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Artensterben: Stummer Frühling II

Es sind schon lange nicht mehr alle Vöglein da, und zukünftig werden es wohl noch weniger werden. Der Niedergang der Vogelwelt lässt aber nicht nur das Frühlingskonzert verstummen, er beeinträchtigt mittlerweile ganze Lebensräume. Und: Er gefährdet auch den Menschen.
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Vierzig Jahre nach Veröffentlichung des Öko-Klassikers "Der stumme Frühling" von Rachel Carson ist die Warnung der Autorin aktueller denn je. Im Blickfeld damals war allerdings nur das regionale Verschwinden der Vögel durch Chemiegifte in Industrieländern, das durch das Verbot von DDT relativ schnell wieder umgekehrt werden konnte.

Heute dagegen sehen sich die Piepmätze weltweit einer ganzen Armada an Gefahren ausgesetzt: Lebensraumzerstörung, Übernutzung, eingeschleppte neue Tierarten und Krankheiten. So dreht sich die Spirale aus Abwärtstrend und Aussterben immer schneller, erfasst immer mehr Arten und bringt ganze Ökosysteme mit ihren Funktionen aus der Balance, wie jetzt eine Studie von Çagan Sekercioglu und seinen Kollegen von der Stanford-Universität zeigt.

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Schwarzbrauenalbatros | Schwarzbrauenalbatros (Diomedea melanophris): Der Tod in Treibnetzen und an Langleinen trieb innerhalb kürzester Zeit alle 21 bekannten Albatrosarten an den Rande der Ausrottung, denn jährlich ertrinken mindestens 100 000 der Seevögel durch den Fischfang – weit mehr als die Populationen durch Nachzucht ausgleichen können.
Sie fütterten eine Datenbank mit 600 000 Einträgen über Verbreitung, Ökologie, Bestandszahlen sowie Schutz aller noch lebenden und seit 1500 ausgestorbenen 9916 Vogelarten und berechneten dann zukünftige Entwicklungsszenarien. Bereits heute gelten zwölf Prozent aller Vogelspezies in irgendeiner Form als gefährdet: Das sind mehr als 1200 Arten. Mindestens 129 weitere starben seit 1500 aus, darunter der Dodo (Raphus cucullatus) von Mauritius, die amerikanische Wandertaube (Ectopistes migratorius), der Riesenalk (Pinguinus impennis) aus dem Nordatlantik oder erst letzte Woche der Po'o-Uli (Melamprosops phaeosoma) von Hawaii, der damit die traurig lange Liste verschwundener hawaiianischer Vögel verlängert.

Doch die Zukunft birgt wohl noch mehr Schrecken für Ornithologen und die Biodiversität. Im besten Falle gerieten keine weiteren Spezies mehr auf die Roten Listen. Allerdings bliebe das Risiko des Aussterbens für bereits gefährdete Vögel bestehen. Im schlimmsten Szenario stürben bis zum Jahr 2100 etwa 14 Prozent aller Vogelarten aus, und weitere 2500 Spezies wären stark gefährdet oder nicht mehr in freier Wildbahn existent.

Dazu kommen noch allgemeine Bestandsrückgänge. Schätzungen gehen davon aus, dass die Gesamtpopulation aller Vögel in den letzten 500 Jahren um ein Viertel schrumpfte. Und auch dies könnte sich zukünftig noch verschärfen, denn natürliche Lebensräume – und damit die Zahl der darin lebenden Tier und Pflanzen – schwinden mit einer jährlichen Rate von 1,1 Prozent.

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Brauner Veilchenohrkolibri | Brauner Veilchenohrkolibri (Colibri delphinae): Vögel wie die Kolibris bestäuben viele Pflanzenarten und tragen somit zu deren Fortpflanzungserfolg bei. Vor allem im australisch-pazifischen Raum hängt ein großer Teil der Vegetation von dieser Dienstleistung ab. Sterben die Bestäuber oder Samenverbreiter aus, bedroht dies auch die entsprechenden Pflanzen und letztendlich das gesamte Ökosystem.
Vögel spielen aber wichtige Rollen in Ökosystemen: Sie bestäuben Pflanzen, verbreiten Samen, dämmen Insektenplagen ein und beseitigen die Kadaver verendeter Tiere. Oftmals sind sie darin so spezialisiert, dass ihre Funktion nicht von anderen Tieren übernommen werden können. Ein Teufelskreislauf, denn je ausgeklügelter die Arbeitsteilung in einem Lebensraum ausfällt, desto schwerwiegender fällt ein Verlust ins Gewicht.

Viele Fruchtbäume in den Tropen Südamerikas oder Asiens sind zwingend auf Vögel wie Hornvögel, Tukane oder Kasuare angewiesen, die ihre Früchte fressen und die Samen andernorts wieder ausscheiden. In Australien, Neuseeland und auf den pazifischen Inseln erfolgt die Bestäubung zahlreicher Gewächse durch Nektarvögel oder Loris: Ohne diese Arten steht der Fortbestand der Pflanzen ebenso auf dem Spiel, und das gesamte Ökosystem verändert sich, betonen die Forscher.

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Ohrengeier | Ohrengeier (Gyps tracheliotus): Aasverwerter wie der afrikanische Ohrengeier sind die Gesundheitspolizei in der Natur und verhindern damit den Ausbruch sowie die Ausweitung von Krankheiten. Verwandte Arten in Indien stehen jetzt kurz vor dem Aussterben, da sie massenhaft an Vergiftungen durch Tierarzneien sterben. Als Folge davon vermehren sich verwilderte Hunde, die jetzt den Aas fressen, aber auch Tollwut verbreiten. Dadurch starben allein 1997 über 30 000 Inder an Tollwut.
Letztendlich profitieren auch die Menschen von den Serviceleistungen der gefiederten Welt. Insektenfresser halten schließlich Ernteschädlinge in Kaffeeplantagen, Obstbaumhainen oder Getreidefeldern in Schach. Geier beseitigen kostenfrei Aas und beugen damit Krankheitserregern vor.

Mannigfaltig zeigen sich bereits tödliche Folgen des Artensterbens: Nach der Ausrottung der Wandertaube, die zu Hunderten von Millionen vorkam, nahmen die menschlichen Borreliose-Infektionen in den USA stark zu. Zuvor fraßen die Tauben einen Großteil der jährlich anfallenden Eicheln und hielten so indirekt die Bakterien tragenden Hirschmäuse in Schach. Der Fraßkonkurrenz entledigt, schossen die Nagerzahlen in die Höhe – und mit ihnen die Ansteckungsraten.

In Indien und Pakistan erledigten verschiedene Geierspezies die Beseitigung verendeter Tierkörper – bis sie selbst ein Fall für die Entsorgungsmaschinerie wurden. Sehr wahrscheinlich wurden sie durch eine Arznei aus der Tiermedizin tödlich vergiftet. Ihre Bestände brachen um mehr als neunzig Prozent ein, und am liegen gebliebenen Aas versorgten sich streunende Hunde und Ratten. Mit den Hunden kam die Tollwut, und daran starben allein 1997 über 30 000 Inder – mehr als die Hälfte aller damaligen weltweiten Todesfälle durch Tollwut.

Das Artensterben zieht also für manche Menschen bereits tödliche Konsequenzen nach sich, von wirtschaftlichen Nachteilen einmal abgesehen. Der Verlust der Vögel hat aber auch noch kulturelle Folgen: Er macht zukünftig selbst Liedgut und Literatur ärmer – sogar Shakespeares Feldlerche wird schon selten.
14.12.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14.12.2004

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