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News: Raspberries heißt gute Nacht

Nicht nur Schimpansen entwickeln kulturelle Verhaltensweisen. Auch Orang-Utans sind dazu in der Lage. Die aber betraten die Weltbühne weitaus früher als Schimpansen. Damit könnte die Wiege kultureller Verhaltensweisen viel weiter in der Vergangenheit liegen - und dem Menschen ein reicheres kulturelles Repertoire zur Verfügung gestanden haben.
Laut quietschende Kusslaute durchdringen den indonesischen Urwald. Schließlich ist auch einer der Urheber solcher Signale in den Bäumen zu sehen: ein Orang-Utan. Ein anderer entfernt mit einem Holzstöckchen sorgsam die Haare von der Frucht des Neesia-Urwaldbaums und verhindert so Reizungen seiner Haut. Dann kann er sich an der fettreichen Frucht verlustieren. Andere Artgenossen angeln sich mit einem ähnlichen Werkzeug Termiten und Honigwaben aus Baumhöhlen.

Doch weder ist der Gebrauch von sozialen Signalen oder von Werkzeug verbreitet bei Orang-Utans, noch lassen sich derlei Verhaltensweisen bei allen Artgenossen auch in anderen Regionen ihrer Heimat Borneo und Sumatra finden. Könnten diese kulturellen Verhaltensweisen etwa durch soziales Lernen statt Vererbung übermittelt werden?

Ein solches Ergebnis hätte weit reichende Konsequenzen: Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, Schimpansen seien vor sieben Millionen Jahren die ersten Lebewesen gewesen, die kulturelles Verhalten auf sozialem Weg verbreiten. Orang-Utans entwickelten sich dagegen bereits vor 14 Millionen Jahren aus ihren ursprünglicheren Vorfahren. Die Wiege der Kultur – wenn auch nicht der Hochkultur – läge demnach schon in dieser Zeit: ein bedeutender Unterschied.

Um dies zu belegen, widmete sich eine internationale Forschergruppe um Carel von Schaik von der Duke University zunächst selbst dem Austausch und dem gemeinsamen Lernen. Sie schauten Videos an und verglichen Daten – von wilden Orang-Utan-Völkern an sechs verschiedenen Untersuchungsstandorten in Borneo und Sumatra. "Spezielles Augenmerk legten wir auf unterschiedliche Verhaltensweisen bei verschiedenen Affengruppen", erklärt Schaik. Denn solche Verhaltensunterschiede an verschiedenen Orten verweisen auf eine soziale Weitergabe des Verhaltens.

"Obwohl wir keineswegs sicher waren, einen Beleg für kulturelle Veränderungen zu finden, ermittelten wir schließlich 24 Verhaltensweisen, die offenbar kulturelle Varianten darstellen." Darunter waren auch die quietschenden Kusslaute, ein Geräusch wie ein gestottertes "raspberries", das sich als ein Gute-Nacht-Gruß entpuppte – oder auch Werkzeuganwendungen wie der Bau von Sonnenschutzanlagen für das eigene Nest.

Nun könnte dieses unterschiedliche kulturelle Verhalten auch auf eine Anpassung an verschiedenen Standorte zurückzuführen sein. "Wir sahen aber, dass der Lebensraum keine signifikanten Auswirkungen auf die Ähnlichkeit dieser Verhaltensweisen hatte", sagt Carel von Schaik. Außerdem zeigten die Affen benachbarter Standorte mehr Verhaltensähnlichkeiten im Vergleich zu solchen Tieren, die weit entfernt voneinander leben.

Es handelt sich offenbar um einen Prozess kultureller Verbreitung. Besonders dort, wo die sozialen Kontakte am engsten waren, wiesen die Orang-Utans das vielfältigste Repertoire an Verhaltensweisen auf. Es trat also an den Orten auf, wo die Tiere am meisten voneinander lernen konnten.

Mit den Ergebnissen erhoffen sich die Forscher auch weiter führende Erkenntnisse zur kulturellen Entwicklung des Menschen. Carel von Schaik resümiert: "Der erste Mensch konnte bereits auf einem soliden kulturellen Fundament aufbauen."

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