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Babynahrung: Wie beugt man einer Lebensmittelallergie vor?

Die deutsche Leitlinie zur Allergieprävention ist seit August 2019 abgelaufen und wird derzeit überarbeitet. Experten in den USA empfehlen neuerdings, schon wenige Monate alte Babys mit Erdnussproteinen zu füttern.
Brot mit ErdnussbutterLaden...

Nur wenige Dinge unterliegen mehr Veränderungen und vergänglichen Moden als Ernährungstipps. Und das gilt selbst für die Empfehlungen von vertrauenswürdigen Gesundheitsbehörden. Vor rund zwölf Jahren wurde besorgten Eltern noch empfohlen, ihr Kind bis zum Alter von zwei bis drei Jahren nicht mit Nahrungsmitteln wie Erdnüssen oder Eiern zu füttern, wenn sie eine Allergie fürchteten. Doch nachdem Studien gezeigt hatten, dass diese Vorsichtsmaßnahme nichts brachte, nahm die American Academy of Pediatrics (AAP) 2008 die Empfehlung zurück.

In ihrer letzten Stellungnahme vom April 2019 hat die Akademie sogar eine komplette Kehrtwende vollzogen – zumindest zum Thema Erdnussallergie. Sie empfiehlt nun, Hochrisikokinder (jene mit schweren Hautausschlägen oder einer Allergie gegen Eier) bereits im Alter von vier bis sechs Monaten systematisch mit altersgerechten sicheren Erdnussprodukten zu füttern, um der verbreiteten und manchmal lebensbedrohlichen Allergie vorzubeugen. Kinder mit leichten oder moderaten Ekzemen sollten mit etwa sechs Monaten erstmals solche Produkte zu sich nehmen.

Die Wendung kommt nicht überraschend; sie folgt den Ratschlägen einer landesweiten Expertengruppe. Darin spiegeln sich die Ergebnisse großer randomisierter Studien wider. 2015 berichtete die britische Studie LEAP (Learning Early About Peanut Allergy), dass Hochrisikokinder, die im Alter von vier bis elf Monaten mit Erdnussprodukten gefüttert wurden, mit fünf Jahren um 81 Prozent seltener unter Erdnussallergien litten als vergleichbare Kinder ohne frühe Exposition.

Ähnliches meldete eine weitere britische Studie, EAT (Enquiring About Tolerance). Hatten Eltern ihre gesunden, gestillten, drei bis sechs Monate alten Babys protokollgerecht mit Erdnussproteinen, Eiern und vier anderen allergenen Lebensmitteln gefüttert, war deren Risiko für eine Lebensmittelallergie im Alter von drei Jahren um rund 67 Prozent geringer als bei einer Kontrollgruppe. Die stärksten Effekte waren bei Erdnüssen zu beobachten: Hier fiel die Rate auf null Prozent, verglichen mit 2,5 Prozent in der Kontrollgruppe. Allergien gegen Eier nahmen ebenfalls ab. Doch die Akademie wolle hier noch weitere Daten abwarten, sagt Scott Sicherer, Professor für Pädiatrie, Allergie und Immunologie an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai und Autor des oben genannten AAP-Berichts. »Wir wollen den Leuten nicht sagen, dass sie etwas tun sollen, wo es keine wirklich guten Beweise gibt.«

»Eltern essen diese Lebensmittel, dann berühren oder küssen sie ihre Babys, und die Moleküle dringen durch die Haut ein«
(Gideon Lack, Professor für Kinderallergologie am King's College London)

Sowohl Allergien als auch Ekzeme – ein wesentlicher Risikofaktor – nehmen zu. Eine Studie von Sicherer und seinen Kollegen aus dem Jahr 2010 zeigte: Der Anteil der Minderjährigen mit Allergie gegen Erdnüsse oder eine von drei anderen Nüssen ist zwischen 1997 und 2008 von 0,6 auf 2,1 Prozent gestiegen. Er hat sich damit mehr als verdreifacht. Eine führende Theorie dazu, wie sich diese Allergien entwickeln und welche Rolle Ekzeme dabei spielen, stammt von Gideon Lack, Professor für Kinderallergologie am King's College London und Seniorautor von LEAP und EAT. Seine »Hypothese der zweifachen Allergenexposition« besagt, dass wir eine Toleranz gegenüber Lebensmitteln entwickeln, wenn wir sie essen und so dem Immunsystem des Darms zuführen. Dringen die Allergene hingegen beim ersten Kontakt durch die ekzemgeschädigte Haut ein, können sie eine allergische Reaktion auslösen.

Experimente an Mäusen bestätigen diese Hypothese; die Nachweise beim Menschen sind jedoch nicht überzeugend. Lack weist darauf hin, dass Erdnussallergien häufiger in Ländern vorkommen, in denen Erdnüsse oder Erdnussbutter beliebt sind. Ebenso sei die Allergie gegen Senfkörner im senfbegeisterten Frankreich verbreitet und die Buchweizenallergie in Japan, wo man Buchweizennudeln auf der Speisekarte findet. »Eltern essen diese Lebensmittel, dann berühren oder küssen sie ihre Babys«, vermutet Lack, »und die Moleküle dringen durch die Haut ein.«

Die moderne Hygiene könne ebenfalls zur Entwicklung einer Allergie beitragen, sagt Lack. »Wir baden Säuglinge und duschen Kleinkinder meist einmal am Tag. Darunter könnte die natürliche Schutzfunktion der Haut leiden.« Forscher untersuchen derzeit, ob bestimmte Cremes diese natürliche Barriere stärken und Lebensmittelallergien vorbeugen können.

»Es ist in unserer Kultur einfach nicht üblich, kleinen Babys schon feste Nahrung zu geben«
(Gideon Lack)

Für 90 Prozent der Lebensmittelallergien sind acht Lebensmittel verantwortlich: Kuhmilch, Eier, Fisch, Schalentiere (wie Krabben), Erdnüsse und echte Nüsse (wie Haselnuss und Walnuss), Weizen und Sojabohnen. Einige Wissenschaftler glauben, das liege an den enthaltenen Proteinen, die sich auch bei Erwärmung und Verdauung als ungewöhnlich stabil erweisen und daher eher eine Immunantwort auslösen.

Es gilt heute als bestätigt, dass eine frühzeitige Exposition beim Essen Erdnussallergien vorbeugt, vielleicht auch anderen Lebensmittelallergien. Doch noch sind weitere Untersuchungen nötig, und eine fachgerechte Exposition ist gar nicht so einfach. In der EAT-Studie mussten die Eltern ihre Babys dazu bringen, von jedem der allergenen Lebensmittel mindestens vier Gramm pro Woche zu schlucken, und viele fanden das schwierig. Lack merkt an: »Es ist in unserer Kultur einfach nicht üblich, kleinen Babys schon feste Nahrung zu geben.«

Allergieprävention im Umbruch

Richtlinien und Praxis unterscheiden sich von Land zu Land. Die deutsche AWMF-Leitlinie zur Allergieprävention ist fünf Jahre alt und seit August 2019 nicht mehr gültig; sie wird derzeit überarbeitet. Neuere Studien legen nahe, dass das Risiko für eine Lebensmittelallergie sinkt, wenn Säuglinge schon mit wenigen Monaten potenzielle Allergene mit der Nahrung aufnehmen. Umstritten ist jedoch, ob vorher ein Allergietest nötig ist. Zur Sicherheit wird ein solcher Test empfohlen, besonders, wenn das Kind unter Ekzemen leidet. In jedem Fall sollten Eltern vorab einen Kinderarzt konsultieren. (Die Red.)

37/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37/2019

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