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Gletscher: Was 2015 einen gewaltigen Tsunami auslöste

Vor wenigen Jahren gab es in einem Fjord in Alaska einen gewaltigen Tsunami. Die Wellen schlugen über 100 Meter hoch. Jetzt ist klar, was die Fluten auslöste.
Eine brechende Welle im Vordergrund, im Hintergrund, durch die Gischt erkennbar, ein Hügelrücken mit dunklem Tann'.

Zum Glück war niemand vor Ort: Am 17. Oktober 2015 stürzten 180 Millionen Tonnen Fels in den Taan-Fjord Alaskas. Die gewaltige Masse verdrängte das Wasser im Tal, weshalb sich ein riesiger Tsunami aufbaute. Bis zu 193 Meter hoch schlugen die Flutwellen an den Hängen des Tals hinauf, wie eine Untersuchung von Michael Loso vom National Park Service und seinem Team in »Scientific Reports« darlegt. Der laut der Studie viertgrößte bekannte Tsunami der letzten 100 Jahre hat tausende Bäume abrasiert und massive Gesteinsbrocken verlagert, aber wohl keinem Menschen geschadet, da er sich in einer abgelegenen Region ereignete.

Sehr wahrscheinlich war der Tsunami eine Folge des Klimawandels. »Vor 30 bis 40 Jahren hat es den Taan-Fjord noch gar nicht gegeben – das Tal war mit Eis gefüllt«, berichtete der beteiligte Wissenschaftler Dan Shugar von der University of Washington in Tacoma gegenüber der »Washington Post«. Seitdem zog sich der Tyndall-Gletscher jedoch um 17 Kilometer zurück, zugleich verringerte sich die Mächtigkeit der Eiszunge um 400 Meter. Im Jahr 1991 stabilisierte sich der Gletscher zwar wieder auf seiner jetzigen Position, doch im neu entstandenen Tal fehlte die stabilisierende Stütze durch das Eis.

An jenem 17. Oktober gab dann nach Angaben der Forscher eine Wand direkt an der aktuellen Gletscherfront nach und rutschte mit hoher Geschwindigkeit (mehr als 160 Kilometer pro Stunde) in den Fjord – wobei ein Teil des Hangs auch auf das Eis prasselte. Ob es einen finalen Auslöser für den Felssturz gab, ist unklar: Zwei Minuten vor dem Ereignis bebte 500 Kilometer entfernt die Erde mit einer Stärke von 4,1; unklar ist jedoch, ob die seismischen Wellen letztendlich den Kollaps bewirkten. Datenvergleiche deuten darauf hin, dass der Hang schon zuvor langsam in Bewegung war; eindringendes Wasser könnte ebenfalls das Abrutschen erleichtert haben. In der Region habe es im September und Oktober 2015 leicht überdurchschnittlich viel geregnet, so die Studie.

Das Gesteinspaket verdrängte jedenfalls das Wasser im Fjord und löste Tsunamis aus, die mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde den Fjord hinunterrasten. Die Flutwellen schlugen die engen Seiten des Tals hoch und überspülten kleinere Inseln. Selbst am Ende des Fjords erreichten sie noch Höhen zwischen 10 und 30 Metern. Erst als die Fluten ins offene Meer strömten, verteilten sich die Wassermassen so stark, dass sie nicht mehr vom normalen Wellengang zu unterscheiden waren. Mit welcher Wucht die Tsunamis im Tal auf das Land trafen, zeigen Steine, die wie Pistolenkugeln in das Holz der Bäume geschossen wurden. An manchen Stellen lagerten die Fluten Gesteinsmaterial fünf Meter dick ab.

Derartige Tsunamis kommen in Alaska immer wieder vor. Am berühmtesten ist wahrscheinlich das Ereignis von 1958 in der Lituya Bay, wo das Wasser sogar 550 Meter weit die Hänge hochraste. Drei Fischerboote waren damals vor Ort, wie durch ein Wunder wurde nur eines davon versenkt. Für die Zukunft fürchten Shugar und Co noch mehr derartige Naturkatastrophen. Denn je mehr sich die Gletscher zurückziehen, desto mehr Täler verlieren ihr Widerlager, so dass ihre Hänge instabil werden. 2017 beispielsweise zerstörte eine bis zu 90 Meter hohe Welle den grönländischen Ort Nuugaatsiaq, wobei vier Menschen starben. 20 Kilometer von der Siedlung entfernt war ein Fels ins Meer gestürzt. Es wird wohl nicht der letzte Vorfall gewesen sein.

37/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37/2018

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