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Hypersexualität: Wann die Lust zur Last wird

Über Jahrhunderte hinweg war die Wollust als Laster verschrien. Heute sind wir stolz auf eine sexuell offene Gesellschaft. Doch was, wenn der sexuelle Drang stärker wird, als einem lieb ist?
Ein Paar küsst sich sinnlich beim Vorspiel

Wer die Bibel für eine prüde und lustfeindliche Lektüre hält, sollte dringend das Hohelied Salomos aufschlagen: prickelnde Erotik, acht Kapitel lang. »Lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen«, heißt es da, »dass wir früh aufbrechen zu den Weinbergen und sehen, ob der Weinstock sprosst und seine Blüten aufgehen, ob die Granatbäume blühen. Da will ich dir meine Liebe schenken.«

Sicher, vieles an restriktiver Sexualmoral geht ebenfalls auf biblische Verse zurück. Schließlich hatte die Ehe zu alttestamentarischen Zeiten noch eher den Charakter einer wirtschaftlichen Gemeinschaft. Körperliche Gelüste hatten sich da unterzuordnen. Viele der traditionellen Schutzvorschriften wirken heute überholt, geradezu absurd. Was soll schon verwerflich daran sein, das sexuelle Verlangen in vollen Zügen zu genießen – wechselseitiges Einvernehmen natürlich vorausgesetzt? Sex ohne Verlobung, während der Regel, gleichgeschlechtlich oder ganz allein: All das sollte im Europa des 21. Jahrhunderts kein Problem mehr sein. Kurz gesagt: Keine der sieben Todsünden der christlichen Glaubenslehre wirkt derart aus der Zeit gefallen wie die Wollust.

Serie »Die sieben Todsünden«

Stolz, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Trägheit – das sind in der christlichen Glaubenslehre die sieben Todsünden. Dabei ist der Begriff »Todsünde« im Grunde irreführend, denn gemeint sind eigentlich sieben Laster, die Menschen erst zu Sündern werden lassen. Auf »Spektrum.de« stellen wir alle sieben Todsünden unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten vor.

Teil 1: Dürfen wir stolz sein?
Teil 2: Bloß nicht ausrasten!
Teil 3: Die Kirschen in Nachbars Garten
Teil 4: Wann Lust zur Last wird

Doch nur weil ein ausschweifendes Sexualleben heutzutage nicht mehr unbedingt als Laster gilt, heißt das nicht, dass es nicht trotzdem für manche zur Last werden kann. Der Psychologe Jannis Engel bietet an der Medizinischen Hochschule Hannover einen Beratungsdienst speziell für Menschen mit hypersexuellem Verhalten an. Die suchen seine Sprechstunde aus ganz unterschiedlichen Gründen auf: »Zu mir kommen beispielsweise Männer, die das Gefühl haben, zu viele Pornos zu konsumieren«, erzählt er. Oft habe er es auch mit heterosexuellen Paaren zu tun, bei denen bezüglich der Lust ein Missverhältnis herrsche – und die Frau sich von dem starken sexuellen Appetit ihres Partners überfordert fühle. »Kürzlich hatte ich einen Klienten, der fünf Stunden am Tag masturbierte«, erzählt Engel. »Jede freie Minute verwendete er auf sexuelle Aktivitäten und vernachlässigte darüber seine Familie. Letztlich trennte sich seine Frau von ihm.«

Doch wie viel Sex ist eigentlich zu viel Sex? Der US-amerikanische Psychiater Martin Kafka hat auf diese Frage eine überraschend eindeutige Antwort parat: Wer als Mann regelmäßig mindestens sieben Orgasmen pro Woche erlebt, sei möglicherweise hypersexuell. Derartig umtriebig sei nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung, hätten die Erhebungen seiner Forscherkollegen ergeben. Abgesehen davon, dass sich Kafka über hypersexuelle Frauen weitestgehend ausschweigt: Es erscheint fraglich, eine Störung vordergründig an der schieren Häufigkeit festzumachen. Schließlich gibt es auch Menschen mit einem ausschweifenden Sexualleben, die ihre Passion problemlos in ihren Alltag integrieren.

