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News: Virale Fingerabdrücke bei Schizophrenie-Patienten

Mikroorganismen wie Viren und Bakterien, die heimlichen Herrscher der Welt, haben bei vielen Krankheiten ihre Finger mit im Spiel. Nun gibt es einen direkten Hinweis auf die Beteiligung von Retroviren bei Schizophrenie: Untersuchungen von Rückenmarksflüssigkeit Erkrankter offenbart bei einem Drittel von ihnen Spuren eines aktiven Virus. Das Virus aus der Familie der endogenen Retroviren scheint zwar schon seit Millionen von Jahren im humanen Genom integriert zu sein, verhält sich aber normalerweise unauffällig. Möglicherweise hängt seine ungewohnte Aktivität mit dem Ausbruch der Krankheit zusammen.
Ein halbes bis ein Prozent der westeuropäischen Bevölkerung leidet an schizophrenen Erkrankungen, die sich meist bis zum dreißigsten Lebensjahr manifestieren. Männer und Frauen sind von den so genannten endogenen Psychosen, nicht zu verwechseln mit multipler Persönlichkeit, etwa gleich stark betroffen. Genetische Veranlagungen sowie psychosoziale Faktoren und eine Hypersensibilität der Dopamin-Rezeptoren im Gehirn galten bislang als mögliche Auslöser. Die Symptome sind sehr unterschiedlich. Während manche Patienten in einer Wahnwelt leben und den Bezug zur Realität verlieren, hören andere Stimmen, deren Befehle sie Folge leisten müssen. Gemeinsam sind ihnen die emotionale Zurückgezogenheit von anderen Menschen und unkontrollierte Gefühlsausbrüche.

Dass Viren bei psychischen Erkrankungen ihre Finger mit im Spiel haben könnten, zeigte sich bereits bei Patienten mit Depressionen. Im Patientenblut konnte ein Virus nachgewiesen werden, dass allerdings nur bei Krankheitsschüben aktiv ist. Auf der Suche nach viralen Spuren wurde ein Forschungsteam der Stanley Division of Developmental Neurovirology auch bei Schizophrenie-Patienten fündig. Sie untersuchten die Rückenmarksflüssigkeit von 35 diagnostizierten Patienten auf virale Erbinformation und verglichen die Ergebnisse mit Gesunden. Bei 29 Prozent der Erkrankten, die sich gerade in einer akuten Phase befanden, und bei immerhin sieben Prozent mit chronischer Schizophrenie fand das Team um Robert Yolken retrovirale "Fingerabdrücke". Im Vergleich hierzu zeigte kein gesunder Beteiligter virale Spuren.

Anders als HIV und andere Retroviren sind endogene Retroviren seit vielen Millionen Jahren ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Genoms und verhalten sich hier völlig unauffällig. Doch in manchen Fällen scheint das endogene Retrovirus HERV-W aktiv zu werden und Kopien seiner Erbinformation anzufertigen. Diese Kopien befinden sich neben der Rückenmarksflüssigkeit auch im Gehirn, doch welche Aufgabe sie erfüllen, ist bislang unklar. Auch der Grund für die plötzliche Aktivität liegt noch im Dunkeln. "Unsere letztliche Hoffnung ist es, dass wir das Virus daran hindern können, aktiv zu werden", sagte Yolken. Wenn das gelänge, könnten die behandelnden Ärzte vielleicht auf eine neue Therapie zurückgreifen. Allerdings nicht bei allen Schizophrenie-Patienten, denn das Virus scheint nicht immer beteiligt zu sein.

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