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Extremwetter: »Die meisten wissen es einfach nicht besser«

Bei Schnee und Eis, Sturm oder Hochwasser kommt es häufig zu Unglücken, die vermeidbar gewesen wären. Warum verhalten sich die Menschen nicht vorsichtiger? Ein Interview mit dem Psychologen und Risikoforscher Gerd Gigerenzer.
Auto fährt im Dunkeln auf glatter Straße
Auf verschneiten Straßen darf man nur mit Winterreifen fahren. Aber auch die helfen nicht mehr, wenn es richtig glatt wird. (Symbolbild)

Die einen fahren bei Glatteis Auto, die anderen wandern trotz Unwetterwarnung durch die Berge: Immer wieder setzen Menschen ihr Leben unnötig aufs Spiel. Woran das liegt, erklärt der Psychologe Gerd Gigerenzer, Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz in Potsdam.

»Spektrum.de«: Bei Glatteis oder Sturmböen sollten die Menschen in der Regel zu Hause bleiben. Manche gehen trotzdem vor die Tür und verunglücken. Warum schätzen wir die Risiken der Natur immer wieder falsch ein?

Gerd Gigerenzer: Auf psychologischer Ebene wirkt hier zum einen die emotionale Identifikation mit einer Bezugsgruppe. Bei extremen Wetterereignissen kann das etwa sein, dass die Menschen seit mehreren Generationen in einer Gemeinschaft an einem Ort leben. Obgleich sie zum Beispiel bei einer Überschwemmung zu ihrer eigenen Sicherheit den Ort verlassen sollten, bleiben sie dort, wo auch Familie oder Freunde wohnen. Eine Flucht würde sich anfühlen, als ließe man die Gruppe im Stich. Das kann nicht jeder aushalten. Die emotionale Bindung an eine Gruppe ist ein Grund, warum Klimaleugnerinnen und -leugner mit wissenschaftlichen Fakten selten überzeugt werden können – sie würden damit riskieren, ihre Freunde zu verlieren.

Gibt es noch weitere Gründe, Risiken zu ignorieren oder falsch einzuschätzen?

Ein ganz anderer Grund sind genetisch vorbereitete Ängste. Sie führen oft dazu, dass wir uns vor etwas fürchten, was uns wahrscheinlich nicht umbringt, Spinnen etwa, aber nicht vor realen Gefahren wie Extremwetter und anderen Naturkatastrophen.

Was meinen Sie mit »genetisch vorbereiteten Ängsten«?

Gerd Gigerenzer | Der Psychologe ist Direktor am Harding-Zentrum für Risikokompetenz an der Universität Potsdam. Bis 2017 war er Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. In seinem Buch »Risiko« (2020) erklärt er, warum der Mensch Gefahren häufig falsch einschätzt.

Kinder fürchten sich beispielsweise zunächst nicht vor Schlangen. Sehen sie aber einen Erwachsenen, der vor einer Blindschleiche zurückschreckt, können sie diese Angst bereits durch eine einzige solche Beobachtung übernehmen. Zeigt der Erwachsene die gleiche Angstreaktion jedoch bei einem neutralen Objekt wie einem Blumentopf, funktioniert dieses schnelle soziale Lernen nicht. Schlangen wie auch Spinnen sind »genetisch vorbereitete Objekte« von Furcht, da sie in der Menschheitsgeschichte gefährlich waren – und in vielen Ländern immer noch sind. Blumentöpfe sind es nicht. Ähnliches gilt für die Furcht vor Dunkelheit. Durch soziales Lernen werden diese schlummernden Ängste aktiviert.

»Wenn der Klimawandel wie eine Spinne wäre, dann könnten die Menschen leicht lernen, sich vor ihm und seinen Folgen zu fürchten«

Evolutionsbiologisch macht die Angst demnach durchaus Sinn.

Richtig. Furcht vor gefährlichen Tieren, Dunkelheit oder auch engen Räumen, aus denen man nicht entkommen kann, war einst überlebensnotwendig. Heute sind solche Ängste kaum noch angebracht. In Deutschland gibt es keine gefährlichen Schlangen mehr – dennoch lernen viele Menschen voneinander, sich davor zu fürchten. Wenn der Klimawandel wie eine Spinne wäre, dann könnten die Menschen leicht lernen, sich vor ihm und seinen Folgen zu fürchten.

Wir könnten doch auch auf andere Weise lernen, gefährliche Situationen zu meiden. Aber das geschieht nicht hinreichend?

