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Zugvögel: Neonikotinoide verzögern Weiterfliegen

Insektenschutzmittel schaden nicht nur Bienen, sondern auch Zugvögeln. Eine Studie zeigt nun: Sie mindern den Appetit von Dachsammern und hindern sie so am Weiterfliegen.
DachsammerLaden...

Neonikotinoide sind in Verruf geraten, seit bekannt wurde, dass die Insektenschutzmittel für Bienen und andere Nützlinge gefährlich sein können. Jetzt zeigen Forscher, wie die Gifte auch Zugvögel schädigen können. Ein Team um Christy Morrissey berichtet im Fachjournal »Science«: Die Aufnahme von Neonikotinoiden kann dazu führen, dass Zugvögel Fett verlieren und deshalb weniger schnell weiterziehen. So könnte der untersuchte Stoff mit dem Namen Imidacloprid die Überlebens- und Fortpflanzungschancen der Tiere verschlechtern. Dies ist die erste Studie, die einen Mechanismus aufzeigt, der erklären könnte, warum die Nutzung von Insektiziden mit sinkenden Zugvogelbeständen einherzugehen scheint.

Die Wissenschaftler fingen die Dachsammern (Zonotrichia leucophrys) am frühen Morgen, als diese einen Zwischenstopp im kanadischen Ontario machten. Dort verabreichten sie ihnen eine geringe oder eine hohe Dosis vom häufig verwendeten Insektizid Imidacloprid. Dies sei etwa so viel gewesen, wie die Vögel realistischerweise zu sich nehmen würden, wenn sie ein paar behandelte Samen verschlucken, schreiben die Forscher. Nach eineinhalb Tagen ließen sie die Vögel wieder frei.

Die Vögel, die die höhere Dosis Imidacloprid erhielten, hatten sechs Stunden später im Schnitt etwa fünf bis zehn Prozent ihrer Körpermasse verloren und auch deutlich mehr Fett abgebaut als eine Kontrollgruppe, die nur Sonnenblumenöl statt Imidacloprid bekam. Die Vögel aßen in den sechs Stunden nach der Gabe zudem merklich weniger. Das könnte am appetitmindernden Effekt des Neonikotinoids liegen, schreiben die Forscher. Möglicherweise spielen auch eine veränderte Nährstoffaufnahme und eine generelle Vergiftung eine Rolle, mutmaßen die Autoren. Die Vögel, die Imidacloprid bekommen hatten, blieben im Schnitt dreieinhalb Tage länger vor Ort als die Kontrollgruppe. Offenbar flogen sie erst weiter, nachdem sie wieder genug Ressourcen für den nächsten Flug angesammelt hatten. Die Gefahr einer langen Verweildauer besteht darin, dass Tiere später als ihre Artgenossen an den Brutplätzen ankommen, später brüten und weniger Nachwuchs zeugen. Die Orientierungsfähigeit der Tiere war nicht beeinträchtigt, anders als eine frühere Studie derselben Arbeitsgruppe es nahegelegt hatte.

Neonikotinoide sind die am meisten genutzten Insektizide weltweit. Sie binden wie der Neurotransmitter Acetylcholin an den nikotinischen Acetylcholin-Rezeptor, werden aber nicht vom Enzym Acetylcholinesterase abgebaut. So sind die Nerven im zentralen Nervensystem von Insekten dauerhaft stimuliert; das kann zum Tod führen. Bei anderen Tieren binden die Neonikotinoide weniger stark, der Effekt ist deshalb umkehrbar. Bei den Dachsammern dauert es beispielsweise etwa zwei Wochen, bis sie wieder die gleiche Körpermasse haben, zeigt die vorherige Studie derselben Arbeitsgruppe. Deshalb dachte man lange, die Insektengifte seien für Wirbeltiere weniger risikoreich. Inzwischen belegen Studien, dass Neonikotinoide auch das Überleben, den Gesundheitszustand und das Verhalten von Vögeln und anderen Wildtieren beeinflussen.

Vögel können auf verschiedene Arten mit Neonikotinoiden in Kontakt kommen: über Spray, kontaminierten Boden und Wasser oder wenn sie behandelte Samen fressen. Besonders gefährdet sind die Vögel, die im Frühling in nördliche mittlere Breiten von Amerika ziehen, wenn auf den Feldern gesät wird. In der Europäischen Union darf man Insektenschutzmittel, die Imidacloprid enthalten, dagegen nur noch in Gewächshäusern verwenden. Allerdings überdauert es wohl länger in der Umwelt als gedacht.

38/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 38/2019

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