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Covid-19: Erste Therapien gegen den Geruchsverlust

Das Coronavirus raubt manchen Infizierten ihren Geruchs- und Geschmackssinn – teils für immer. Wie, wird langsam verstanden. Das liefert Ideen für Behandlungen, von denen einige bereits klinisch erprobt werden.
Frau mit Maske riecht an einer Blume
Nach einer Covid-19-Erkrankung leiden etliche Menschen unter einem Verlust ihres Geruchs- und Geschmackssinns. (Symbolbild)

Einst war sie das verräterische erste Anzeichen für Covid-19, doch mit der fortschreitenden Weiterentwicklung des Virus tritt sie immer seltener auf: die Geruchsstörung. »Unsere Posteingänge sind nicht mehr so überfüllt wie früher«, sagt Valentina Parma, Psychologin am Monell Chemical Senses Center in Philadelphia, Pennsylvania, die in den ersten beiden Jahren der Pandemie dabei half, die zahlreichen verzweifelten Anfragen der Patientinnen und Patienten zu bearbeiten.

Endlich beginnen Forschende zu verstehen, wie das Coronavirus den Infizierten ihren Geruchs- und Geschmackssinn raubt – teils vorübergehend, teils für immer. Außerdem werden eine Vielzahl möglicher Behandlungen derzeit klinisch erprobt, um die Krankheit zu bekämpfen, darunter solche, für die es Steroide und Blutplasma braucht.

Für eine im Mai 2022 veröffentlichte Studie hat ein Team 616 318 Personen in den Vereinigten Staaten untersucht, die an Covid-19 erkrankt waren. Dabei stellte sich heraus, dass bei denjenigen, die sich mit der Alpha-Variante – der ersten Besorgnis erregenden Mutation des Virus – angesteckt hatten, die Wahrscheinlichkeit einer chemosensorischen Störung im Vergleich zu denjenigen, die mit dem ursprünglichen Virus infiziert waren, um 50 Prozent höher lag. Bei der späteren Delta-Variante sank diese Wahrscheinlichkeit auf 44 Prozent und bei der derzeitig vorherrschenden Omikron-Variante sogar auf nur noch 17 Prozent.

Es gibt allerdings nicht nur gute Nachrichten: Ein beträchtlicher Teil der Menschen, die zu Beginn der Pandemie infiziert waren, leidet noch immer unter chemosensorischen Auswirkungen der Erkrankung. Für eine Studie aus dem Jahr 2021 wurden 100 Personen, die sich mit Covid-19 infiziert hatten, und 100 Personen, die wiederholt negativ getestet worden waren, beobachtet. Mehr als ein Jahr nach ihrer Infektion berichteten 46 Prozent der Covid-19-Infizierten weiterhin von Problemen mit ihrem Geruchssinn; im Gegensatz zu zehn Prozent der Kontrollgruppe, die aus anderen Gründen einen Geruchsverlust entwickelt hatten. Darüber hinaus konnten am Ende des Jahres noch immer sieben Prozent der vormals Infizierten überhaupt nicht riechen. Bei einem solchen Totalausfall des Geruchssinns spricht man auch von einer Anosmie. Berücksichtigt man nun, dass weltweit mehr als 500 Millionen Covid-19-Fälle bestätigt wurden, haben wahrscheinlich mehrere zehn Millionen Menschen auch nach Abklingen der Infektion anhaltende Geruchsprobleme.

Für sie kann Hilfe nicht früh genug kommen. Vormals selbstverständliche Dinge wie das Schmecken von Lebensmitteln oder das Riechen an Blumen sind jetzt »wirklich emotional belastend«, sagt Parma.

Zellkerne sind in Unordnung

Ein besseres Verständnis davon, wie Sars-CoV-2 diese Störung verursacht, dürfte dazu beitragen, bessere Therapien für die Krankheit zu entwickeln. Zu Beginn der Pandemie hatte eine Studie gezeigt, dass das Virus spezielle Zellen, so genannte sustentakuläre Zellen, in der Nase angreift. Sie unterstützen die Neurone, die für die Geruchswahrnehmung zuständig sind, und versorgen sie mit Nährstoffen.

Seitdem mehren sich die Hinweise darauf, was mit den Geruchsneuronen nach der Infektion geschieht. Einige Forscher, darunter der Biochemiker Stavros Lomvardas von der Columbia University in New York, untersuchten Personen, die an Covid-19 gestorben waren. Sie stellten fest, dass deren Neurone zwar intakt waren, diese jedoch weniger membranumhüllte Rezeptoren zur Erkennung von Geruchsmolekülen besaßen als üblich.

Der Grund: Die Zellkerne der Neurone waren durcheinandergebracht worden. Normalerweise sind die Chromosomen in diesen Kernen in zwei Teilbereiche gegliedert. Diese Anordnung ermöglicht es den Neuronen, spezifische Geruchsrezeptoren in hoher Konzentration auszubilden. Doch als das Team die Neurone in Autopsien untersuchte, »war die Kernarchitektur nicht wiederzuerkennen«, sagt Lomvardas.

