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Buchkritik zu »Heillose Medizin«

Feindliche Soldaten, Verschwörer und Kopfgeldjäger – der englische König Charles II. (1630 – 1685) hatte viele Feinde, die ihm den Tod wünschten. Den entscheidenden Hieb jedoch versetzten ihm seine eigenen Ärzte. Als er im Februar 1685 einen Schlaganfall erlitt, eilten sie sofort an sein Krankenbett. Mit Aderlass und Schröpfen setzten sie ihm zu, stäubten ihm Nieswurzpulver in die Nase und flößten ihm die verschiedensten Kräuter und Tinkturen ein. Mal waren es Brech-, mal Abführmittel, und als der Monarch schon sichtlich geschwächt war, rasierten sie ihm die Haare und beschwerten das kahle Haupt mit einem glühenden Stück Eisen. Schließlich entkam der König seinen Peinigern – indem er starb.

Geht es uns heute besser als Charles II.? Nur bedingt, meint Jörg Blech. Viele der heute gängigen Therapien gegen Bandscheibenverschleiß, Arthrose, Herzbeschwerden, Alzheimer und Osteoporose sind kaum besser begründet als der Aderlass. Zum Beispiel die Infusionen, die Ärzte bei Hörsturz zu verschreiben pflegen: "Die Wirksamkeit keiner einzigen der darin enthaltenen Substanzen konnte bisher belegt werden."

Warum jubeln Mediziner ihren Patienten nutzlose Verfahren unter? Das Problem ist das System, meint Blech. "Es orientiert sich nicht an Verbrauchern, sondern an Ärzten. Sie bieten medizinische Leistungen an und steuern zugleich die Nachfrage danach. " Die Zahl der Rückenoperationen etwa steige linear mit der Zahl der verfügbaren Rückenchirurgen. Außerdem stehe mittlerweile in vielen Praxen der Kommerz an erster Stelle. Paradebeispiel sind die so genannten Individuellen Gesundheitsleistungen, die privat abgerechnet werden. Immer häufiger würden Ärzte ihren Patienten diese Prozeduren anbieten. Doch das sei rausgeschmissenes Geld. "Die allermeisten IGeL-Posten", schreibt Blech, "taugen nichts."

Der Trend vom "Heiler zum Händler " wird auch deutlich, wenn Ärzte einmal selbst krank werden: "Viele Pillen und Prozeduren, aber auch Vorsorgemaßnahmen, die den Bürgern als neuester Stand der Forschung gepredigt werden, lehnt die Mehrheit der Ärzteschaft für sich selbst ab."

Aber "Heillose Medizin" ist nicht einfach eine reißerische Ärzteschelte. Immer wieder betont Blech, dass die Medizin auch "viel Gutes bietet" und dass die meisten Ärzte wirklich bestrebt sind, ihren Patienten zu helfen. Es geht ihm nicht darum, dem Leser Angst vor dem nächsten Arzttermin einzujagen, sondern ihn aufzuklären, damit dieser der medizinischen Praxis nicht mehr allzu blauäugig gegenübersteht. "Menschen werden umso seltener behandelt werden, je besser sie informiert sind", glaubt Blech. "Wissen ist die beste Medizin" lautet deshalb sein Rezept gegen die "Übertherapie".

Ein guter Ansatz, doch verkennt Blech, dass viele Ärzte auf kritische Fragen empfindlich reagieren. "Alle Patienten müssen so gut informiert sein wie Ärzte", verlangt er. Das ist utopisch, überfordert den Normalbürger und unterschätzt maßlos die Bedeutung einer medizinischen Ausbildung. Interessant ist aber sein Vorschlag, "einen Verbraucherschutz für Patienten" einzurichten.

"Heillose Medizin" ist ein gut recherchiertes Aufklärungsbuch. Sein großes Plus ist zugleich auch sein Problem: die zahlreichen Studien und Statistiken, mit denen Blech seine Behauptungen belegt. Dieser Datenwust nimmt einen Großteil des Inhalts ein und verdrängt Blechs Tipps zum Schutz vor fragwürdigen Therapien auf die letzten zehn Seiten. Trotz der vielen Zahlen ist das Buch gut lesbar und allgemein verständlich. Als Medizinredakteur des "Spiegel" versteht Blech sein Handwerk. Sein erstes Buch "Die Krankheitserfinder" stand wochenlang ganz oben auf den Bestsellerlisten.

Zu empfehlen ist "Heillose Medizin" besonders denjenigen, die noch jedes Mal vor Ehrfurcht erstarren, wenn sie einen Arztkittel sehen. Dann würden auch diese Leute der medizinischen Praxis ein wenig kritischer gegenüberstehen.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 8/2006

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