Unzureichende Bildung ist der dritte Grund für mangelnde Kompetenz im Umgang mit Risiken. Ein eindrückliches Beispiel ist der Fall der zehnjährigen Tilly Smith. Sie und ihre Eltern machten im Jahr 2004 Urlaub auf Hawaii. Die drei lagen am Strand, als plötzlich das Wasser zurückging. Viele der anderen Touristen und Touristinnen freuten sich über die zahlreichen Muscheln und Meerestiere, die sie nun sehen konnten, und liefen ins Wasser. Tilly wandte sich hingegen an ihre Mutter und sagte: »Wir müssen sofort weg vom Strand. Ich glaube, es gibt einen Tsunami.« Kurz vor den Ferien hatte das Mädchen in der Schule nämlich die Warnzeichen von Tsunamis gelernt. Die Eltern nahmen die Warnung ihres Kindes ernst, informierten das Hotelpersonal und der Strand wurde evakuiert. Im Nachhinein gehörte »Tillys Strand« zu den wenigen in der Gegend, auf dem niemand getötet oder ernsthaft verletzt wurde. Risikokompetenz, also Bildung im Verstehen von Risiken, kann Leben retten.

Ist nicht auch die Entfremdung von der Natur ein Grund dafür, dass wir deren Risiken falsch einschätzen?

Mangelnde persönliche Erfahrung kann natürlich dazu beitragen, Gefahren zu über- oder zu unterschätzen. Wissen ist jedoch entscheidend, wie wir an dem Fall des Mädchens sehen: Sie kam aus einem anderen Land, und trotzdem kannte sie die Anzeichen eines Tsunamis. Das ist ein Beispiel für Risikokompetenz. Und diese braucht man auch zum Verstehen von Statistiken.

Können Sie dafür auch ein Beispiel geben?

Sie hören im Wetterbericht, dass es morgen mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent regnen wird. Eine scheinbar klare Ansage – nur, was bedeutet sie? 30 Prozent von was? Wir haben Menschen in fünf Metropolen gefragt, was damit wohl gemeint ist. Die meisten Berlinerinnen und Berliner glaubten, es bedeute, dass es morgen während 30 Prozent der Zeit regnen wird, also sieben bis acht Stunden lang. Andere dachten hingegen, es werde in 30 Prozent der Region regnen. Eine Frau war noch fantasievoller: »Ich weiß, was 30 Prozent bedeuten: Drei Meteorologen denken, es wird regnen, und sieben nicht.« Interessant ist nicht nur, dass Menschen an ganz verschiedene Referenzklassen denken – Zeit, Region, Tage und Fachleute –, sondern dass die meisten das nicht bemerken.

Was ist die richtige Antwort?

Kommt jetzt der Schneewinter? | Die aktuelle Kälte wird eine Weile anhalten. Doch langfristig wird auch dieser Winter wohl zu warm.

Dass es an 30 Prozent der Tage regnet, auf die sich die Vorhersage bezieht – also morgen wahrscheinlich nicht. Zwei Drittel der Befragten in New York wussten die richtige Antwort. Wenn man dagegen wie viele Deutsche glaubt, dass es morgen 30 Prozent der Zeit regnen wird, dann nimmt man an, dass es morgen auf jeden Fall regnet. Dieses Problem, die Referenzklasse richtig zu verstehen, finden wir allerdings nicht nur bei Bürgern und Bürgerinnen, sondern oft auch in den Medien. Beispiele dafür beschreiben meine Kollegen und ich auf der Website unstatistik.de. Im Mai 2023 verkündete der »Stern« etwa, dass der Gardasee nur noch zu 38 Prozent gefüllt sei. »Merkur.de« meldete, dass sich der Wasserstand des Gardasees halbiert habe – von 99 Zentimetern Mitte März 2022 auf 46 Zentimeter Mitte März 2023. Die Menschen vor Ort blickten jedoch nicht in einen leeren Abgrund, sondern bekamen von dieser Umweltkatastrophe überhaupt nichts mit. Wissen Sie, warum?

Klären Sie mich auf.

Am Gardasee wird der Wasserstand an einem Pegel in der italienischen Gemeinde Peschiera gemessen. Diese misst jedoch nur die Höhe des Wasserspiegels über dem Pegelnullpunkt. Bei dem Messwert handelt es sich also nicht um die tatsächliche Wassertiefe des Sees, sondern es ist ein willkürlicher Wert an der Messlatte. Tatsächlich ist der Gardasee weiterhin bis zu 346 Meter tief.

