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Mustafa Kemal Atatürk: Übervater der Türken

Vor 80 Jahren starb der Mann, der aus den Trümmern des Osmanenreichs die moderne Türkei schuf. Atatürks rücksichtlose Reformen sollten die Einheit bringen - und spalten bis heute.
Statue von Mustafa Kemal Atatürk in Ulus, AnkaraLaden...

Der Aufstieg des Mustafa Kemal Pascha zum »Atatürk«, zum Vater der Türken, begann mit einer gewaltigen Fehleinschätzung. Es war kein anderer als der Sultan des Osmanischen Reichs selbst, Mehmed VI., der den Weltkriegshelden und Sieger von Gallipoli zu Hilfe rief, um Unruhen in Anatolien niederzuschlagen. Der Sultan jenes Reichs also, das zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs gehörte und dessen Überreste Kemal dereinst hinwegfegen und durch ein modernes Staatswesen ersetzen sollte.

Mehmed VI. gab ihm den Auftrag, im Hinterland von Samsun am Schwarzen Meer für Ruhe zu sorgen. Ab Ende April 1919 sollte er die von den westlichen Siegermächten – England, Frankreich, Italien – aufoktroyierten Bestimmungen des Waffenstillstands durchsetzen. Was folgte, war für den Sultan das Gegenteil von Ruhe. Kemal organisierte den Widerstand gegen den Osmanenherrscher, der dabei war, sein Land an auswärtige Mächte zu verschleudern. Innerhalb von nicht einmal einem Jahr hatte Mehmed VI. eine von Kemal angeführte Gegenregierung in Ankara am Hals, und weitere zweieinhalb Jahre später waren das mittelalterlich geprägte Osmanische Reich und das Sultanat Geschichte, Istanbul als Hauptstadt gefallen. Stattdessen gab es ein neues Land mit Namen »Türkiye Cumhuriyeti«, Republik Türkei.

Wer war dieser Mann, der die Türkei in einem atemberaubenden Tempo in die Moderne katapultierte, die Trennung von Kirche und Staat zum Verfassungsprinzip erhob und alles Religiöse und Islamische weitgehend aus dem öffentlichen Leben verbannte?

Eigentlich hätte der Sultan wissen sollen, dass es kein Freund seiner Regentschaft war, den er da nach Anatolien schickte. Kemal, 1880 oder 1881 als Sohn eines kleinen türkischen Beamten im damals noch zum Osmanischen Reich gehörenden Selânik (heute Thessaloniki) geboren, besuchte zunächst die örtliche Schule, ehe er sich mit zwölf Jahren heimlich an der militärischen Vorbereitungsschule bewarb. Mustafa, der sich dort durch gute Noten den Beinamen Kemal (»Vollkommenheit«) erworben hat, setzte nach bestandener Abschlussprüfung ab 1896 seine militärische Ausbildung an der Kadettenschule im westmakedonischen Manastir fort, wo er erstmals mit westlich orientierten Reformbestrebungen in Berührung kam. Wie an vielen anderen militärischen Ausbildungsstätten des damaligen Osmanischen Reichs herrschte auch an der höheren Militärschule in Manastir ein nationalrevolutionärer Geist, dem die Rückständigkeit und Fortschrittsfeindlichkeit der Sultane ein Dorn im Auge war. An der Schule herrschte militärischer Drill, dennoch fand er offenbar genügend Zeit für Lektüre. Er studierte Schriften europäischer Reformer und Revolutionäre: Montesquieu, Voltaire und Rousseau, eine Robespierre-Biografie und die Staatswirtschaftslehre von John Stuart Mill. Fasziniert von der Französischen Revolution und den Idealen der Aufklärung, wird ihm immer klarer, dass sich der »kranke Mann am Bosporus«, wie Europäer damals das Osmanische Reich spöttisch nannten, dem Westen gegenüber öffnen muss.

