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Ägyptologie: Pharaonengleich

Um den verstorbenen Pharaonen Ewigkeit zu verleihen, ölten die alten Ägypter deren Leichname mit hochwirksamen Balsamierungstinkturen ein. Auch bevor sie Tiere endgültig zur Ruhe betteten, betrieben sie offenbar viel Aufwand - wie beim Herrscher selbst.
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Im Ägypten des Altertums verwandelten sich Millionen von Vögeln, Reptilien und Säugetieren – insbesondere Katzen – in Mumien. Zunehmende Popularität erlangte dieses Bestattungsritual während der Regierungszeit von Amenhotep III. (um 1400 v. Chr.) und danach. Das enorme Produktionsausmaß legte die Schlussfolgerung nahe, dass den geflügelten oder vierbeinigen Geschöpfen im Vergleich zu Menschen bei der Konservierung nur relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Vermutlich wickelten die Ägypter sie bloß in grobe Leinenbinden und tauchten sie in eine Art Harz, lautete die weithin akzeptierte Sichtweise.

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Mumie einer Katze | Im Ägypten des Altertums verwandelten sich Millionen von Vögeln, Reptilien und Säugetieren – insbesondere Katzen – in Mumien.
Doch die nähere Inspektion von Tiermumien zeichnete ein anderes Bild: Die Entfernung der Eingeweide sowie die aufwändige Umhüllung deuteten darauf hin, dass die Prozeduren zur Erhaltung der Kadaver vergleichbar komplex waren wie jene bei menschlichen Leichnamen. Zudem genossen die Lebewesen in der frühen Hochkultur großen Respekt. Denn die alten Ägypter sahen sie nicht nur als Haustiere an, sondern verehrten sie zugleich als Stellvertreter ihrer Götter. So symbolisierte beispielsweise die Katze die Gottheit Bastet, der Falke verkörperte Horus und der Ibis Thoth. Und ausgerechnet diese "heiligen" Wesen sollten beim Herrichten für das ewige Überleben vernachlässigt worden sein?

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Mumie eines Falken | Lange Zeit nahmen Forscher an, dass die alten Ägypter die mumifizierten Tiere – hier einen Falken – bloß in grobe Leinenbinden wickelten und sie in eine Art Harz tauchten.
Nun versuchten Stephen Buckley und seine Kollegen an der Universität Bristol, das Geheimnis um die mumifizierten Tiere zu lüften. Als Untersuchungsobjekte dienten ihnen eine präparierte Katze, zwei Falken und ein Ibis, die aus der letzten mumienherstellenden Ära des pharaoregierten Ägypten stammten, also aus der Zeit der 23. Dynastie (818-715 v. Chr.) bis zur 30. Dynastie (380-343 v. Chr.). Milligramm beziehungsweise Submilligramm leichte Proben von Geweben und Umhüllungen der Tiere unterzogen die Forscher modernen Untersuchungsmethoden, wie der Gaschromatografie und der Massenspektrometrie, um die Rezepturen der antiken Konservierungsstoffe zu enthüllen – ein Kriterium, das Auskunft über den Grad der Mumifizierungsbehandlung gibt.

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Mumie eines Ibis | Wie die chemischen Analysen der Forscher nun ergaben, salbten die alten Ägypter die Tiere – hier einen Ibis – zusätzlich zur Entfernung der inneren Organe und der Bandagierung mit hochkomplexen Mixturen ein – vergleichbar jenen, die in derselben Periode zur Konservierung ihrer Besitzer zum Einsatz kamen.
Und die chemischen Analysen offenbarten Erstaunliches: Die Einbalsamierungsmaterialien der Tiermumien basierten entweder auf zuckerhaltigen Pflanzenabsonderungen wie Gummiarabikum oder Lipiden. Wie die Fettsäure-Zusammensetzung ihrer Extrakte verriet, setzten die Ägypter offensichtlich tierische Fette und pflanzliche Öle als kostengünstige Grundlage ein, die sie mit exotischeren Inhaltsstoffen anreicherten. Die Wissenschaftler identifizierten Harze von Nadelbäumen (wahrscheinlich von Zedern), Wachse – im Fall der Katze handelte es sich eindeutig um Bienenwachs – sowie das Petroleum-Produkt Bitumen.

Zweifelsfrei belegt die Auswahl der Rohstoffe, dass die alten Ägypter Katze, Falke, Ibis und Co zusätzlich zur Entfernung der inneren Organe und der sorgfältigen Bandagierung mit hochkomplexen Mixturen einsalbten – vergleichbar jenen, die in derselben Periode zur Konservierung ihrer Besitzer zum Einsatz kamen. "Diese Ergebnisse liefern weiteres Beweismaterial dafür", betonen die Forscher um Buckley, "dass Tiermumien durch Prozeduren präpariert wurden, die so ausgeklügelt waren wie die zur menschlichen Mumifizierung verwendeten."
16.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.09.2004

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