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News: Wir fallen aus dem Rahmen

Ein biologisches oder ökologisches System überlebt nur dann auf Dauer, wenn es sich innerhalb vertretbarer Grenzen bewegt. Denn ufert es aus, überschreitet es die Tragfähigkeit. Ein Gesetz der Natur, das die Menschheit konsequent missachtet.
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Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine zum anderen: "Du siehst aber schlecht aus." Jener antwortet: "Ich hab Homo sapiens." Tröstend erwidert der erste: "Mach Dir keine Sorgen. Das geht vorbei!"

Artensterben, Umweltverschmutzung, Lebensraumzerstörung – die Liste der Vorwürfe gegen den Menschen ist lang. Auf Kosten aller anderen Bewohner unseres Planeten verfolgt er seine eigenen Interessen, offenbar ohne Rücksicht auf Verluste. Noch hat er damit zwar für viele andere, aber nicht sich selbst das Grab geschaufelt. Das allerdings ist ungewöhnlich, denn normalerweise funktioniert und überlebt ein biologisches oder ökologisches System auf Dauer nur, wenn es sich innerhalb bestimmter Grenzen um einen verträglichen Mittelwert bewegt. Hat der Mensch diese Grenzen etwa noch nicht erreicht?

Er hat, sagen Charles Fowler vom Alaska Fisheries Science Center und Larry Hobbs von Inland Whale. Er hat sie sogar überschritten. Und diese von vielen geteilte Ansicht untermauern die Wissenschaftler nun nicht mit weichen philosophischen Überlegungen, sondern mit harten Fakten: Sie fischten sich Tierarten heraus, die sie dem Menschen beispielsweise in Größe oder Nahrungsbedarf für vergleichbar hielten. Für diese erstellten sie aus den Daten von 31 Studien ein Spektrum an Durchschnittswerten und Standardabweichungen für Aspekte wie CO2-Produktion, Energieverbrauch, Biomasseverzehr oder Verbreitungsgebiet. Jene Zahlen verglichen sie dann mit den entsprechenden Werten für die Menschheit.

Nur in einem Fall brauchen wir demnach kein schlechtes Gewissen zu haben: Wir verspeisen im Durchschnitt genauso viele Fische aus der Georges Bank wie die dort lebenden nicht menschlichen Konsumenten, also andere Säugetiere, Fische und Seevögel. Das ist doch schon einmal beruhigend. Ebenfalls in verträglichen Grenzen halten wir uns offenbar beim Verzehr nordatlantischer Makrelen (Scomber scombrus), vor allem, wenn der menschliche Verbrauch nur mit dem anderer Säugetierarten verglichen wird.

Doch in den anderen Fällen sprengt der Mensch jeglichen Rahmen. So überschreitet seine Populationsgröße die ähnlich großer anderer Säugetiere um mehr als zwei Größenordnungen und um mehr als vier Zehnerpotenzen den Durchschnitt der betrachteten Arten. Er produziert Kohlendioxid mit einer Geschwindigkeit, welche die ähnlicher Arten um drei Größenordnungen übersteigt. Und auch im Gesamtenergieverbrauch schlägt er vergleichbar dimensionierte Säugetiere um zwei Kommastellen.

Ähnlich, wenn auch weniger krass, sieht es bei der Konsumption von Biomasse aus, egal ob einzelne Arten, Artengruppen oder ganze Ökosysteme betrachtet werden, und ob es sich um marine oder terrestrische Lebensräume handelt. Und auch das Verbreitungsgebiet des Menschen ist schlicht exzessiv riesig – verglichen mit der Artenauswahl, denn gegen Bakterien oder manche Insekten würde sicherlich auch der Mensch noch zurückstehen müssen.

Basierend auf diesen ganzen Daten kommen die Forscher zu dem wohl wenig überraschenden Schluss: Nein, der Mensch ist nicht nachhaltig. Er raubt das System aus und mutet ihm zu viel zu, daher ist er auch primär für die heutigen Umweltprobleme verantwortlich. Ist der Mensch also einzigartig, weil er trotzdem noch lebt? Weil er sich mit Hilfe seiner Technologien über die Natur erhoben hat?

Mitnichten, argumentieren die Forscher: Natürlich sei der Mensch zwar einzigartig – aber eben nur genauso einzigartig wie jede andere Art auf unserem Planeten und wie sie alle auch Teil des Systems. Daher sei es nicht nur notwendig, auch für andere ökologische Faktoren die menschlichen Grenzen abzuklopfen. Es sei vor allem an der Zeit, dass wir uns als Teil des lebenden Systems verstehen und in den Rahmen zurückkehren – und dabei könnten dann selbst Daten wie die Bilanz des Fischverzehrs aus der Georges Bank den zuständigen Entscheidungsträgern weiterhelfen.

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