»Man muss das Gesindel hinwegfegen, das uns regiert. Die Türkei muss den Türken zurückgegeben werden«(Mustafa Kemal Atatürk)

1899 wechselt Mustafa Kemal an die Kriegsakademie von Konstantinopel. Sechs Jahre später findet er eine Anstellung im Kriegsministerium. Dort schließt sich der junge Hauptmann den »Jungtürken« an, einer Bewegung von nationalpatriotisch gesinnten Offizieren, die den Niedergang des Osmanischen Reichs aufhalten und das verkrustete System reformieren wollen – bleibt aber auf Distanz zu ihnen. Denn nicht die Reformierung des osmanischen Imperiums schwebt ihm vor und erst recht nicht die Vereinigung sämtlicher Turkvölker Asiens zu einem neuen Reich (»Turanismus«).

Nein, Mustafa Kemal hat eine andere, noch viel ehrgeizigere Vision: Er will einen ethnisch homogenen, europäisch ausgerichteten Nationalstaat – befreit von allem orientalischen Ballast, der die Türken daran hindere, ein Teil des Westens zu werden. Nicht der Islam, sondern der Nationalismus soll Identität stiften. Nicht auf dem Koran, sondern auf den Schriften der Aufklärung sollen die Leitlinien des Staats basieren.

1909 proben die Jungtürken erstmals den Aufstand – und haben Erfolg: Sie erreichen die Absetzung des absolut herrschenden Autokraten an der Spitze des Reichs. Auslöser der Revolte war das Unvermögen Sultans Abdülhamid II. (1876-1909), die aufkeimenden Nationalismen von Arabern, Albanern, Türken und Kurden unter Kontrolle zu bringen; seine Strategie, den Islam als politisches Schwert im Sinn eines Panislamismus zu nutzen, war nicht aufgegangen. Was in den Augen der Jungtürken aber noch viel schlimmer wog, war seine jahrzehntelange Reformverweigerung, mit der er sein Land weiter schwächte. Sucht man im Leben des Mustafa Kemal Atatürk nach einem Punkt, an dem in ihm der Entschluss für seine späteren Reformen reifte, dann ist es die Auseinandersetzung mit diesem Sultan.

Mustafa Kemal um 1925Laden...
Mustafa Kemal um 1925 | Das Tragen westlicher Kleidung war äußeres Zeichen seines Reformanspruchs.

Hoffnungen setzte man auf Abdülhamids Nachfolger. Sultan Mehmed V. der neue Mann am Bosporus. Doch auch dieser Repräsentant der Osmanendynastie entsprach nicht den Erwartungen der Modernisierer, da er ebenfalls in altem Denken verhaftet blieb und sich gegenüber politischer Neuerung verschloss. Hinzu kam, dass es er es ebenso wenig wie seine Vorgänger vermochte, der fortschreitenden Erosion des Imperiums Einhalt zu gebieten. Nacheinander musste das einst mächtige Osmanenreich territoriale Verluste hinnehmen. Zuerst auf dem Balkan, dann in Nordafrika und später im Orient. Zu innerer Stagnation und äußerem Souveränitätsverlust gesellte sich die zunehmende wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den europäischen Großmächten. Was Mustafa Kemal von der politischen Führung an der Hohen Pforte in Istanbul hielt, sagte er klar und deutlich: »Man muss das Gesindel hinwegfegen, das uns regiert. Die Türken müssen lernen, sich selbst zu führen, ohne fremde Wirtschaftshilfe und Einmischung. Die Türkei muss den Türken zurückgegeben werden.«

Die Gelegenheit dazu sollte er 1918 bekommen. Als Verbündeter des Deutschen Reichs hatte das Osmanische Reich den Weltkrieg verloren, doch Mustafa Kemal war aus der Niederlage als tragischer Held hervorgegangen. Er hatte als Divisionskommandant die Dardanellen erfolgreich gegen die britische Seestreitkraft verteidigt und war trotz mächtiger Widersacher in Politik und Militärapparat zum General aufgestiegen; außerdem hatte er für seinen Sieg den Ehrentitel »Pascha« erhalten. Doch militärisches Talent allein genügte nicht: Seine 7. Armee, an Ausrüstung, Material und technischem Knowhow hoffnungslos unterlegen, wurde von den Briten und Arabern bei Aleppo geschlagen, das Osmanische Reich streckte am 30. Oktober 1918 die Waffen.

