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Homo floresiensis: Leben heute noch Nachkommen der Flores-Hobbits?

Auf der Flores-Insel haben es große Menschen offenbar schwer: Das galt früher, zu Zeiten des Homo foresiensis, es gilt aber offenbar bis heute.
Nachbildung des Schädels eines Flores-Menschen

Den mysteriösen Homo floresiensis kennen Forscher nur, seit sie 2003 Skelettteile in einer Höhle auf der indonesischen Insel Flores fanden. Von dem Augenblick an streiten sie, wie die Art in den Stammbaum der Menschheit einzusortieren ist. Handelt es sich um isolierte Nachkommen einer weit älteren Spezies als Homo sapiens? Wie viele dieser Menschen gab es, und warum waren die gefunden Exemplare so kleinwüchsig? Eine mögliche Antwort liefert die so genannte Inselhypothese, nach der ein räumlich eng begrenztes und isoliertes Ökosystem wie eine Insel die in ihr lebenden Arten im Lauf der Evolution drastisch verändern kann: So verzwergten etwa die lange ausgestorbenen Flusspferde auf Zypern. Geschah dies auch mit einem Homo sapiens auf Flores? Gut denkbar, meint nun ein Team von Genetikern. Denn offenbar geschah eine solche Verzwergung vor Ort auf Flores nicht nur einmal oder nur vor sehr langer Zeit.

Das Forscherteam um Serena Tucci von der Princeton University hatte genetische Analysen mit einer Gruppe heute noch auf Flores lebenden Menschen durchgeführt, die im Vergleich zum Durchschnitts-Homo-sapiens echt klein gewachsen sind: den Flores-Pygmäen. Diese leben heute sogar in unmittelbarer Nähe zur Höhle, in der die ersten Fossilien des Flores-Menschen gefunden wurden. Nun wollten die Forscher versuchen herauszufinden, ob die Pygmäen sich genetisch auffällig von anderen Menschen unterscheiden – und damit vielleicht sogar eine gewisse Verwandtschaft zu den Flores-Menschen verraten, die vor 100 000 bis 60 000 Jahren auf der Insel gelebt hatten. Die Ergebnisse ihrer Genanalyse von 32 Freiwilligen präsentieren Tucci und Co im Magazin »Science«. Demnach sind die heutigen Pygmäen zunächst einmal ganz typische moderne Menschen.

Daraus können verschiedene Schlüsse gezogen werden. Nur theoretisch könnten Flores-Menschen – von denen kein analysierbares genetisches Material die Zeiten überdauert hat – dem Homo sapiens genetisch sehr ähnlich gewesen sein und also auch keine auffälligen Gensignaturen an potenzielle Nachkommen wie die heute vor Ort lebenden Pygmäen weitergegeben haben. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich: Anatomisch ähneln die alten Flores-Skelette weniger Homo sapiens als vielmehr älteren Formen wie dem Homo habilis, was sich im Erbgut deutlich widergespiegelt hat. Zudem lässt sich im Genom aller modernen Menschen ein unterschiedlicher Grad an Verwandtschaft zu älteren Menschenarten nachweisen, mit denen die Ahnen in Kontakt gekommen sind. Auch im Erbgut der nun untersuchten Pygmäen finden sich die für moderne Menschen der Region typischen Anteile alter Genvarianten von Neandertaler- und Denisova-Vorfahren. Mit dem Flores-Hobbit sind die Pygmäen aber nach Lage der Daten nicht näher verwandt als andere Menschen.

Bestimmte Regionen im Genom der heutigen Flores-Pygmäen unterscheiden sich allerdings von den Sequenzen ihrer nahe lebenden Verwandten, die auf größeren Inseln wie Neuguinea oder auf dem asiatischen Festland leben, konstatiert Tuccis Team. Diese Gene, die unter anderem auch die Kleinwüchsigkeit regulieren, haben sich hier über geraume Zeit hinweg stärker verändert als beim Rest der Menschheit. Die Forscher sehen darin nun eine genetische Bestätigung der Inselhypothese: Offenbar arbeitet die Geografie wirklich auch an Merkmalen des Menschen vor Ort. Dies stützt nun auch die Theorie, dass der Flores-Hobbit vor 100 000 Jahren vor allem wegen seiner Umgebung anders aussah – eine völlig andere Spezies als alle Zeitgenossen muss er hingegen durchaus nicht gewesen sein.

32/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32/2018

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