Andere Studien deuten darauf hin, warum nur manche Menschen einen langfristigen Geruchsverlust erleiden. Im Januar 2022 berichtete ein Forscherteam, dass es bei Menschen eine genetische Mutation gefunden hatte, die mit einer stärkeren Neigung zu Geruchs- oder Geschmacksverlust zusammenhängt. Die Mutation – eine Veränderung an einer einzigen Base der DNA – wurde in zwei sich überschneidenden Genen gefunden, UGT2A1 und UGT2A2. Beide erzeugen Proteine, die Geruchsmoleküle aus den Nasenlöchern wieder entfernen, nachdem sie wahrgenommen wurden. Es ist jedoch noch nicht klar, wie Sars-CoV-2 mit diesen Genen interagiert.

Andere Untersuchungen deuten auf dauerhafte Veränderungen im Gehirn der Menschen mit Geruchsverlust hin. In einer im März 2022 veröffentlichten Studie wurde das Gehirn von 785 Personen im Vereinigten Königreich zweimal gescannt. Etwa 400 Personen hatten sich zwischen den Scans mit Covid-19 infiziert. Die Forschenden konnten also die strukturellen Veränderungen direkt beobachten. Jene, die Covid-19 überstanden hatten, wiesen mehrere Veränderungen auf, darunter Marker für Gewebeschäden in Bereichen, die mit dem Geruchszentrum des Gehirns verbunden sind. Es ist nicht klar, warum dies der Fall ist, aber eine Erklärung könnte der Mangel an eingehenden Informationen sein. »Wenn der Input aus der Nase nicht im Gehirn ankommt, verkümmern die dort zuständigen Bereiche«, sagt Danielle Reed, ebenfalls Genetikerin bei Monell in Philadelphia. »Das ist eine der sichersten Informationen, die wir über Geschmack und Geruch haben.«

Behandlungen in der Testphase

In der Zwischenzeit werden zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten erforscht, häufig in kleinen klinischen Studien. Noch sind diese Therapien aber in der Frühphase, so dass die meisten Wissenschaftler vorerst nur ein Geruchstraining empfehlen. Dabei erhalten die Patienten Proben von stark riechenden Substanzen, an denen sie riechen sollen. Dann sollen sie versuchen, sie zu identifizieren, um die Weitergabe der Geruchssignale zu fördern. Diese Methode scheint Reed zufolge jedoch nur bei Menschen mit partiellem Geruchsverlust zu funktionieren. Und Valentina Parma ergänzt: Sie helfe demnach etwa einem Drittel der Menschen, die nach Covid-19 mit einer chemosensorischen Störung zu kämpfen haben.

Um Behandlungsmöglichkeiten für alle anderen zu finden, forschen viele Teams mit entzündungshemmenden Steroiden. Es ist bekannt, dass Covid-19 umfangreiche Entzündungsreaktionen auslöst, was bei der Störung des Geruchsempfindens eine Rolle spielen dürfte. Theoretisch könnten Steroide also helfen – in der Praxis waren die Ergebnisse bisher jedoch enttäuschend. In einer Studie aus dem Jahr 2021 zum Beispiel bekamen 100 Menschen mit Post-Covid-Anosmie ein Geruchstraining. 50 von ihnen erhielten zusätzlich ein Nasenspray mit dem Steroid Mometasonfuroat, während die anderen 50 Probanden als Kontrollgruppe dienten. Es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

Plättchenreiches Plasma gilt als weitere therapeutische Möglichkeit. Es wird aus dem eigenen Blut der Patienten hergestellt und ist reich an biochemischen Stoffen, die die Heilung fördern könnten. Eine im Jahr 2020 veröffentlichte Pilotstudie untersuchte sieben Patienten, denen plättchenreiches Plasma in die Nase injiziert wurde. Bei fünf von ihnen trat nach drei Monaten eine Besserung ein. Auch eine im Februar 2022 erschienene Vorabveröffentlichung stellte bei 56 Personen fest, dass plättchenreiches Plasma die Geruchsempfindlichkeit erhöht. Dies sind jedoch »wirklich niedrige Zahlen«, gibt Carl Philpott zu bedenken, ein Nasen- und Nebenhöhlenspezialist an der University of East Anglia im englischen Norwich. Ein US-amerikanisches Team hat nun eine größere Studie in Angriff genommen.

Im Gegensatz zu den Covid-19-Impfstoffen, die auf Grund der enormen staatlichen Unterstützung mit beispielloser Geschwindigkeit entwickelt und getestet wurden, kommen die Behandlungen für die chemosensorischen Störungen, die nach Covid-Erkrankungen auftreten, nur schleppend voran. Philpott befindet sich in der Anfangsphase einer kleinen Studie zu Vitamin A, das früheren Experimenten zufolge auch bei anderen Formen des Geruchsverlustes helfen könnte. »Die Studie wird den Rest dieses Jahres in Anspruch nehmen, und wir werden wahrscheinlich bis Mitte 2023 brauchen, um die Daten zu analysieren und einen Bericht zu erstellen«, sagt Philpott. »Wenn wir eine positive Auswirkung feststellen, wird unsere nächste Aufgabe darin bestehen, weitere Mittel zu beantragen, um eine umfassendere Studie durchzuführen.«

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