Verlust der Souveränität

Dem militärischen Zusammenbruch folgte der Zerfall des Reichs. Im Waffenstillstandsabkommen von Mudros, an Bord der HMS Agamemnon vor der Insel Limnos unterzeichnet, mussten die Osmanen auf ihr gesamtes Reich mit Ausnahme Anatoliens verzichten. Die Westalliierten besetzten Istanbul und die Meerengen. Verloren waren Makedonien und Thrakien auf dem Balkan sowie die orientalischen Besitzungen Mesopotamien, Syrien und Palästina. Und schon war das türkische Kernland in Gefahr, von Minderheiten zerstückelt zu werden. Die Schwäche des Osmanenreichs weckte Begehrlichkeiten. Vor allem jenseits der Ägäis witterten die Griechen ihre Chance, das Großgriechenland der Antike wieder aufleben zu lassen. Sie hatten sich 1917 auf die Seite der westlichen Alliierten geschlagen und erhielten von diesen zur Belohnung die Erlaubnis, in Kleinasien einzumarschieren. Anfang 1919 besetzten die Hellenen die ägäische Hafenstadt Izmir. Noch bevor im Pariser Vorort Sèvres die Verhandlungen über einen Friedensprozess begonnen haben, landen im Mai 1919 griechische Truppen an der Westküste Anatoliens und dringen weiter nach Nordosten vor. Der Traum vieler griechischer Nationalisten scheint Realität zu werden. Auch die Armenier und die Kurden wittern Morgenluft und streben nach Unabhängigkeit.

Kemal, der am 30. Oktober aus der Armee ausgeschieden und nach Istanbul zurückgekehrt war, hoffte nun auf Veränderung unter dem neuen Sultan, Mehmed VI., der nach dem Tod seines Halbbruders Mehmed V. am 3. Juli 1918 die Herrschaft im Osmanischen Reich übernommen hatte. Doch auch mit diesem Sultan war kein neuer Staat zu machen, weil ihm einzig und allein daran gelegen war, mit Duldung der Siegermächte seinen Thron und sein übernationales Reich zu bewahren.

Ausgerechnet dieser »britischen Marionette« soll Kemal nun beim Machterhalt helfen. Vier Tage nach den Griechen landete er in der Stadt Samsun am Schwarzen Meer. Im Auftrag des Sultans soll er die gemäß der Waffenstillstandsbedingungen geforderte Entmilitarisierung des Landes durchführen und die 3. Armee entwaffnen. Doch der eigensinnige General denkt nicht im Geringsten daran, als Erfüllungsgehilfe der Siegermächte in die Geschichte einzugehen. Er sammelt stattdessen die Reste des Heers, versichert sich der Unterstützung einflussreicher Militärs, setzt sich an die Spitze einer nationalistischen Bewegung und organisiert gleichzeitig von Ostanatolien aus den nationalen Widerstand gegen die Hohe Pforte und das Invasionsheer der Griechen. Sein oberstes Ziel ist die Erhaltung der nationalen Einheit des Landes. »Organisieren sie Volksbewegungen«, befahl er seinen Untergebenen, kaum dass er in Anatolien angekommen war. »Veranstalten sie Versammlungen unter dem Motto ›Nationale Wiedergeburt‹; erheben sie bei den alliierten Mächten Protest gegen die Besetzung eines Gebiets durch die Griechen.« Unzählige solcher Aufrufe zirkulieren im ganzen Land.

Angesichts dieser Eigenmächtigkeit erhielt Kemal den Befehl, unverzüglich nach Istanbul zurückzukehren. Doch der dachte gar nicht daran und telegrafierte zurück: »Ich bleibe in Anatolien, bis die Nation ihre volle Unabhängigkeit zurückgewonnen hat.« Damit hatte er sich offen gegen den Sultan gestellt.

