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Anthropologie: Wider den Alleinvertretungsanspruch

Die US-amerikanische Kleinstadt Clovis stand jahrelang als Synonym für die ersten Amerikaner. Doch immer mehr wachsen die Zweifel, dass die Clovis-Kultur wirklich die älteste in der Neuen Welt war.
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José de Acosta war vermutlich der Erste. Der aus Spanien stammende Jesuit missionierte 1571 bis 1588 in Südamerika und kam dabei auf die verwegene Idee, die Vorfahren seiner indianischen Schäfchen seien irgendwie und irgendwann von Nordostasien nach Nordamerika eingewandert.

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Clovis-Speerspitzen | Mit steinernen Speerspitzen stellten die Clovis-Jäger Mammuts und Bison nach. Vermutlich kamen die Großwildjäger aus Sibirien nach Amerika. Aber waren sie die Ersten in der Neuen Welt?
350 Jahre später fand seine Theorie vom sibirischen Ursprung der ersten Amerikaner archäologische Unterstützung: 1929 entdeckte James Ridgley Whiteman in der Nähe der Kleinstadt Clovis im heutigen US-Bundesstaat New Mexico markant geformte Speerspitzen aus Stein. Zahlreiche weitere Funde in den gesamten USA sowie in Kanada und Mittelamerika zeugen auf Grund ihrer Ähnlichkeit von einem gemeinsamen Kulturkreis, der nach dem ersten Fundort als Clovis-Kultur bezeichnet wird.

Somit passte alles wunderbar zusammen: Vor vielleicht 13 000 Jahren verirrten sich steinzeitliche Großwildjäger aus Sibirien und gelangte über die damals trocken gefallene Bering-Straße nach Alaska. Der menschenleere Raum soll mit seinen Mammuts und Bisons paradiesische Zustände für die Pioniere geboten haben, die schnell weiter nach Süden vordrangen und somit schließlich den gesamten Doppelkontinent besiedelten.

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Clovis-Ausgrabung | Ausgrabung am Fundort Gault, einer der wichtigsten Fundstätten der Clovis-Kultur in Texas
Doch inzwischen wird an diesem Clovis-Modell heftig gerüttelt. Zwar bezweifelt niemand, dass tatsächlich einst Sibirer den Weg nach Amerika fanden. Aber waren sie wirklich die Allerersten? Funde in Südamerika, die mindestens so alt wie die Clovis-Spitzen sind – wenn nicht noch älter –, lassen Zweifel aufkommen.

Somit steht und fällt alles mit einer exakten Altersbestimmung. Die übliche Radiokarbon-Datierung, die den Anteil des radioaktiven 14C-Iotops misst, siedelte bisher die Clovis-Artefakte in einem Zeitraum von 11 500 bis 10 900 Jahre vor heute an – wobei "heute" für Archäologen das Jahr 1950 ist.

Diese Datierungsmethode setzt jedoch voraus, dass das Verhältnis der beiden Kohlenstoff-Isotope 14C und 12C in der Atmosphäre über Jahrtausende konstant blieb – was nicht der Fall war. Die "Radiokarbonjahre" müssen demnach in Kalenderjahre umgerechnet werden; die Clovis-Funde werden somit etwa 2000 Jahre älter. Erschwerend kommt hinzu, dass die Radiokarbon-Methode nicht direkt die steinernen Speerspitzen, sondern nur organische Beifunde wie Knochen, Holz oder Pflanzensamen datieren kann.

Michael Waters von der Texas-A&M-Universität hat nun zusammen mit Thomas Stafford jr. die Clovis-Funde kritisch begutachtet. Ihrer Ansicht nach sind etliche davon nicht eindeutig der Clovis-Kultur zuzuordnen und sollten daher bei einer Altersbestimmung nicht berücksichtigt werden. Übrig blieben elf Fundorte mit insgesamt 43 Proben, die sich die Forscher mit modernster Technik noch einmal vorgenommen haben.

Die 14C-Datierung – deren Genauigkeit die Forscher mit plus/minus 30 Jahre angeben – ergab nun eine Altersspanne von 11 050 bis 10 800 Radiokarbonjahren – umgerechnet also etwa 13 050 bis 12 800 Kalenderjahre vor "heute". Eine dendrochronologische Vergleichsmessung, die sich auf die Analyse von Baumringen stützt, siedelt den spätesten Beginn der Clovis-Kultur auf 13 125 und ihr frühestes Ende auf 12 925 Jahre vor heute an.

"Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Menschen innerhalb von 200 Jahren Nordamerika betraten, sich an unterschiedlichste Lebensräume anpassten und die Südspitze Südamerikas erreichten"
(Michael Waters und Thomas Stafford jr.)
Wie genau diese Datierungen auch seien, die Clovis-Kultur könnte demnach 450 Jahre später begonnen und 100 Jahre später untergegangen sein. Vor allem fällt die Kürze der Epoche auf: 250 Jahre – ziemlich wenig, um die 14 000 Kilometer bis nach Feuerland zurückzulegen.

"Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Menschen innerhalb von 200 bis 350 Kalenderjahren Nordamerika betraten, sich an Lebensräume von der arktischen Tundra über Grasländer, Wüsten bis hin zu Regenwäldern anpassten, dabei ihre Bevölkerung vermehrten und die Südspitze Südamerikas innerhalb von 10 bis 18 Generationen erreichten", betonen daher die Forscher. "Das bedeutet, dass schon vor Clovis eine menschliche Bevölkerung in der Neuen Welt existierte."

Ob den Clovis-Leuten wirklich nur eine kurze Blüte beschert war, bleibt in Archäologenkreisen umstritten. Genauso wie die Frage, wer denn dann als Erster den Boden der Neuen Welt betrat. Vielleicht kamen die wirklichen Pioniere übers Meer, vielleicht aber auch über die Bering-Straße – was schon José de Acosta geahnt hatte.
24.02.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.02.2007

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