Bislang ist »Sexsucht« keine anerkannte Störungskategorie. Zwar kennt das Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation ICD-10 ein »gesteigertes sexuelles Verlangen«, aber die Kategorie bleibt vage, Diagnosekriterien werden keine aufgestellt. Martin Kafka schlug 2010 für die Neuauflage des US-Diagnosehandbuchs DSM klare Kriterien für eine »hypersexuelle Störung« vor. Seine Definition erinnert ein wenig an die der stoffgebundenen Süchte, etwa nach Alkohol oder Drogen. Laut Kafka verwenden Hypersexuelle über ein halbes Jahr hinweg sehr viel Zeit auf sexuelle Aktivitäten, schaden damit sich selbst oder ihren Mitmenschen und versuchen oft erfolglos, ihr Verhalten einzuschränken. Er scheiterte jedoch mit seinem Vorstoß. Auch in der fünften Fassung des DSM sucht man vergeblich nach dieser Störung – anscheinend war sie nicht ausreichend durch empirische Daten gestützt. Kafkas Idee war von Anfang an umstritten: Die vorgeschlagene Diagnose spiegele lediglich die gegenwärtigen Moralvorstellungen der Gesellschaft wider, gaben Kritiker zu bedenken. Ihre Befürchtung: Mit dem neuen Störungsbild könnte ebenso gesundes Sexualverhalten unnötig pathologisiert werden.

Die Sorge ist nachvollziehbar. Denn Medizin und Psychologie waren nicht immer frei von lustfeindlichen Impulsen. Durch ihre Geschichte ziehen sich zahlreiche Versuche, selbst harmloses Sexualverhalten zu problematisieren. Der Schweizer Arzt Samuel Auguste Tissot (1728-1797) startete im 18. Jahrhundert einen Feldzug gegen die »Selbstbefleckung«. Seiner Ansicht nach war der Verlust einer halben Unze männlichen Samens so schädlich wie der von 40 Unzen Blut. Sein Therapieansatz wirkt aus heutiger Sicht geradezu bizarr. Im Vorwort seiner Schrift »De l'Onanisme« heißt es in Versform: »Wenn schnöde Wollust dich erfüllt / So werde durch ein Schrökenbild / Verdorrter Todenknochen / Der Küzel unterbrochen.«

Selbst im 20. Jahrhundert betrachteten noch viele Ärzte Enthaltsamkeit als Bestandteil eines gesunden Lebenswandels. Die Homosexualität verschwand sogar erst 1992 endgültig aus den Störungshandbüchern. Zuvor wandten Kliniker brachiale Methoden an, um zu heilen, wo es nichts zu heilen gab – inklusive chemischer Kastration, Lobotomie und psychologischer Aversionstherapie.

Für Frauen und Männer gelten ungleiche Standards

Auch jenseits von Krankenhäusern und Arztpraxen wird normabweichendes Sexualverhalten häufig zum Problem erklärt. Pikant ist, dass hier für Frauen und Männer oft unterschiedliche Standards gelten: Wer sich als Mann ausschweifenden sexuellen Abenteuern hingibt, den adeln Freunde gern zum Casanova oder Don Juan. Frauen hingegen gelten dann schnell als Schlampe – für sie geziemt sich das angeblich weniger.

Der Soziologe Ira Reiss untermauerte diesen Effekt in den 1960er Jahren mit einer Reihe von Studien. Die Teilnehmer werteten vorehelichen Verkehr bei Männern als durchaus akzeptabel, während sie Frauen für dasselbe Verhalten eher verurteilten. Nun, mehr als 50 Jahre später, haben sich die gesellschaftlichen Normen freilich verändert: Sex ohne Heirat ist längst kein Tabu mehr. In einigen Bereichen hält sich die »sexuelle Doppelmoral« dennoch hartnäckig: Die Sozialwissenschaftler Derek Kreager und Jeremy Staff von der Pennsylvania State University analysierten 2009 eine umfassende Stichprobe mit den Daten von mehr als 90 000 US-Jugendlichen. Es zeigte sich: Jungen, die sich mit bis zu acht oder mehr Sexpartnern rühmten, waren bei ihren Mitschülern deutlich beliebter. Bei Mädchen zeichnete sich ein umgekehrtes Bild ab. Diese wurden mit ein oder zwei bisherigen Liebhabern am ehesten akzeptiert – hatten sie mehr, war ihre Popularität geringer.

