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Gebärmutterhalskrebs: Mehr Tote bei Schlüsselloch-Operation

Bei der operativen Entfernung von Gebärmutterhalskrebs gilt minimalinvasive Chirurgie als schonender. Doch jetzt zeigt sich: Bei dem Verfahren sterben mehr Patientinnen. Warum?
Minimalinvasive Chirurgie, Laparoskop.

Eine neue Kohortenstudie über die Therapie von Gebärmutterhalskrebs stellt eine moderne Operationsmethode in Frage. Demnach sterben bei der minimalinvasiven »Schlüssellochchirurgie« mehr Patientinnen später doch noch an Krebs als beim klassischen »offenen« Operationsverfahren. Der Unterschied erwies sich als so groß, dass ein unabhängiges Beobachtungskomitee im Juni 2017 empfahl, die Studie abzubrechen, so die jetzt im »New England Journal of Medicine« erschienene Veröffentlichung. Wie das Studienteam um den Gynäkologen Pedro T. Ramirez vom MD Anderson Cancer Center in Houston berichtet, hatten 4,5 Jahre nach der Operation 86 Prozent der Patientinnen des minimalinvasiven Eingriffs überlebt, während nach der klassischen Operation 96,5 Prozent der Patientinnen noch am Leben waren. Das klare Ergebnis habe die Arbeitsgruppe überrascht, berichtet die »New York Times«, denn die Forscher hätten damit gerechnet, dass sich beide Verfahren als gleichwertig erweisen würden.

Bis zum vorzeitigen Ende der Studie beteiligten sich 631 Patientinnen in insgesamt acht Ländern daran. Gebärmutterhalskrebs ist mit über einer halben Million Erkrankten pro Jahr die vierthäufigste Krebserkrankung weltweit, verantwortlich für die überwiegende Mehrzahl der Fälle ist eine Infektion mit einem Humanen Papillomvirus (HPV); gegen einige von ihnen gibt es Impfstoffe. Die Operation, bei der man meistens die gesamte Gebärmutter sowie den Gebärmutterhals entfernt, ist eine von mehreren Behandlungsoptionen. Seit einigen Jahren führt man den Eingriff immer häufiger minimalinvasiv durch, also ohne die Bauchdecke zu öffnen. Diese auch salopp als »Schlüssellochchirurgie« bezeichnete Technik kommt inzwischen bei vielen chirurgischen Eingriffen zum Einsatz, weil solche Operationen meist weniger schwere Nachwirkungen haben.

Doch anscheinend kommt der Krebs bei dieser Form der Operation häufiger zurück, wie die nun erschienene Studie nahelegt. Das Ergebnis sei »ein schwerer Schlag« für die Technik, schreibt die Ärztin Amanda N. Fader in einem Kommentar für das »New England Journal of Medicine«. Der neue Befund komme vermutlich deswegen so überraschend, weil bisherige Vergleiche beider Verfahren sich überwiegend auf die Komplikationsrate der Operationen konzentrierten. Dort schneidet die klassische Operation schlechter ab. Zusätzlich zeigen Studien, dass bei Tumoren der Gebärmutter selbst die minimalinvasive Variante auch bei den langfristigen Überlebensraten gleichwertig ist.

Weshalb das beim Gebärmutterhalskrebs nicht so ist, darüber gibt die Studie keine Auskunft – mehrere Vermutungen stehen im Raum. So ist die Operation im Vergleich zu Tumoren des Uterus komplizierter, weil mehr Gewebe entfernt werden muss. Alternativ sei denkbar, dass die chirurgischen Instrumente Krebszellen verteilen, schreibt das Team um Ramirez. Oder das Kohlendioxid, das während der Operation zum Aufblähen der Bauchhöhle benutzt wird, lasse den Tumor metastasieren. Die Ursache müsse jedenfalls in weiteren Studien geklärt werden, schreiben die Autoren. Dasselbe gelte für die Frage, ob manche Patientinnen, die nur sehr kleine Tumoren haben, insgesamt von der Technik profitieren, diese also weiterhin eine Daseinsberechtigung hat.

45/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45/2018

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