In der Folgezeit nimmt die nationale Widerstandsbewegung immer konkrete Formen an. Mustafa Kemal sammelt die Reste der geschlagenen Osmanenarmee um sich und organisiert den Befreiungskampf. Mit einer Flut von Telegrammen mobilisiert er seine Anhänger und Verbündeten. Das folgenschwerste, das als »Amasya-Zirkular« in die türkische Geschichtsschreibung eingegangen ist, verschickt er im Juni 1919. In ihm verkünden die Generäle, dass die Regierung in Istanbul ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen und deshalb die Unabhängigkeit der Nation in Gefahr sei. Zudem sei eine Nationalversammlung zu schaffen, »die gegen jede Beeinflussung geschützt und von jeder Kontrolle frei ist, um die Lage der Nation zu prüfen und vor der Welt die Geltendmachung ihrer Rechte zu Gehör zu bringen«. Hierzu lud man zu einem Kongress ins ostanatolische Erzurum. Auf diesem ersten türkischen Nationalkongress (27. Juli bis 7. August 1919) beschließen die Abgesandten die Bildung einer provisorischen Regierung und die Wiederherstellung der nationalen Einheit des Landes.

Die Autoren der Amasya-Proklamation gingen sehr geschickt vor. Sie wandten sich nicht ausdrücklich gegen die Regierung des Sultans, sondern beanspruchten, diese angesichts ihrer Schwäche zu vertreten. Unter der Nationalversammlung verstanden die Verfasser ein mehr oder weniger demokratisch legitimiertes Gremium, das vorläufig an die Stelle des vom Sultan aufgelösten Parlaments treten sollte. Am 11. September 1919 bildete Kemal eine Gegenregierung und stellte sich an die Spitze der türkisch-nationalen Bewegung. »Damit war das Tuch zwischen Istanbul und den in Anatolien kommandierenden Generälen endgültig zerschnitten«, erklärt der deutsche Orientalist und Turkologe Klaus Kreiser.

Retter der Nation

Am 23. April 1920 trat eine Nationalversammlung in Ankara zusammen, auf der Mustafa Kemal zum Vorsitzenden gewählt wurde. Wenige Tage später stand die provisorische Regierung mit ihm an der Spitze. Mehr als zwei Jahre lang gab es von da an zwei Regierungen: Die unter Kemal im abtrünnigen Ankara und die des Sultans in Istanbul.

Letzterer ist nur noch Erfüllungsgehilfe der Westmächte und längst nicht mehr Herr im eigenen Land. Am 10. August 1920 muss Mehmed VI. im Vertrag von Sèvres einem erniedrigenden Frieden zustimmen, in dem das 600 Jahre alte Osmanische Reich, das sich einst über drei Kontinente erstreckte, auf einen Rumpfstaat zurückgestutzt wird. Der Vertrag sieht vor, dass sämtliche arabischen Gebiete aus dem Osmanischen Reich ausscheiden, dass das verbliebene europäische Territorium sowie die Region um Izmir an Griechenland geht, dass ferner in Nordostanatolien ein armenischer Staat entsteht, südlich davon ein autonomes Gebiet der Kurden, und, nicht zuletzt, dass große Teile des restlichen Landes, darunter auch Istanbul, unter französische oder italienische Kontrolle gestellt werden. Was die Vertreter des Sultans im Pariser Vorort Sèvres unterzeichnen, bedeutet nicht weniger als die Zerschlagung des Osmanischen Reichs.

Tatsächlich aber ist der Vertrag schon bei der Unterzeichnung überholt: Noch während die Alliierten mit der Regierung in Istanbul verhandelten, schaffte das Gegenregime in Ankara Tatsachen, die den Friedensvertrag von Sèvres Makulatur werden ließen. Binnen weniger Monate gelang es Kemal, die Griechen von der kleinasiatischen Küste zu vertreiben – wobei er sich wenig rücksichtsvoll zeigte: Am 9. September 1922 richtete die türkische Armee bei der Einnahme von Izmir ein fürchterliches Massaker unter der griechischen Bevölkerung an.

