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Schwarz-weiß-Denken

Lebensmüde Menschen sprechen in Absolutismen

Menschen mit Depressionen, Ängsten, Borderline-Persönlichkeit und Suizidgedanken verwenden vermehrt polarisierende Wörter.
Schachfiguren auf einem Brett: Der weiße König ist gefallen

»Immer« oder »nie«, »alles« und »ständig«: Verabsolutierende Ausdrücke sind besonders typisch für Menschen, die mit Suizidgedanken kämpfen. Das berichten britische Psychologen der University of Reading in der Zeitschrift »Clinical Psychological Science«. Wie ihre Feldstudie mit mehr als 6400 Mitgliedern von Internetforen ergab, ist das dichotome Sprachmuster ein eindeutigeres Kennzeichen als etwa negative Gefühlsausdrücke und eigne sich deshalb als spezifischer Marker.

Mohammed Al-Mosaiwi und Tom Johnstone analysierten dazu Forenbeiträge von Betroffenen zahlreicher psychischer und körperlicher Erkrankungen. Zunächst sammelten sie 300 verabsolutierende Ausdrücke, ließen sie von Experten bewerten und kamen so auf 19 eindeutige »Absolutismen«. Diese zählten sie in jedem mindestens 100 Wörter langen Beitrag auf 63 Internetforen, darunter Foren zu psychischen Erkrankungen wie Ängsten und Depressionen, bei denen die Forscher entsprechende Denkmuster vermuteten, aber auch zu Krankheiten wie Asthma, Krebs und Diabetes, wo sie kein ausgeprägtes Schwarz-weiß-Denken erwarteten und die somit die Kontrollgruppen bildeten.

Die Kontrollgruppen verwendeten im Schnitt 0,97 absolute Ausdrücke auf 100 Wörter. Betroffene in Angst- und Depressionsforen kamen jeweils auf rund 1,45 Absolutismen, also die Hälfte mehr, und jene in Borderlineforen auf 1,47. In Suizidforen machten solche Begriffe sogar 1,8 Prozent aus, knapp doppelt so viele wie in den neutralen Onlinegemeinschaften. In den Foren zu Schizophrenie (1,14), Posttraumatischer Belastungsstörung (1,13) und Essstörungen (1,25) war der Anteil polarisierender Ausdrücke ebenfalls leicht erhöht, aber nicht so sehr wie in Angst- und Depressionsforen.

Kein Symptom, sondern Veranlagung?

Wie spezifisch dieser dichotome Sprachstil ist, zeigte ein weiterer Vergleich: Negative Emotionswörter fanden sich unter den Betroffenen von Borderline, Essstörungen, Schizophrenie und Posttraumatischer Belastungsstörung gleichermaßen. Diese vier Gruppen unterschieden sich also darin, wie stark sie sprachlich polarisierten, aber nicht im Ausdruck negativer Gefühle. Des Weiteren blieb die Tendenz zum Polarisieren auch bei genesenen ehemaligen Patienten nahezu auf Ausgangsniveau, obwohl sich ihre Gefühlslage, gemessen an positiven Begriffen, zum Guten wendete. Die Forscher glauben deshalb, dass sich in den sprachlichen Absolutismen ein dichotomisierender Denkstil zeigt, der kein akutes Symptom, sondern eine Veranlagung darstellt.

Die kognitive Therapie von Depressionen zielt schon lange auf das typische »Schwarz-weiß-Denken« ab. Auch von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung kannte man solche rigiden Denkmuster. Eine Tendenz zum Negativen, zu Grübeleien und zum Katastrophisieren zählt ebenfalls zu den Symptomen vieler psychischer Störungen. Spezifische Sprachstile haben sich zuvor schon als Marker bewährt, etwa sprunghafte Themenwechsel bei Patienten mit schizophrenen Psychosen.

Wenn Sie Hilfe benötigen, wenn Sie verzweifelt sind oder Ihnen Ihre Situation ausweglos erscheint, dann wenden Sie sich bitte an Menschen, die dafür ausgebildet sind. Dazu zählen zum Beispiel Ihr Hausarzt, Psychotherapeuten und Psychiater, die Notfallambulanzen von Kliniken und die Telefonseelsorge.

Die Telefonseelsorge berät rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter den Nummern: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 sowie per E-Mail und im Chat.

3/2018 (August/September)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2018 (August/September)

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