Direkt zum Inhalt

Symbiose: Schummelnde Feigenwespen lassen Feige im Stich

Die Beziehung der Chinesischen Feige und ihren Feigenwespen steht vor einer Zerreißprobe: Manche Bestäuber haben die Symbiose aufgekündigt, und der Feigenbaum tut nichts dagegen.
Chinesische Feige

Zu den vielleicht verwickeltsten Affären zählt die Beziehung von Feigen und Feigenwespen. Zwischen beiden hat sich im Lauf von Millionen Jahren eine stabile Symbiose ausgebildet, bei der die Pflanze die Wespen ernährt und schützt und die Wespe die Pflanze bestäubt – wie das im Einzelnen geschieht, ist allerdings kopfzerbrechend komplex. Die Sache wird nicht einfacher, wenn zudem schummelnde Feigenwespen ins Spiel kommen, die an Feigen naschen, ohne dafür etwas zu tun, wie nun ein Forscherteam aus China, den USA und Schweden berichtet.

Die Wissenschaftler um Yan-Qiong Peng von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften haben in China die Interaktion von zwei Feigenwespenarten mit dem Chinesischen Feigenbaum Ficus microcarpa untersucht, dem Indischen Lorbeer, der in Asien gern auch als Zierbaum gepflanzt wird. Wie üblich bei Feigen verlässt sich die Pflanze auf Symbionten als Bestäuber: Die Insekten dringen durch eine passgenau dimensionierte Pore in die »Frucht« ein, die bei Feigen eine Hohlkugel von nach innen gerichteten Blüten ist. Hier vollzieht sich ein Teil des Lebenszyklus der Insekten. Verkürzt zusammengefasst legen Weibchen hier Eier ab, Larven schlüpfen und fressen, Männchen begatten Weibchen, die dann in eine zweite Pflanze wechseln und diese, wenn alles für die Feige gut läuft, mit dem Pollen der ersten befruchtet.

Auch die auf die Chinesische Feige spezialisierte Wespenart Eupristina verticillata profitiert davon, dass sie in den Blüten einen schützenden Lebensraum findet. Die Wespe hat sich im Zuge der Evolution in diese Symbiose eingekauft, indem sie zweierlei Arten von anatomischer Ausrüstung zum effizienten Transport der Feigenpollen entwickelt hat: Taschen im Brustbereich und kammartige Strukturen an den Vorderbeinen, in denen sich Pollen zum Bestäuben kilometerweit von Pflanze zu Pflanze fliegen lässt. Tatsächlich gibt es in den Feigen oft auch eine ähnliche Schwesterwespenart ganz ohne Pollentransportausrüstung, wie die Forscher beschrieben: Schummelwespen.

Schummelwespe in einer Ficus-microcarpa-Feige | Eine Eupristina-Wespe legt Eier in die Feigenblüte von Ficus microcarpa. Diese Wespenspezies ist ein Schummler: Sie lebt in der Feige und ernährt sich von ihr, sie bestäubt die Pflanze aber nicht, weil ihr die notwendigen anatomischen Merkmale zum Pollentransport fehlen.

Diese sind, wie Experimente von Peng und Co zeigen, den sehr nahe verwandten E.-verticillata-Feigenwespen im Indischen Lorbeer überlegen: Sie produzieren mehr Nachkommen, und zwar sowohl wenn sie allein eine Feige besiedeln als auch wenn sie sich mit E. verticillata eine Feige teilen. Offenbar kostet die Befruchtung der Feige Energie, die die schummelnde Wespenart anderweitig zur Verfügung hat, um ihre Fitness zu erhöhen. Die Symbiose zwischen Chinesischer Feige und ihrer bestäubenden Feigenwespe sollte demnach fragil und akut bedroht sein.

Fraglich bleibt, wie es dazu kommen konnte. Das Team um Peng vermutet, dass die Feige eine Rolle spielt. Offenbar fehlen ihr Mechanismen, schummelnde Wespen auf irgendeine Art zu sanktionieren. Dies ist bei gleich 15 anderen im Lebensraum der Chinesischen Feige wachsenden Feigengewächsen nicht so: Schummelnde Wespen gibt es hier auch, diese aber können sich aus verschiedenen Gründen deutlich weniger gut fortpflanzen als die echten Bestäuber. Bei der Chinesischen Feige ist dies verblüffend anders: Hier sind die Schummler überlegen, so dass sich die Frage stellt, warum es überhaupt noch ehrliche E.-verticillata-Feigenwespen gibt, schreiben die Forscher. Womöglich sind sie in manchen Situationen doch im Vorteil, etwa in bestimmten Mikrohabitaten oder unter besonderen saisonalen Bedingungen. Vielleicht entwickeln die Chinesischen Feigen gerade erst eine Möglichkeit, gegen die schmarotzende Schwesterart ihrer Bestäuber vorzugehen. Gelingt das nicht, so müsste der Indische Lorbeer eigentlich aussterben. Dies ist allerdings noch nicht abzusehen; und die Feige hat demnach wohl noch einen bislang unentdeckten Pfeil gegen die Schummelwespen im Köcher.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte