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Polynesien: Die Besiedelung des Pazifiks

Das größte nautische Abenteuer der Menschheit spielte sich im Pazifik ab, wo Menschen seit dem frühen Mittelalter durch tausende Kilometer Wasserwüste von einsamer Insel zu einsamer Insel hüpften. Das hat bis heute Spuren in den Genen der Einheimischen hinterlassen.
Osterinsel Moai

Im frühen Mittelalter machte sich die Menschheit daran, die letzten nicht besiedelten Flecken auf dem Globus aufzusuchen: Durch den Pazifik hüpften Seefahrer in hochseetüchtigen Kanus von Insel zu Insel und erreichten nach und nach ganz Polynesien, Neuseeland, die kleinen Inseln inmitten des Ozeans weiter östlich und schließlich sogar die abgelegene Osterinsel. Wann genau die Menschen wohin gelangt waren, wird von Genetikern und Archäologen seit Langem untersucht.

Dem aktuellen Stand zufolge sind die heutigen Polynesier ursprünglich die Nachkommen von Menschen der Lapita-Kultur Taiwans, die vor rund 3000 Jahren begannen, nach und nach über größere Inseln von Papua-Neuguinea hinweg bis nach Tonga, Samoa und Fidschi anzusteuern. Von dort aus stießen sie dann eher im Expresstempo über die weiten Wasserwüsten des Pazifik nach Osten vor – womöglich immer dann, wenn die Winde für eine Ausbreitung besonders günstig waren.

Nun ist es Forschern mit Genanalysen von heute auf den Inseln lebenden Menschen gelungen, den Wanderweg der Ostpolynesienpioniere noch viel detaillierter nachzuzeichnen, wie sie in »Nature« beschreiben. Die Populationsgenetiker haben dafür DNA-Proben von 430 Personen aus allen Teilen Polynesiens miteinander verglichen, die für frühere Studien gesammelt worden sind. Dabei achteten die Forschenden auf Anzeichen für das Auftreten einer genetischen Besonderheit, die beim Inselhüpfen von kleinen Gruppen auftritt: Wenn Pioniere eine Inseln neu besiedeln, werden sie zu einer Gründerpopulation mit einem ähnlichen, recht kleinen Genpool mit geringer genetischer Diversität. Die Isolation in der neuen Heimat sorgt also für einen genetischen Flaschenhals. Später weiterziehende Nachkommen dieser Gruppe – vielleicht handelt es sich ursprünglich sich nur um ein Dutzend bis zu ein paar hundert Menschen auf wenigen Kanus – sind genetisch daher recht eindeutig zu erkennen, und das bis heute.

Also kann man nachvollziehen, auf welchen Inseln die Vorfahren der heute auf einer Insel heimischen Eiland mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal gelebt haben – und auf welcher wohl nicht. Die Analyse machte schnell klar, dass sich die Gruppen auf den entfernten Inseln nicht immer wieder über die ausgedehnte Fläche hinweg untereinander gemischt haben: Zwar belegen archäologische und linguistische Untersuchungen, dass einzelne Inseln immer wieder miteinander in Kontakt standen. Wohl geografisch notgedrungen sind die Linien aber vor allem unter sich geblieben, wie die Genanalysen zeigen.

Von einzelnen eroberten Inseln aus stießen die Gruppen dann aber immer weiter vor, und so entstanden dann Stammbäume der Entdeckerlinien, die sich bis heute nachvollziehen lassen. Sie lassen sich auch zeitlich einordnen, indem man die Längen der übereinstimmenden Sequenzfragmente analysiert: So wird über den bloßen Verwandtschaftsgrad hinaus auch klar, wann welche Gruppe von welcher abstammt. Die Analyse bestätigt zunächst, was man schon vorher angenommen hatte. Die Besiedlung der kleineren Pazifikinseln von Samoa aus begann um das Jahr 800. Die zweitälteste genetische Spur findet sich dann auf der Hauptinsel der heutigen Cook-Inseln; von dort aus hüpften die Menschen dann in verschiedene Richtungen von Insel zu Insel. Eine Linie kam um 1210 bis Rapa Nui.

Gelegentlich scheinen die Pioniere Routen genommen zu haben, die auf den ersten Blick nicht naheliegen. Die Genanalyse bestätigt dabei in einem Fall ältere archäologische Hypothesen. So sind etwa die Menschen auf Rapa Nui, Raivavae und den Marquesas-Inseln im Ostpazifik miteinander verwandt – alle stammen wohl von einer Population ab, die das Tuamotu-Archipel besiedelt hatte. Diese Inselgrupppen liegen nicht gerade benachbart und wären von anderen Inseln aus leichter zu erreichen gewesen. Gerade auf den drei Archipelen kennt man aber große Steinskulpturen wie die Moai der Osterinsel. Hat hier eine Gründerpopulation eine gemeinsame Kulturtradition weitergegeben, bei der große Skulpturen eine wichtige Rolle spielen? Die Genanalysen zeigen immerhin, dass die Besiedlung der Osterinsel wohl von der Tuamotu-Insel Mangareva ausgegangen ist. Von den Tuamotus – wie auch auf anderen polynesischen Inselgruppen kennt man die religösen Areale der Marae, auf denen womöglich als Weiterentwicklung größere Steinskulpturen platziert wurden.

Die Gene der heutigen Bewohner von Osterinsel, Raivavae und den Marquesas zeigen zudem Spuren einer vor der Moderne entstandenen Verwandtschaft zu Menschen aus Südamerika. Demnach könnten Polynesier schon um das Jahr 1100 – als sie die letzen großen Reisen weit nach Osten begannen – mehr als nur flüchtige Kontakte zum amerikanischen Festland unterhalten haben. Dass Südamerikaner und Südseeinsulaner sich getroffen haben, hatte man bereist nach der Analyse von Erbgut aus Menschen und Hühnerknochen gewusst.

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