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»Das geheime Leben der Elemente«: Atome mit Charakter

Der Feind der Fälscher, der Giftmischer oder der Beruhigende: Die Chemikerin Kathryn Harkup präsentiert amüsante Geschichten über Atome wie Europium, Arsen oder Lithium. Eine Rezension
Periodensystem der Elemente

Die Chemikerin Kathryn Harkup hat ein ganz anderes Buch über die Atome der Welt geschrieben. Bei ihr haben die Elemente des Periodensystems Charakter. Lithium ist »der Beruhigende«, da es als Arznei in der Medizin eingesetzt wird, um Depressionen zu behandeln und die Stimmung zu stabilisieren. Europium markiert sie als »der Feind der Fälscher«. Denn auf Geldscheinen leuchtet dieses Element der seltenen Erden nicht nur schön farbig, es ist auch sehr teuer und erschwert so das Nachdrucken.

Kathryn Harkup ist Chemikerin und Autorin von Büchern, in denen es immer auf originelle Weise um ihr Fach geht. Mal schreibt sie rund um die Wissenschaft und Todesarten in »Frankenstein«, bei Shakespeare, bei James Bond oder Vampiren. Ihr aktuelles Buch »Das geheime Leben der Elemente« rund um das Periodensystem ist das erste, das auf Deutsch erschienen ist. Hier erzählt sie zu der Hälfte aller Elemente immer auf genau vier Seiten, was die Atome so besonders macht.

Giftmischer oder Schlitzohr: Elemente mit Charakter

Im Kapitel »Cobalt. Das Schlitzohr«, schildert sie, wie sich Bergleute täuschten, die irrtümlich dachten, sie hätten wertvolles Silber gefunden. Sie gaben dem ähnlich erscheinenden Brocken den Namen Kobolderz, abgeleitet von den Fabelwesen, die die Menschen in Sagen oft narren. Oder sie schreibt von »Thallium. Der Wolf im Schafspelz«, mit dem der US-amerikanische Geheimdienst einmal den kubanischen Staatschef Fidel Castro vergiften wollte. Auf den Schuhen aufgebracht sollte es Castro langsam vergiften. Denn Thallium präsentiert sich als gewöhnliches Kalium und schadet dem Körper nach und nach, ohne dass Ärzte den Verursacher schnell genug aufspüren.

»In einem Kampf würde man Wolfram stets an seiner Seite haben wollen«Kathryn Harkup

Doch wer glaubt, dies erscheine etwas zu vereinfachend, täuscht sich. Der innere Aufbau der Atome, die Wirkung der negativ geladenen Elektronen in chemischen Reaktionen, die je nach Position zum Kern aus positiv geladenen Protonen variiert: Das Buch liefert nicht nur chemisches Wissen, sondern auch etwas seltenere Informationen. So sprühte man im Viktorianischen Zeitalter eine Wolframverbindung auf Kleider, damit sie von Kerzen nicht so schnell in Brand gesetzt wurden. Die Limonade 7Up hat die Zahl Sieben von der Anzahl der Buchstaben von Lithium, einem ehemaligen Bestandteil des Getränks, da früher zu Unrecht die gesundheitliche Wirkung des Stoffs gepriesen wurde. So schafft es die Autorin, dass Atome und ihre Eigenschaften schneller und dauerhafter im Gedächtnis haften als vielleicht bei einem üblichen Sachbuch. Sie nutzt nicht nur Verweise aus Sciencefiction-Romanen, Alice im Wunderland oder Don Quijote – manchmal sind es auch Wortspiele, wie bei Wolfram: Dieses »Hart-wie-Stahl-Schwergewicht des Periodensystems« versprach ein attraktives Material für militärische Anwendungen zu sein. »In einem Kampf würde man Wolfram stets an seiner Seite haben wollen.« Das Buch kann Lust auf Chemie machen, sicher auch bei Menschen, die das Fach sonst eher meiden.

Der, der, der…

Aus dem englischen »the« in den Kapitelüberschriften macht die Übersetzerin fast immer ein »der«. Dabei hätte gerade Meitnerium als »der Ehrerbietende« eine weibliche Form haben müssen, geht es doch um Lise Meitner, eine Physikerin, die für ihre Leistungen bei der Entdeckung der Kernspaltung in die Ehrengalerie der Elemente des Periodensystems aufgenommen wurde. Im Buch heißt es allerdings »der  Giftmischer« für Arsen, »der Verrückte« für Quecksilber oder »der Gutaussehende« für Bismut: warum nicht auch mal ein »die« spendieren?

Das ist aber schon das Einzige, was es an diesem Buch zu kritisieren gibt. Es ist amüsant geschrieben, schön zu lesen und natürlich lehrreich. Zudem ist es keine Textwüste, sondern wunderbar farbig illustriert, und die Texte sind so erzählerisch geschrieben, dass sich auch Kinder gern in die kleinsten Bausteine der Welt einlesen.

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