Anıtkabir, Atatürk-Mausoleum bei AnkaraLaden...
Anıtkabir, Atatürk-Mausoleum bei Ankara | Das gewaltige Bauwerk ist Mausoleum, Nationaldenkmal und Museum zugleich.

Das blutige Ringen um die Bewahrung der nationalen Identität wird zum Katalysator für die Gründung der Republik – und Kemal zum Retter der Nation. Als siegreicher Organisator des Unabhängigkeitskriegs gelingt es dem energischen General, von den Siegermächten einen zweiten Frieden zu erzwingen. Im Friedensvertrag von Lausanne (1923) wird die drohende territoriale Zerstückelung von Sèvres rückgängig gemacht. Die Türkei erhält nun Anatolien und Ostthrakien. Weder von einem armenischen noch von einem kurdischen Staat ist im neuen Vertrag die Rede. Für Mustafa Kemal bedeutet Lausanne ein ungeheurer Prestigegewinn: Im Volk genoss der Sieger von Gallipoli fortan den Nimbus eines Helden, der selbst in der Niederlage den Westmächten erfolgreich die Stirn geboten und den Geist des nationalen Befreiungskriegs gegen eine Welt von Feinden entfacht hatte.

Kulturrevolution am Bosporus

Ende 1922 fühlte sich die Kemal-Regierung in Ankara stark genug, um zum Schlag gegen das alte Regime und die Anhänger des Propheten Mohammed auszuholen. Am 2. November beschloss die Große Nationalversammlung der Türkei, das neue Parlament des Landes, das Sultanat abzuschaffen. Mehmed VI., »Gottes Schatten auf Erden«, so ein Bestandteil seiner Titulatur, floh samt Familie und Verwandtschaft ins Exil. Um den Traditionsbruch nicht allzu radikal erscheinen zu lassen, ließ man das Amt des Kalifen, des Nachfolger Mohammeds, zunächst noch bestehen, das nach der Abdankung des Sultans auf dessen Cousin Abdülmecid II. überging.

Derweil forcierten die Reformer den Umbau des Staats. Am 29. Oktober 1923 erfolgten die Gründung der Türkischen Republik und die Wahl Mustafa Kemals zu ihrem Präsidenten durch die Nationalversammlung. Schließlich fiel auch die letzte Institution einer fast 1300 Jahre alten Tradition: Am 3. März 1924 verkündete die Nationalversammlung die Abschaffung des Kalifats. Ein Schock für die islamische Welt, für Mustafa Kemal aber erst der Anfang.

Der neugewählte Präsident, der in religiösen Fragen zum Agnostizismus neigte, ging nun daran, die türkische Gesellschaft nach westlichem Vorbild zu reformieren. Aus dem islamischen Universalreich der Osmanen sollte ein weltlicher Nationalstaat der Türken werden. Symbolische Akte waren dafür ebenso wichtig wie handfeste: Istanbul, das alte Konstantinopel und einstige Byzanz, wurde vollends degradiert. Ankara wurde zur neuen Hauptstadt und zur Keimzelle von Kemals Modernisierungsprogramm.

Seit Erdoğan das Sagen hat, bröckelt Atatürks Erbe: Der neue starke Mann am Bosporus macht sich daran, das Rad der Geschichte zurückzudrehen