Die Medien haben demnach nicht gut recherchiert.

Und nicht mitgedacht. Noch dazu sieht man an diesem Beispiel, dass Journalisten und Journalistinnen absolute Veränderungen gerne in Prozentzahlen kommunizieren. Das bringt zwar meist mehr Klicks, erschwert es den Lesenden aber, die Referenzklasse zu erkennen, auf die sich die Prozentangabe bezieht. In diesem Fall bezog sich die Angabe »nur noch 38 Prozent gefüllt« eben nicht auf das Fassungsvermögen des Gardasees, sondern lediglich auf die Veränderung an der Messlatte. Der Wasserspiegel sank um etwa einen halben Meter und ging auch bald nach der vermeintlichen Umweltkatastrophe schon wieder hoch auf den alten Stand.

»Wenn es um Gesundheit, Geld und Naturereignisse geht, ist die Risikokompetenz oft erstaunlich niedrig«

Gibt es Lebensbereiche, in denen wir uns besonders häufig verschätzen, wo also besonders viel Unwissen besteht?

Wenn es um Gesundheit, Geld und Naturereignisse geht, ist die Risikokompetenz oft erstaunlich niedrig. Dazu kommen handfeste wirtschaftliche Interessen. Manchen Unternehmen ist nicht daran gelegen, dass die Bevölkerung Risiken kompetent einschätzen kann. Nehmen Sie etwa das Ampelsystem, das zur Kennzeichnung ungesunder Lebensmittel eingeführt werden sollte. Das ist am Einfluss von Nahrungsmittelherstellern gescheitert. Meiner Erfahrung nach gibt es in Deutschland nur ganz wenige Organisationen in den Bereichen Gesundheit, Geld und Energie, die aktiv zur Verbesserung der Risikokompetenz der Bürgerinnen und Bürger beitragen. Die meisten Akteure, auch in der Politik, profitieren vom mangelnden Risikoverständnis. Donald Trump spricht es offen aus: »I love the poorly educated.«

Ein Ausweg aus der Misere wäre folglich, dass die Menschen mehr statistisches Denken lernen, am besten bereits in der Schule.

Das wäre sehr wünschenswert. Denn sich mit Statistiken zu beschäftigen, bedeutet, sich mit Ungewissheit auseinanderzusetzen, statt sich in Sicherheiten zu wiegen, die es nicht gibt. Anders als die »Mathematik der Gewissheit«, wie Algebra und Geometrie, lehrt uns die Statistik nämlich, dass das Streben nach absoluter Sicherheit eine Illusion ist und wir lernen müssen, mit Ungewissheit vernünftig umzugehen. Das nimmt die Angst und hilft, bei Entscheidungen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Was sollten Schulen noch tun, um die Risikokompetenz von Kindern zu stärken?

Sie sollten Jugendlichen erklären, welche psychologischen Mechanismen in sozialen Gruppen wirken, und ihnen beibringen, wie sie die Zuverlässigkeit von Daten und Behauptungen richtig einschätzen können. Auf das Internet bezogen bedeutet das beispielsweise, dass sie einer cool aussehenden Website nicht einfach vertrauen, sondern erst mal einen Blick ins Impressum werfen: Wer ist für die Seite zuständig? Und dann aus der Seite herausgehen und auf anderen Seiten einen Faktencheck machen, um herauszufinden, welche Interessengruppe sich hinter der Seite verbirgt. Eine Stanford-Studie zeigte, dass 96 Prozent von über 3000 Digital Natives nicht wissen, wie man die Vertrauenswürdigkeit einer Website beurteilt. Bei uns in Deutschland sind Jugendliche genauso ungeschützt der Manipulation ausgesetzt. Der DigitalPakt Schule investiert Milliarden in Tablets und digitale Technologie, aber herzlich wenig in die Verbesserung der Risikokompetenz.

Wichtig ist also, dass wir die Risiken, die wir eingehen, bewusst und informiert eingehen?

Ja. Mein Appell wäre, dass wir alle uns mehr mit den Risiken beschäftigen, die auf uns zukommen könnten, damit wir nicht unvorbereitet überrascht werden. Denn nur wer mehr versteht, kann selbstständige Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und von der Meinung anderer unabhängig werden. Wenn Fernseher, Häuser und Fabriken »smart« werden, warum dann nicht auch die Menschen?

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