiforme Enzephalopathien (TSE) heißen die Krankheiten, bei denen sich das Gehirn in eine löchrige, schwammartige Substanz verwandelt. Bekannteste Vertreter sind neben dem Rinderwahnsinn BSE die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit des Menschen und die Schafskrankheit Scrapie. Als Erreger hat die Wissenschaft krankhaft veränderte Proteine – die Prionen – ausgemacht, die über die Nahrung aufgenommen werden können. Doch die Prionen erreichen nicht unmittelbar ihr Ziel – das Zentralnervensystem –, sondern halten sich zunächst im lymphatischen System verborgen, ohne dass es zu den typischen Symptomen kommt. Bei Scrapie, der am besten bekannten TSE-Erkrankung, vermehren sich die Prionen in den follikulär-dendritischen Zellen der Milz. Diese Zellen haben eine wichtige Aufgabe bei der Immunantwort des Körpers: Sie markieren eingedrunge Krankheitserreger mit spezifischen Proteinen – den Komplementproteinen –, die wiederum deren Zellmembran zerstören. Wahrscheinlich benötigen die Prionen für ihre Vermehrung das Komplementsystem der follikulär-dendritischen Zellen in der Milz.

Wissenschaftler verfolgen daher schon seit längerem die Idee, das Komplementsystem zu blockieren, um so eine Vermehrung der Prionen zu unterbinden. Jetzt sind zwei Arbeitsgruppen unabhängig voneinander der Realisierung dieser Idee einen Schritt näher gekommen. Sowohl die Forscher um Neil Mabbott vom Institute for Animal Health in Edinburgh als auch das Team von Adriano Aguzzi von der Universität Zürich arbeiteten mit Mäusen, die sie mit Scrapie-Prionen infizierten.

Bei genetisch veränderten Mäusen, die bestimmte Komponenten des Komplementsystems – wie beispielsweise das Protein C1q – nicht mehr produzieren konnten, verzögerte sich der Ausbruch der Krankheit. Die Wissenschaftler aus Edinburgh blockierten zusätzlich das Protein C3 des Komplementsystems mit dem Schlangengift der Kobra. Auch hier hatten die Wissenschaftler Erfolg: Die Scrapie-Symptome traten daraufhin erst einen Monat später auf.

Zwei Wermutstropfen mussten beide Forschergruppen jedoch schlucken: Ersten konnte der Krankheitsausbruch meist nur verzögert, aber nicht verhindert werden. Zweitens blieb bei erhöhten Prionen-Dosen die Blockade des Komplementsystems wirkungslos – die Prionen vermehrten sich und fanden ihren Weg ins Zentralnervensystem, um dort ihr zerstörerisches Werk zu vollbringen.

Die Wissenschaftler schließen hieraus, dass die Prionen über mehrere Wege das Nervensystem erreichen können. Dennoch hoffen die Forscher, über die Kontrolle des Komplementsystems auch die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit des Menschen eines Tages therapieren zu können. Franco Cardone und Maurizio Pocciari vom Istituto Superiore di Sanità in Rom warnen allerdings vor zu großem Optimismus: Abgesehen von den unterschiedlichen möglichen Infektionswegen hätte eine Therapie nur dann eine Chance, wenn sie rechtzeitig – noch bevor irgendwelche Symptome auftreten – angewendet wird.

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  • Quellen
New Scientist
Nature Medicine 7(4): 410–411 (2001)
Nature Medicine 7(4): 485–487 (2001)
Nature Medicine 7(4): 488–492 (2001)

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