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Maya-Begräbnis: Der tiefe Fall eines Topdiplomaten

726 n. Chr. vermittelte ein Mann namens Ajpach' Waal die Allianz zweier Königreiche. Sein Skelett jedoch erzählt eine andere Geschichte: von einem harten Lebensende in Armut.
Eines der beiden Keramikgefäße aus dem GrabLaden...

Vermutlich war Ajpach' Waal noch ein Jugendlicher, als man ihm die Vorderzähne anbohrte, um Schmuckimplantate aus Pyrit und Jade darin zu verankern. Vielleicht markierte die Prozedur den Übergang in das Erwachsenendasein oder den Zeitpunkt, als er von seinem Vater den Titel »Standartenträger« übernahm – das Amt eines Botschafters, der zum Zeichen seines Rangs auf diplomatischen Missionen ein Banner trug.

Als Ajpach' Waal starb, war eins der Inlays herausgefallen und Zahnstein begann an seine Stelle zu treten. Niemand hatte es repariert. Bei jedem Satz, bei jedem Lächeln sei das peinliche Anzeichen des persönlichen Niedergangs sichtbar geworden, schreiben Jessica Cerezo-Román von der University of Oklahoma und Kenichiro Tsukamoto von der University of California in Riverside.

Die beiden Archäologen haben das Grab eines Mannes entdeckt, der im 8. Jahrhundert in der Treppe bestattet wurde, die zu einer zeremoniellen Plattform führte. Sie ist reich verziert mit Hieroglyphen, die vom Leben des Ajpach' Waal berichten, vor allem davon, wie er im Juni 726 eine Allianz zwischen dem Königreich Calakmull und dem über 500 Kilometer entfernten Copán schmiedete. Wenige Monate später errichtete Ajpach' Waal dann in seiner Heimat El Palmar, heute Mexiko, die Plattform. Er demonstrierte damit wohl seinen Rang und Status. Cerezo-Román und Tsukamoto sind nun überzeugt, dass es sich bei dem Bestatteten unter dem Zugang zur Plattform um den Standartenträger selbst handelt. Es könne allerdings auch dessen Vater sein.

Ein glänzendes LächelnLaden...
Ein glänzendes Lächeln | Zahninlays aus Jade und Pyrit zeigten, dass der Bestattete ein hochrangiges Mitglied der Gesellschaft war. Ein ausgefallenes Inlay muss jedoch die gegenteilige Wirkung auf Betrachter gehabt haben.

Doch sogar für Topdiplomaten war das Leben seinerzeit alles andere als einfach. Das zeigt die Bestattung selbst. Die Archäologen beschreiben sie ausführlich im Fachblatt »Latin American Antiquity«. Demnach war der Bestattete bei seinem Tod zwischen 30 und 50 Jahre alt. Am Skelett erkannten die Forscher zeittypische Anzeichen von Krankheit und Unfällen: Die Knochen eines Arms zeugen von einer verheilten schmerzhaften Entzündung, auch die Fraktur eines Schienbeins war bereits verheilt. Der Mann hatte außerdem zahlreiche Zähne verloren und mit Abszessen im Kiefer zu kämpfen, hinzu kamen Spätfolgen der Schmuckimplantation. Seinen Schädel hatte man im Kindesalter durch aufgebundene Bretter in eine längliche Form gebracht, wie es dem damaligen Schönheitsideal der Bessergestellten entsprach.

Bemerkenswert ist, dass der Mann trotz seiner hochrangigen Abkunft in seiner Kindheit teils mangelhaft ernährt wurde, entsprechende Hinweise finden sich an seinem Schädel. Zudem beobachten Cerezo-Román und Tsukamoto, dass zahlreiche Gelenke Abnutzungserscheinungen aufwiesen. Neben den Knien und den Füßen auch der rechte Ellenbogen. Vielleicht, so spekulieren die Forscher, manifestierten sich so die Belastungen, denen der Diplomat auf seinen langen Wanderungen ausgesetzt war, auf denen er wohl tatsächlich eine Standarte tragen musste. Auf den königlichen Plattformen musste er zudem über lange Zeiträume kniend ausharren.

Ein Vogel auf einem KeramikgefäßLaden...
Ein Vogel auf einem Keramikgefäß | Die Grabbeigaben, die dem Mann mitgegeben wurden, wären einem reichen Mitglied der Gesellschaft eigentlich unwürdig. Vermutlich bezeugen sie den Niedergang El Palmars.

Neben dem verlorenen Implantat, das seine Verwendbarkeit als Botschafter empfindlich eingeschränkt hätte, spricht auch die äußerst sparsame Bestattung für ein Ende in Armut. Statt wie bei Elitengräbern sonst üblich fanden sich im ungestörten Grab keine reichen Grabbeigaben oder Schmuck, sondern nur zwei bunte Tongefäße.

Cerezo-Román und Tsukamoto vermuten, dass die Heimat des Ajpach' Waal, El Palmar, durch die Wirren der großen Politik aufgerieben wurde. Die beiden großen Dynastien, deren Allianz Ajpach' Waal laut der Inschrift vermittelte, überlebten den Zusammenschluss nur zehn Jahre. Dann enthauptete ein interner Rivale den König von Copán. Zeitgleich verlor Calakmull den Krieg mit einer rivalisierenden Dynastie. Auch El Palmar verlor dadurch an Bedeutung und wurde wenig später aufgegeben. Dschungel überwucherte die Siedlung und mit ihr die Plattform, die das Ansehen Ajpach' Waals mehren sollte.

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