Männer haben häufiger Probleme mit hypersexuellem Verhalten als Frauen: Je nach Studie beträgt das Geschlechterverhältnis etwa 2 : 1

Ein exzessives Sexleben wird bei Männern offenbar weitaus eher toleriert. Gleichzeitig haben sie aber häufiger Probleme mit hypersexuellem Verhalten als Frauen: Je nach Studie beträgt das Geschlechterverhältnis etwa 2 : 1. Manchmal ist das Ungleichgewicht auch noch stärker ausgeprägt. Die Ursachen dafür sind bisher ungeklärt. Ohnehin ist wenig über die Sexsucht bekannt. Jannis Engel will das ändern: Neben seiner Sprechstundentätigkeit betreut er zusammen mit seinem Hannoveraner Team ein aufwändiges Forschungsprojekt. »Die Probanden verbringen bei uns einen ganzen Tag im Labor, die Fragebögen noch nicht mit eingerechnet«, erzählt Engel. Unter anderem untersucht das Team, wie sich Sexsucht im Gehirn zeigt – und sich auch in unwillkürlichen Prozessen äußert. Für einen Aufmerksamkeitstest mussten die Teilnehmer zum Beispiel Bilder am Monitor mit Hilfe eines Joysticks bewegen. Die Bilder sollten je nach Aufgabenstellung so schnell wie möglich herein- oder herausgezoomt werden. »Handelte es sich um ein erotisches Bild, zogen die hypersexuellen Probanden es schneller heran und schoben es langsamer weg«, so Engel. Dabei handelte es sich offensichtlich um spontane Reaktionen, die so schnell abliefen, dass sie sich einer bewussten Kontrolle entzogen: »Wenn die Hypersexualität schon klinisch relevant ist, zeigt sich das nicht nur im willentlichen Bereich, sondern ebenfalls in den unwillkürlichen Bewegungsabläufen.«

Masturbieren als Bewältigungsstrategie

Das könnte erklären, warum es den Betroffenen oftmals so schwer fällt, ihr sexuelles Verlangen im Zaum zu halten. In den Fragebögen zeigten sich aber noch andere Auffälligkeiten bei den hypersexuellen Teilnehmern: Sie waren beispielsweise häufiger von Hyperaktivität und depressiven Symptomen betroffen. Außerdem hatten sie Probleme, ihre eigenen Gefühle zu identifizieren und zu benennen. »Die Betroffenen sind auch schlechter darin, ihre Emotionen zu regulieren. Einige benutzen die Sexualität dann unter anderem als Bewältigungsstrategie, um negativen Emotionen entgegenzuwirken«, sagt Engel. »Offenkundig löst Masturbieren die Probleme jedoch nicht.«

»Das Thema Hypersexualität gewinnt gesellschaftlich an Relevanz: Das Internet spielt in unserem Alltag eine immer größere Rolle«, resümiert der Forscher. »Einerseits ist es toll, dass verschiedenste Vorlieben so einfach bedient werden können. Andererseits bringt diese ständige Verfügbarkeit manchmal Probleme mit sich.«

Dass einige Menschen Schwierigkeiten mit ihrer überbordenden Libido haben, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Sexualtrieb für die meisten Menschen eine Quelle für unerschöpflichen Genuss ist. Dafür sprechen übrigens auch die nackten Zahlen: Niklas Långström und seine Kollegen untersuchten in einer repräsentativen Studie mit knapp 2500 Teilnehmern den Zusammenhang zwischen Sex und Wohlbehagen. Eine Untergruppe, die von hypersexuellen Symptomen erzählte, hatte tatsächlich mit mehr Problemen zu kämpfen: Diese Teilnehmer klagten häufiger über Geschlechtskrankheiten, führten instabilere Beziehungen und haderten eher mit ihrem psychischen Zustand. Doch für die übrigen Teilnehmer galt das genaue Gegenteil: Je mehr Sex, desto zufriedener waren sie mit ihrem Leben. Wie auch immer das Rezept für ein erfülltes Dasein also lautet: Eine üppige Portion Wollust gehört anscheinend dazu.

37/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37/2018

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