Die Religion hatte bis dahin das Leben im Osmanischen Reich bestimmt. Mustafa Kemal änderte dies radikal. Die Abschaffung des Kalifats war ein erster Schritt auf dem Weg zu einem säkularen Staat. Mustafa Kemal ließ sämtliche Medresen und Scharia-Gerichtshöfe im Land schließen, an den Schulen wurde der Koranunterricht verboten. Er ersetzte die islamische Rechtsordnung durch europäisches Zivil- und Strafrecht, an die Stelle des islamischen Kalenders trat der gregorianische, und aus der Verfassung wurde der Islam verbannt: Ab 1928 war er nicht mehr Staatsreligion. Auch im Denken der Menschen sollte die neue Zeit Einzug halten. Mustafa Kemal kappte die kulturellen Verbindungen nach Arabien. Er verbot die Lektüre arabischer Literatur sowie orientalische Musik und Tänze, untersagte das Tragen muslimischer Kleidung außerhalb der Moscheen, schaffte den Fez ab und ersetzte diesen durch europäische Kopfbedeckungen. Jeder Türke musste fortan nach westlichem Brauch einen Familiennamen annehmen. Auch wurde der in islamischen Ländern gemeinhin am Freitag begangene arbeitsfreie Tag auf Sonntag verlegt und die als sakral empfundene arabische Schrift abgeschafft. Fortan schrieben die Türken im lateinischen Alphabet. Und auch der Schleier, das Erkennungsmerkmal der türkischen Frau, fiel. Atatürk proklamierte die Gleichstellung der Geschlechter, die gesellschaftliche und politische Emanzipation der Frau und gab ihr das aktive und das passive Wahlrecht.

Doch damit war der kemalistische Umbau des Staates noch längst nicht abgeschlossen. Parallel zur Entislamisierung des Landes trieb der große Volkserzieher seine Vision eines ethnisch homogenen Nationalstaats voran. Ein Volk, ein Land, eine Sprache – mit diesem Slogan forcierte Mustafa Kemal sein Programm eines einheitsstiftenden nationalistischen Türkentums. Hierzu setzte er eine Sprachkommission ein, die das zu zwei Dritteln aus persischen und arabischen Wörtern bestehende osmanische Türkisch von diesen »reinigen« sollte. Flankierend dazu schuf eine Geschichtskommission eine neue Vision türkischer Geschichte, in der das Osmanische Reich zur Marginalie innerhalb einer türkischen Nationalgeschichte degradiert werden sollte.

Die Schattenseiten seiner Kulturrevolution machen sich bis heute bemerkbar. Nach der Vorstellung des Republikgründers sollte die türkische Nation »eins und unteilbar« sein. Doch im Staatsgebilde traten bald Spannungen mit ethnischen Minderheiten auf. Separatistische Bestrebungen wie beispielsweise die der Kurden wurden brutal unterdrückt, ihre Angehörigen zwangsassimiliert. Rücksichtslos ließ Mustafa Kemal Armenier verschleppen und massakrieren, Kurden züchtigen und zu »Bergtürken« erklären – Maßnahmen, die noch im 21. Jahrhundert nachwirken und das Land bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.

Mustafa Kemal Atatürk hat seinen Platz in der Geschichte: Er schuf einen säkularen Staat nach westeuropäischem Vorbild, in dem der Laizismus die Staatsmaxime ist, der keinen Stellvertreter des Propheten Mohammed auf Erden mehr an seiner Spitze hatte, sondern einen Präsidenten. Eines war Atatürk bei alldem jedoch nicht: ein Demokrat. Er regierte mit diktatorischer Vollmacht und brach jeden Widerstand gegen seinen Fortschrittsglauben mit brachialer Gewalt. Wer sich dem autoritären Führer der Nation widersetzte, musste mit dem Schlimmsten rechnen – selbst wenn es nur um wirtschaftliche Fragen ging. Den oppositionellen Finanzexperten Djavid, der dafür plädierte, ausländische Investoren ins Land zu lassen, ließ er kurzerhand hängen. Er verstand sich selbst als ersten Zuchtmeister der Nation – und ließ sich ab 1934 offiziell »Atatürk«, Vater der Türken, nennen.

