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News: Wer gibt, dem wird gegeben

Wenn viele auf eine gemeinsame Ressource zugreifen, dann werden über kurz oder lang manche versuchen, sich auf Kosten der anderen zu bereichern. Der einzige Ausweg aus dieser Misere scheint zu sein, die Abweichler direkt zu bestrafen. Evolutionsbiologen bieten nun einen alternativen Weg aus der Einbahnstraße an: Ihre Experimente zeigen, dass ein Gemeinschaftsgut dann kooperativ bewirtschaftet wird, wenn die Art und Weise, wie das Gut genutzt wird, mit dem Ruf des Nutzers verknüpft wird. Gelingt das, wirft die Gemeinschaftsressource für alle Nutzer hohen Gewinn ab.
Wenn Personen, Gruppen oder Staaten frei sind, eine gemeinschaftlich bewirtschaftete Ressource übermäßig zu nutzen, dann tun sie das in der Regel auch. Dieses als Tragedy of the Commons oder Allmende-Klemme bekannte Problem wird von Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaftlern seit Jahrzehnten und neuerdings auch von Evolutionsbiologen intensiv untersucht.

Üblicherweise wird die Allmende-Klemme mithilfe des Public-Goods-Spiel untersucht: Dabei erhalten beispielsweise vier Teilnehmer jeweils ein Startkapital von fünf Euro. Sie können entscheiden, ob sie davon etwas in einen Gemeinschaftstopf investieren wollen, indem sie einen Betrag bis zu fünf Euro ohne Diskussion in einen Umschlag stecken. Der Versuchsleiter sammelt die Umschläge ein, verdoppelt die Gesamtsumme der Beiträge und verteilt das Geld wieder gleichmäßig auf alle vier. Die Mitspieler würden dann den höchsten Ertrag erwirtschaften, wenn jeder seine fünf Euro vollständig einzahlt und dann – verdoppelt – zehn Euro ausbezahlt bekommt.

Rationaler und ökonomischer wäre es allerdings, nichts abzugeben und darauf zu bauen, dass die anderen einzahlen und man davon profitieren kann. Von jedem Euro, den man nämlich selbst einzahlt, erhält man nur einen halben Euro zurück. Denn dieser wird verdoppelt und dann auf die vier Teilnehmer verteilt. Das, was jeder von den anderen bekommt, ist unabhängig von der eigenen Einzahlung. Dieses Missverhältnis zwischen Einsatz und Gewinn ist ein echtes Tragedy-of-the-Commons-Problem – egoistisches Eigeninteresse steht im Widerspruch zum Gruppeninteresse.

Normalerweise beginnen solche Experimente sehr kooperativ. Doch binnen weniger Runden bricht die Kooperation zusammen und niemand investiert mehr in das Gemeinschaftsgut. Jeder, der wieder zu kooperieren versucht, würde Geld verlieren, denn er bekäme nur die Hälfte jedes selbst investierten Euros zurück.

Im Gegensatz zur Allmende-Klemme haben die Menschen ein anderes Kooperationsproblem offenbar gelöst, die indirekte Wechselseitigkeit oder Reziprozität – "wer gibt, dem wird gegeben": Man ist kooperativ gegenüber solchen Mitmenschen, von denen man weiß, dass sie anderen geholfen haben. Diese Lösung wurde auch evolutionstheoretisch und experimentell vor einigen Jahren bestätigt.

Manfred Milinski, Dirk Semmann und Hans-Jürgen Krambeck vom Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön gingen nun von folgender Hypothese aus: Wenn es wichtig ist, für die indirekte Reziprozität einen hohen Geber-Status, also eine "guten Ruf" aufzubauen und dann nicht zu verlieren, sollte das auch für die Public-Goods-Situation gelten, wenn man in beiden Situationen immer wieder mit denselben Sozialpartnern zusammentrifft. Kooperiert man im Public-Goods-Spiel nicht, würde man folglich den Ruf, den man im Reziprozitäts-Spiel mühsam aufgebaut hat, möglicherweise wieder verlieren.

Also starteten die Forscher ein Experiment mit Gruppen von je sechs Studenten der Universität Hamburg, bei dem zehn Gruppen 16 Runden lang abwechselnd je eine Runde "indirekte Reziprozität" und eine Runde Public Goods spielten. In jeder Runde werden die sechs Spieler gleichzeitig gefragt, ob sie in den Gemeinschaftstopf einzahlen wollen. Neun andere Gruppen spielten hintereinander erst acht Runden Public Goods und dann acht Runden indirekte Reziprozität. Die Studenten spielten anonym unter einem Pseudonym und erhielten anschließend ihren Kontostand, wie bei solchen Experimenten üblich, tatsächlich bar ausgezahlt.

Was waren die Ergebnisse dieses Tests? Die Gruppen, die zuerst acht Runden Public Goods nacheinander spielten, begannen wie erwartet zu Anfang mit Kooperation, die jedoch schnell zusammenbrach. Hingegen hielten jene Gruppen, die abwechselnd indirekte Reziprozität oder Public Goods spielten, bis zur 16. Runde das hohe Anfangsniveau ihrer Kooperation aufrecht. Wer im Public-Goods-Spiel nicht in die Gemeinschaftskasse einzahlte, erhielt signifikant seltener Unterstützung in der anschließenden Runde und kooperierte deshalb im nächsten Public-Goods-Spiel wieder. Auf diese Weise erhielten diese Studenten am Ende des Spiels hohe Auszahlungen. Hingegen reicht offensichtlich allein die Einsicht, Kooperieren im Public-Goods-Spiel sei für alle das Beste, nicht aus, um die anfängliche Kooperation im Block von acht Runden dieser Variante aufrecht zu erhalten.

Milinski stellt abschließend dazu fest: "Die Auswirkungen dieser Erkenntnisse für die menschliche Gesellschaft werden sicherlich nicht darin bestehen, dass demnächst Weltklimakonferenzen nur noch kooperativ ausgehen. Doch es ist sicher hilfreich, wenn Staaten oder soziale Gruppen auf möglichst vielfältige Weise interagieren. Auf der anderen Seite muss man jetzt aber auch befürchten, dass es unerkannte Tragedies of the Commons gibt, die erst dann als solche deutlich werden, wenn andere Interaktionen, beispielsweise zwischen Staaten, wegfallen, die vorher die Kooperation zwischen den Parteien aufrecht erhalten haben."

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