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Demenz-Erkrankungen: Krankhafte Zusammenhänge

Der Name Alzheimer steht für die bekannteste und häufigste Demenz-Erkrankung, deren Ursache trotz intensiver Forschung immer noch im Unklaren liegt. Neueste Ergebnisse zeigen eine Verbindung zu Depression und Krebs. Und auch die Gene spielen wohl eine größere Rolle als bisher vermutet.
Es ist eine Binsenweisheit: Unsere Gesellschaft wird immer älter. Während unsere Urgroßeltern im 19. Jahrhundert mit einer Lebenserwartung von lediglich 35 bis 40 Jahren rechnen mussten, dürfen sich heute Geborene auf ein durchschnittlich 75- bis 80-jähriges Dasein freuen. Die durch die medizinischen Fortschritte erfreulich angestiegene Lebenserwartung – die nur Rentenversicherer nervös machen sollte – zeigt jedoch auch seine Schattenseiten: Die Zunahme von altersbedingten Demenz.

Etwa fünf Prozent der über 65-Jährigen leiden an Morbus Alzheimer, der häufigsten Demenz-Erkrankung, die mit einem schleichenden und unaufhaltsamen Gedächtnisverlust einher geht. Bei den über 80-Jährigen sind es schon zwanzig Prozent. Heute leben in Deutschland etwa 800 000 Alzheimer-Patienten; mit zunehmendem Durchschnittsalter wird die Zahl weiter ansteigen.

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Morbus Alzheimer | Morbus Alzheimer führt zu typischen Veränderungen im Gehirn, die nach dem Tod der Patienten nachgewiesen werden können: Außerhalb der Nervenzellen tauchen beta-Amyloid-Plaques auf (grauer Pfeil) auf, während innerhalb der Neuronen Tau-Proteine sich zu faserartigen Strukturen verfilzen (schwarzer Pfeil).
Seitdem Alois Alzheimer vor 99 Jahren die nach ihm benannte Krankheit zum ersten Mal beschrieb, hat sich der Schleier über der Krankheit des Vergessens schon deutlich gelüftet. Bereits Alzheimer waren zwei ungewöhnliche Veränderungen im Gehirn der Betroffenen aufgefallen: Außerhalb der Nervenzellen erkannte er Eiweißklumpen, heute als beta-Amyloid-Plaques bekannt, während innerhalb der Neuronen faserartige Strukturen auftauchten, die inzwischen unter den Namen Tau-Fibrillen firmieren.

Doch was löst diese fatalen Hirnveränderungen aus? Genetiker haben bereits drei verdächtige Mutationen auf den Chromosomen 1, 14 und 21 entdeckt. Doch nach ihren Schätzungen sind diese Erbveränderungen nur für etwa ein Zehntel aller Alzheimer-Fälle verantwortlich. Der große Rest gilt als "sporadisch" – wie Mediziner ihre Unkenntnis über die Ursachen verklausulieren.

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Swedish Twin Registry | In der vom Karolinska-Institut in Stockholm betreuten Datenbank "Swedish Twin Registry" sind alle schwedischen Zwillingsgeburten seit 1886 registriert.
Margaret Gatz wollte jedoch an den geringen genetischen Einfluss nicht ganz glauben. Zusammen mit Kollegen aus den USA und aus Schweden begab sich die Psychologin der Universität von Südkalifornien in Los Angeles ins Archiv des Karolinska-Instituts in Stockholm. Hier werden seit den 1960er Jahren die Daten schwedischer Zwillinge gesammelt, die bis zum Geburtsjahrgang 1886 zurückreichen. Die Wissenschaftler durchforsteten die Informationen von 11 884 Zwillingspaaren, die 1998 mindestens 65 Jahre alt waren und fanden 392 Paare mit wenigsten einem Alzheimer-Fall.

Wenn ein genetischer Einfluss vernachlässigbar ist, dann sollte die Krankheit bei eineiigen Zwillingen – die ja genetisch identisch sind – nicht häufiger auftreten als bei zweieiigen, die nur wie normale Geschwister verwandt sind. Doch dem war nicht so. Bei eineiigen Zwillingen litten öfter beide Geschwister an der Demenz als bei zweieiigen. Die Forscher schließen aus ihren Daten, dass bis zu achtzig Prozent des Alzheimer-Risikos genetisch bedingt ist [1].

"Das bedeutet jedoch nicht, dass die Umwelt unwichtig wäre", mahnt Gatz. "Die Umwelt kann nicht nur beeinflussen ob, sondern auch wann jemand erkrankt. Außerdem kann man von den Ergebnissen nicht auf ein einzelnes Individuum schließen."

"Die Umwelt kann nicht nur beeinflussen ob, sondern auch wann jemand an Alzheimer erkrankt"
(Margaret Gatz)
Dass hier auch noch andere Krankheiten ein Wörtchen mitreden, konnten Forscher von der Mount Sinai School of Medicine in New York belegen: Michael Rapp und seine Kollegen interessierten sich für den Zusammenhang zwischen Alzheimer-Demenz und Depression. Dazu untersuchten sie die Gehirne von 50 verstorbenen Alzheimer-Patienten, die auch unter Depression gelitten hatten. Als Vergleich standen den Forschern 52 Gehirne von Patienten ohne depressiver Vorgeschichte zur Verfügung.

Das Ergebnis war eindeutig: Patienten, die neben der Demenz auch eine Depression durchlitten hatten, zeigten deutlich mehr verklumptes Tau-Protein im Hippocampus als die Kontrollgruppe. Und nicht nur das: Auch die Demenz-Erscheinungen waren bei ihnen früher aufgetreten [2].

Löst nun das eine Leiden das andere aus? Oder verstärken sie sich gegenseitig? Wie dem auch sei, offensichtlich hängen die beiden Krankheiten miteinander zusammen. Einen Zusammenhang mit einer ganz anderen Krankheit entdeckten dafür die Wissenschaftler um Vikram Khurana vom Brigham and Women's Hospital in Boston: Krebs.

Die Forscher wussten bereits, dass bei Krankheiten, bei denen das Tau-Protein auftaucht, weitere Eiweiße aktiviert werden, die bei der Zellteilung – und damit auch bei Krebserkrankungen – mitmischen. Dies ist besonders rätselhaft, da Nervenzellen sich normalerweise nicht mehr teilen.

Um der Sache näher auf den Grund zu gehen, untersuchten die Forscher die Krankheit bei der Taufliege Drosophila. Denn hier gibt es einen Stamm, bei denen ebenfalls Tau-Fibrillen im Fliegenhirn ihr Unwesen treiben und Nervenzellen in den Tod schicken.

Wie die Wissenschaftler entdeckten, löst in den Fliegenhirnen ein Molekül namens TOR (target of rapamycin kinase) eine vermehrte Zellteilung aus. TOR zeigt sich wiederum auch bei Alzheimer-Patienten als äußerst rege. Als die Forscher bei ihren Fliegen TOR mit Krebsmedikamenten lahm legten, war der Abbau der Nervenzellen gestoppt [3].

Die Wissenschaftler vermuten daher, dass die durch TOR aktivierte Zellteilung die Neuronen-Degeneration verursacht. Könnten damit Krebsmedikamente auch Alzheimer-Patienten helfen? Die Frage bleibt offen. Doch es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen den wichtigsten Krankheiten, mit denen eine immer älter werdende Gesellschaft fertig werden muss: Alzheimer-Demenz und Krebs.
08.02.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.02.2006

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