Mustafa Kemal Atatürk starb früh, am 10. November 1938 im Dolmabahçe-Palast, ausgerechnet in Istanbul, in der Metropole, die er entzaubert hatte, ausgerechnet in einem der Paläste des Sultans, den er gestürzt hatte. Seine Nachfolger lockerten zuweilen die politischen Zügel, demokratisierten das Land, erlaubten auch eine gewisse Reislamisierung und die Rückbesinnung auf die Traditionen. Was der Türkei wiederum Putsche bescherte und kriegsähnliche Zustände wie in Kurdistan. Atatürks langer Arm, er reicht noch immer über das Land. Im Guten wie im Schlechten.

Osmanischer Revisionismus

Am Erbe ihres Staatsgründers arbeitet sich die Türkei bis heute ab. Atatürk hat sein Land vor der territorialen Zerstückelung durch die alliierten Siegermächte bewahrt und als siegreicher Organisator des nationalen Befreiungskriegs die Griechen aus dem Land gejagt. Im Volk genießt der visionäre Gründer der modernen Türkei deswegen immer noch große Verehrung. Für radikale Islamisten jedoch ist der Modernisierer ein rotes Tuch, weil er etwas für sie Ungeheuerliches getan hat: Religion und Staat radikal zu trennen und die geistliche Macht der weltlichen unterzuordnen.

»Denkmal der Republik« auf dem Taksim in IstanbulLaden...
Denkmal der Republik auf dem Taksim in Istanbul | Das Denkmal auf Istanbuls berühmten Platz erinnert an die Gründung der Republik. Hier fanden 2013 auch die Demonstrationen gegen die türkische Regierung statt. Mit der Wahl dieses Orts brachten die Protestierenden ihre Kritik am antikemalistischen Kurs Erdoğans zum Ausdruck.

Doch seit in der Türkei Recep Tayyip Erdoğan das Sagen hat, bröckelt Atatürks Erbe. 90 Jahre nachdem der Staatsgründer den Sultan aus dem Land geworfen und das Kalifat abgeschafft hat, macht sich der neue starke Mann am Bosporus daran, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Ähnlich wie 1923 erlebt die Türkei einen gesellschaftlichen Umbruch – jedoch mit umgekehrten Vorzeichen. Erdoğan und seine islamorientierte Regierungspartei AKP betreiben den systematischen Rückbau des Kemalismus und erheben den Islamismus zu ihrer Leitideologie. Erdoğan selbst, der den Rechtsstaat untergraben und die Medien gleichgeschaltet hat, spricht von einer »neuen Türkei« und einer »frommen Generation«. Zwar wagt es der 12. Staatspräsident nicht, öffentlich Kritik am Republikgründer zu äußern, doch spätestens seit dem gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 hat der neue Sultan am Bosporus die Chance ergriffen, die laizistische Türkei Atatürks endgültig in Richtung einer Reislamisierung der Gesellschaft umzuformen.

Vor wenigen Monaten erst hat er die letzte Hürde genommen, die seinem Streben nach absoluter Macht noch im Weg stand. Am 9. Juli legte er vor dem Parlament in Ankara den Amtseid als Präsident ab. In der neuen Präsidialrepublik genießt Erdoğan fast so viel Macht wie einst die osmanischen Sultane, in deren Tradition er sich sieht und deren Herrschaft er zur Legitimierung jenes Systems verklärt, das er anstrebt: ein autoritär islamistisches Regime unter einem sultansgleichen Herrscher.

Mustafa Kemal Atatürk und Recep Tayyip Erdoğan – beide Präsidenten der Türkei könnten in ihrer politischen Ausrichtung nicht unterschiedlicher sein. Und dennoch haben sie vieles gemeinsam. Beide Staatsmänner, der laizistische Republikgründer und der neoosmanische Islamist, sind in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich, beide verfolgen ihre Ziele mit autoritären Mitteln. Und beide Staatspräsidenten, der erste und der zwölfte, eint ein Bild von der Geschichte ihres Landes, das nur entfernt mit der Realität übereinstimmt.

In wenigen Jahren, 2023, feiert die Türkei ihr 100-jähriges Bestehen. Man darf gespannt sein, welche Rolle der Gründer jenes Staates dann noch spielen wird.

46/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 46/2018

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